Nilfieber

Im viktorianischen Zeitalter galt die Suche nach der Quelle des Nils als das größte wissenschaftliche Abenteuer, welche auch von der europäischen und amerikanischen Bevölkerung mit Begeisterung beobachtet wurde. Schon seit mehr als 2.000 Jahren versuchten Menschen dieses große Geheimnis zu enträtseln. Wo entsprang der Nil? Was verursachte die jährliche Nilschwemme?

Der griechische Historiker Herodot besuchte 460 v.Chr. Ägypten und erforsche das Land und den Nil, doch er konnte das Rätsel nicht lösen. Den nächsten Versuch, das Geheimnis zu enträtseln wurde auf Geheiß des der römischen Kaisers Nero im 66 n.Chr. begonnen. Er sandte zwei seiner Centurionen nilaufwärts. Sie folgten dem weißen Nil bis zum Sumpfgebiet des Sudd. Doch die Sumpfpflanzen versperrten ihnen den Weg und sie mussten aufgeben. In der Antike galt bald der Ausspruch „Caput Nili quaevere“, also „Den Kopf des Nils zu finden“ oder die Suche nach seiner Quelle als als Synonym für unlösbare Aufgaben, ähnlich dem heutigen „die Stecknadel im Hauhaufen suchen“. Rund 100 Jahre später zeichnete der griechischer Geograph Ptolemäus eine Karte Afrikas. Auf ihr entspringt der Nil weit unterhalb des Äquators aus zwei riesigen Binnenmeeren in der Nähe von schneebedeckten Bergen, den „Bergen des Mondes“. Die Informationen zu dieser Karte hatte Ptolemäus aus Aufzeichnungen von Abenteurern und Seeleuten entnommen, die von hohen Bergen und großen Seen im Süden berichteten. Erstaunlich, wie er damit der Wahrheit schon sehr nahekam.

Die Entdeckung der Nilquellen wurde nicht nur durch die geographischen, kriegerischen und medizinischen Verhältnisse oder die üppige Vegetation erschwert, sondern auch durch die große Anzahl möglicher Nilquellen in einem riesigen Gebiet. Auch war unter den Forschern die Frage strittig, ob die Wassermenge oder der südlichste Punkt die Entscheidung für den Nilursprung bringen sollte. Es gab also unterschiedliche Theorien und endlose Diskussionen, wo und wie die Quelle erreicht werden könnte. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in der westlichen Welt eine Art „Nilfieber“ und dutzende Forscher und Abenteuer machten sich auf, um den Ort der Nil-Quelle zu entdecken. So wurden immer wieder neue Ergebnisse der Afrikaforschung präsentiert. Der portugiesische Jesuitenmissionar Pater Pedro Paez entdeckte 1613 die Quelle des Blauen Nil, welche durch den schottische Afrikaforscher James Bruce am 4. November 1770 erneut bestimmt wurde. Nun konzentrierte sich die Afrikaforschung auf den Hauptstrom, den Weißen Nil, aber es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis die Frage nach der Quelle endgültig gelöst war.

Krapf und Rebmann

1844 gründete der deutsche Missionar Johann Ludwig Krapf in Ostafrika nördlich von Mombasa eine Missionsstation. Meist zusammen mit dem Missionar Johannes Rebmann unternahm er mehrere erfolgreiche Reisen ins Binnenland. Bei diesen Entdeckungsreisen ins Innere Ostafrikas, bei denen eigentlich die Missionsarbeit im Vordergrund stand, entdeckte Rebmann am 11. Mai 1848 für die westliche Welt den Kilimandscharo und Krapf am 3. Dezember 1849 das Mount-Kenya-Massiv. Nachdem Krapf und Rebmann wiederholt Berichte über die Existenz eines großen Binnensees erhalten hatten, legten sie diese Erkenntnisse auf einer Karte für die Royal Geographical Society nieder und gaben damit den Anstoß zu einer ersten große und organisierten Expedition nach Innerafrika.

Johann Ludwig Krapf

Burton und Speke

Diese Expedition der britischen Royal Geographical Society begann im Jahr 1856 und wurde von Richard Francis Burton und John Henning Speke unternommen, zwei Charaktere, die nicht allein durch ihre Forschungsergebnisse, sondern auch durch ihre erbitterte Rivalität in die Geschichte eingehen sollten.

Richard Burton als eine schillernde Persönlichkeit des englischen Empire zu beschreiben, dürfe eine maßlose Untertreibung sein. Er sprach dutzende Sprache, war ein außergewöhnlich talentierter Fechter und hatte bereits spektakuläre Reisen unternommen. Auf der anderen Seite hatte er aber auch eine Vorliebe für Wein, Frauen, Kampf, Glücksspiel und Mystik. Während seiner Militärzeit in Indien zog er oft einheimische Gewänder an und perfektionierte seine Fähigkeit, als Einheimischer durchzugehen. Es war diese Fähigkeit, die es ihm ermöglichte im Jahr 1853, als muslimischer Pathan verkleidet, in die für Christen verbotenen Stätten von Mekka und Medina vorzudringen. Auf seinen späteren Afrikareisen spielte er jedoch die Rolle des englischen Gentlemans bis zum Anschlag.

Richard Burton

Burton wählte als seinen Begleiter den indischen Offizierskollegen Leutnant John Hanning Speke aus. Diese beiden Personen schienen perfekt für die Aufgabe geeignet zu sein. Burtons sprachliche Fähigkeiten und sein Mut und Einfallsreichtum machten ihn zu einem offensichtlichen Anführer. Speke schien fast ebenso geeignet zu sein, denn er hatte im Himalaya beträchtliche Erfahrung im Sammeln botanischer und zoologischer Exemplare erworben und war auch ein versierter Landvermesser. Obwohl die beiden Persönlichkeiten sich gegenseitig zu ergänzen schienen, waren sie in Wirklichkeit völlig unvereinbar. Schon im Jahr 1854 hatten die beiden eine Expedition unter der Führung von Burton nach Somalia unternommen, um von der Küste aus nach Zentralafrika vorzudringen. Begleitet wurden Burton und Speke von zwei Offizierskollegen, Lieutenant Herne und Lieutenant Stroyan sowie eine Reihe von Afrikanern, die als Träger angestellt waren. Kurz nachdem sie an der Küste eingetroffen waren, wurde ihr Lager von einer Gruppe somalischer Krieger angegriffen. Im folgenden Kampf wurde Stroyan getötet und Burton und Speke schwer verwundet. Speke hatte man gefangengenommen und mehrmals mit Speeren durchbohrt, bevor er sich befreien und fliehen konnte. Burton wurde von einem Speer aufgespießt, wobei die Spitze in eine Wange eindrang und aus der anderen austrat. Diese Wunde hinterließ eine bemerkenswerte Narbe, die auch auf späteren Porträts und Fotografien zu erkennen ist. Die Expedition wurde nur vor dem Untergang gerettet, weil ein befreundeter arabischer Bootsmann die Überlebenden zurück nach Aden brachte. Obwohl Burton in seinem Bericht an die Royal Geographical Society Speke kritisierte, fügte er dennoch Spekes Notizen zur Botanik und Zoologie des Gebiets zu seinem Bericht hinzu. Speke fühlte sich gedemütigt und misshandelt. Ihre Beziehung war dadurch bereits jetzt vergiftet. Doch trotz dieser frühen Differenzen wurde Speke von Burton eingeladen, an seiner offiziellen „Great Lakes“-Expedition nach Zentralafrika im Jahr 1856 teilzunehmen. Burton sagte später, dass er Speke mitnahm, um ihm eine weitere Chance zu geben. Speke war jedoch entschlossen, durch die Entdeckungen eigenen Ruhm zu erlangen.

John Hanning Speke

1857 schifften sich die beiden Partner in Bombay ein und landeten schließlich in Sansibar. Hier trafen sie hastige Vorbereitungen für den Marsch von Bagamoyo ins Landesinnere. Mit Hilfe des britischen Konsuls Colonel Hamerton stellten Burton und Speke ihre Gruppe zusammen, die 36 afrikanische Träger, 10 bewaffnete Sklaven, vier Treiber für die Esel und eine Gruppe von Baluchi-Soldaten umfasste. Es war viel zusätzliche Ausrüstung erforderlich, darunter Munition, Medikamente, Vorräte und ein Eisenboot in sieben Abschnitten, dass es ihnen ermöglichen sollte, den großen See zu erkunden. Infolgedessen wurde eine zweite Karawane organisiert, um die zusätzlichen Vorräte zu transportieren, die ihnen folgen sollte. Am 25. Juni 1857 begann der Marsch.

Die Kolonne bewegte sich in einem langsamen Tempo. Disziplinlosigkeit war die Regel, Diebstahl weit verbreitet, und Desertionen begannen, sobald die Männer von der Küste abmarschiert waren. Innerhalb von drei Wochen hatten sie erst 118 Meilen, beide Männer waren bereits so krank, dass sie oft getragen werden mussten. Als sie schließlich Morogoro erreichten, waren sie, wie Burton notierte, „körperlich und moralisch handlungsunfähig“. An diesem Punkt meuterten die Baluchi-Soldaten und mussten von einem abgemagerten Burton in Schach gehalten werden, der ihnen mit einem Revolver in der Hand entgegentrat. Während der gesamten Reise und trotz seines schlechten Gesundheitszustands setzte Burton seine ethnologischen Studien fort, die für die Eingeborenen so wenig schmeichelhaft waren, dass sie heute nicht mehr gedruckt werden können. Als sie Ugogo erreichten, war die Hälfte, der für ein Jahr vorgesehenen Vorräte verbraucht oder gestohlen worden. Dies war sehr schwerwiegend, da die örtliche Steuer, genannt „Hongo“, die an die Häuptlinge zu zahlen war, deren Land sie passierten, allmählich stieg und aus den von ihnen mitgeführten Vorräten bezahlt werden musste.

Die Gesundheit der Reisenden verbesserte sich, als sie das Savannenland erreichten. Zerfetzt und abgemagert kamen die beiden Engländer am 7. November 1857 in Kazeh an, Speke war an einer Augenentzündung fast erblindet. Dort erfuhren sie, dass es nicht einen, sondern drei große Seen oder Binnen-Meere gab. Es handelte sich um den heutigen Malawisee im Süden, den Tanganjikasee direkt vor ihnen sowie dem Viktoriasee im Norden. Am Morgen des 14. Dezember waren sie in Sichtweite des Tanganjikasees und versuchten trotz ihrer körperlichen Schwäche, den See mit einem Kanu zu erkunden. Die vordringlichste Aufgabe war es, herauszufinden, welche Abflüsse es aus dem See gibt, und so festzustellen, ob der Nil hier seinen Ursprung hatte. Aber sie konnten das nördliche Ende des Sees nicht erreichen. Die Eingeborenen versicherten ihnen jedoch, dass es am nördlichen Ende einen Fluss gibt, den Ruzizi, der in den See mündet und nicht aus ihm herausfließt, was bedeutet, dass er nicht die Quelle des Nils sein kann.

Ihre Lage schien nun so verzweifelt, dass Burton beschloss, mit Neuigkeiten über die bisher gemachten Entdeckungen nach Sansibar zurückzukehren. Speke behauptete später, er habe vorgeschlagen, dass sie von Ujiji nach Norden marschieren sollten, aber Burton fühlte sich dazu nicht in der Lage, obwohl die Hilfskarawane eingetroffen war. Diese war jedoch unterwegs schwer geplündert worden, und die mitgebrachten Waren reichten nicht aus, um der Expedition zu ermöglichen, ihren weiteren Weg mit Tauschwaren zu bezahlen. Als Burton seine ethnologischen Untersuchungen fortsetzte, war Speke wütend über die Zeitverschwendung, also überredete er Burton, ihm zu erlauben, eine kleine Gruppe auf einen dreiwöchigen Marsch zum angeblichen „Meer“ im Norden mitzunehmen.

Speke unternahm einen Streifzug nach Norden, und drei Wochen später, am 3. August 1858, erblickte er die riesige Weite des Meeres von Ukewere, von dem sofort glaubte, dass es sich um die ptolemäische Quelle des Nils handelte. Er eilte zurück zu Burton, um ihn über die große Entdeckung zu unterrichten. Burton nahm die Informationen zunächst gelassen auf, dann, nachdem er anerkannte, dass Speke „einen“ See gefunden hatte, verlangte er zu wissen, welchen Beweis er hätte, dass es sich tatsächlich um „den“ See, also die Quelle des Nils handelte. Und damit begann ein historischer Streit, bei dem Speke, ohne wissenschaftliche Grundlage (aber am Ende zutreffend) argumentierte, der Viktoriasee sei der Geburtsort des Nils, während Burton behauptete, es sei der Tanganjikasee. Nach seiner Genesung kehrte Burton nach England zurück und stellte fest, dass Speke, der vorausgeeilt war, seine Version bereits der Royal Geographical Society vorgelegt hatte.

Speke und Grant

Zu Burtons Ärger bevorzugte die Royal Geographical Society Spekes Schlussfolgerungen, und 1860 wurde dieser zur weiteren Erkundung nach Afrika zurückgeschickt. Gemeinsam mit James Augustus Grant, einem Freund aus seiner Zeit bei der britischen Armee in Indien, unternahm Speke eine Expedition in den Jahren 1860–63, bei der er erneut den Viktoriasee erreichte. Grant blieb dort wegen Krankheit zurück, und Speke machte sich allein weiter auf nach Norden, in Richtung des erhofften Nilaussflusses aus dem See. Am 21 Juli 1862 hatte Speke dann tatsächlich den Viktoria-Nil erreicht. Er folgte ihm eine Woche stromabwärts, bis er zu Wasserfällen kam, die er nach dem Präsidenten der Royal Geographical Society „Ripon-Fälle“ nannte. Jetzt gab es für Speke keinen Zweifel mehr. Der Nil musste im Victoria-See entspringen. Wie geplant, gelang es Speke, dem Verlauf des Flusses bis nach Khartoum zu folgen, wo er bei seiner Ankunft sofort ein Telegramm nach London schickte, und diesen Inhalt übermitteln ließ: „The Nile is settled!“

Speke und Grant

1863 kehren Grant und Speke wieder nach London zurück und wurden wie Nationalhelden gefeiert. Sie konnten jedoch Spekes Theorie nicht vollständig beweisen, da sie den Verlauf des Flusses nicht kontinuierlich verfolgt hatten. Die widersprüchlichen Behauptungen von Burton und Speke führten dazu, dass für den 16. September 1864 eine Debatte in den Räumen der Royal Geographical Society angesetzt wurde. Am Tag vor dem Treffen starb Speke jedoch unter mysteriösen Umständen bei einem Jagdunfall. Obwohl es sich höchstwahrscheinlich um einen Zufall handelte, wurde von einigen behauptet, dass er Selbstmord begangen hatte.

Debatte der Royal Geographical Society

Samuel und Florence Baker

Eine höchst ungewöhnliche Geschichte verband den britischen Forscher Samuel White Baker mit seiner zweiten Frau mit Namen Florence. Florence wurde Anfang der 1840er Jahre als Tochter einer deutschstämmigen Adelsfamilie in Ungarn geboren. Sie war noch ein Kind, als ihre Familie in die Wirren der ungarischen Revolution von 1848/9 geriet und diese auf ihrem Familiensitz in Siebenbürgen ermordet wurden. Als Waise und allein in einem Flüchtlingslager wurde sie von einem armenischen Sklavenhändler aufgenommen und schließlich in einem Harem aufgezogen. Im Jahr 1859, als sie ungefähr 14 Jahre alt war, brachte man sie zu einer Auktion für weiße Sklaven, wo sie verkauft werden sollte. Samuel Baker, der zu dieser Zeit im Osmanischen Reich den Bau einer Eisenbahn zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer leitete, nahm zufällig an dieser Auktion teil und kaufte die junge Florence. Sie wurde zunächst seine Reisebegleiterin und später seine Ehefrau. Baker erzählte eine Version, in welcher Florence bei dieser Aktion von einem osmanischen Pascha gekauft wurde. Er entführte sie dann bei erster Gelegenheit, da er sich bei ihrem Anblick augenblicklich verliebt hatte. Diese Version der Geschichte gilt jedoch als äußerst zweifelhaft und ist wohl eher auf eine romantische Wunschvorstellung zurückzuführen.

Samuel und Florence Baker

Der leidenschaftliche Großwildjäger Baker beabsichtigte im Jahr 1861 eine ausgedehnte Jagdreise nach Ägypten und in den Sudan zu unternehmen. Baker verbrachte ein Jahr an der sudanesisch-abessinischen Grenze, wo er Arabisch lernte und den Atbara und die anderen Nebenflüsse des Nils erkundete. Nach diesem Aufenthalt reiste er nach Khartum, um den Lauf des Weißen Nils zu verfolgen. In Begleitung von Florence, die in ihrer Kindheit ebenfalls arabisch gelernt hatte, zog er im Dezember 1862 mit einer Karawane nilaufwärts. Sein Ziel waren die Quellen des Weißen Nils.

Samuel und Florence Baker in Expedition-Ausstattung

Die Expedition bestand aus drei Schiffen und einer 98-köpfige Reisegruppe, darunter 45 bewaffnete Männer. In Gondokoro trafen sie am 15. Februar 1863 mit John Hanning Speke und James Augustus Grant zusammen, die ihre Expedition beendet hatte und sich nun nilabwärts auf dem Heimweg befanden. Zunächst war Samuel Baker enttäuscht darüber, dass die Suche nach der Nilquelle scheinbar beendet war, doch Speke gab Baker seine Karten und Informationen über einen unbekannten See, der ein weiters Puzzleteil im des Nil-Quellen-Rätsels sein konnte. Das Baker-Paar fuhr weiter nach Süden, stieß auf feindselige Sklaven- und Elfenbeinhändlern und musste die Desertion eines Großteiles ihrer Männer verkraften. Schließlich erreichten sie das von Kamrasi regierte Königreich nördlich und westlich des Viktoriasees. Die Erpressungsversuche des Königs, zu der auch die Forderung nach Florenz gehörte, verzögerte die Weiterreise, aber mit enormer Entschlossenheit kämpfte Baker sich weiter nach Süden.

Doch die Strapazen waren für Florence zu groß und schließlich fiel sie durch einen Sonnenstich ins Koma und musste auf einer Trage befördert werden. Nach vielen Prüfungen und Wirrungen gelang ihnen schließlich ein gewissen Erfolg, als die beiden geheimnisvollen See im heutigen Uganda entdeckte, die Stelle lokalisierten, an der der Weiße Nil in den See mündete und stromaufwärts auf die mächtigen Murchison Wasserfälle stießen. Zu Ehren des 1861 verstorbenen Prinzgemahls der Königin Victoria von Großbritannien, Prinz Albert, gab Baker dem entdeckten Gewasser den Namen Albertsee. Auf dieser Expeditionsreise sahen die Bakers auch die noch wenig bekannten Gebirgsmassen, die erstmals von Henry Morton Stanley gesichteten Schneekappen des Ruwenzori-Massivs. Im Mai 1865 waren sie wieder in Khartoum und kehrten im Oktober nach England zurück. Später wurde er vom osmanischen Vizekönig nach Ägypten zurückgerufen, um das Kommando über eine Militärexpedition in die obere Nilregion zu übernehmen – aber das ist eine andere Geschichte.

Livingstone

Im Jahr 1866, drei Jahre nach Spekes Rückkehr aus Ostafrika und der folgenden Debatten entschloss sich die Royal Geographical Society, einen dritten Versuch zu starten. Sie engagierte dafür den erfahrensten und bekanntesten Afrikaforscher seiner Zeit, David Livingstone.

David Livingstone

Livingstone war zunächst im Jahre 1840 als Missionar nach Südafrika gereist. Er begann die Region zu erkunden und machte in den nächsten 15 Jahren bedeutende Entdeckungen, wie die Victoriafälle des Sambesi. Nach einem kurzen Aufenthalt in Europa kehrte er zu einer neuen Expedition nach Südafrika zurück und blieb dort bis 1864.

Gerade erst von seiner Forschungsreise zurückgekehrt, machte der Entdecker sich 1866 auf, das Gebiet zwischen dem Tanganjikasee und dem südlicher gelegenen Lake Nyaza im Auftrag des Royal Geographical Society zu erkunden. Er war den Rovuma hinauf zum Malawisee gereist, umging dessen Südufer, überschritt den Chambeshi, einen der Quellflüsse des Kongo, gelangte im April 1867 an das Südende des Tanganjikasees und erreichte im April 1868 den Moerosee, nachdem er zuvor dessen Ausfluss entdeckt hatte, den Lualaba. Im Mai 1868 erreichte er den Cazembe, durchreiste dann dessen Gebiet nach Süden und entdeckte am 18. Juli den Bangweolosee. Von dort wandte er sich nach Norden und gelangte am 14. März 1869 erkrankt nach Ujiji am Tanganjikasee. Da England mehr oder weniger seit Beginn der Reise kein Lebenszeichen mehr von Livingstone aus Afrika erhalten hatte, vermutete man das Schlimmste. Man nahm an, der Forscher sei getötet worden oder an einer Krankheit verstorben.

Stanley

Livingstone blieb mehrere Jahre verschollen, so dass ein amerikanischer Reporter des „New York Herald“, Henry Morton Stanley, den Auftrag erhielt, eine Suchexpedition zu starten.

Henry Morton Stanley

Henry Morton Stanley hieß eigentlich John Rowlands. Er wurde 1841 als uneheliches Kind in Wales geboren. Als Waise wuchs er schließlich in einem Armenhaus auf. Mit 17 Jahren machte er sich als Schiffsjunge nach Amerika davon. Bei einem Baumwollhändler in New Orleans fand er Arbeit und ein Zuhause. Der Amerikaner mit Namen Stanley adoptierte den Jungen sogar. Dieser nahm seinen Namen und die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte er dann auf beiden Seiten, nach Ende des Krieges wurde er schließlich Journalist.

Nach einigen Umwegen erreichte Stanley im Januar 1871 Sansibar, den Ausgangspunkt seiner Expedition nach Afrika. Er stellte dort seine Expedition zusammen, organisierte Träger und Vorräte. Im März brach er von Bagamoyo aus auf. Acht Monate später kam er in Ujiji an, wo er tatsächlich auf den Verschollenen traf. „Dr. Livingstone, wie ich vermute?“ sind seine berühmten ersten Worte an den Forscher. Livingstone war zu diesem Zeitpunkt zwar schwerkrank und litt unter Nahrungsmangel, erholte sich dank Stanleys Vorräte jedoch schnell wieder. Gemeinsam erkundeten sie erneut das Nordende des Tanganjikasees und bestätigten die Feststellung Burton und Spekes, dass dort nur ein Fluss hinein, aber keiner herausfloss. Im März 1872 trennte sich Stanley wieder von Livingstone. Livingstone starb schließlich 1873, ohne die Nilquellen jemals gefunden zu haben.

Angeregt durch seine Erfahrungen mit dem Afrikaforscher entschied Stanley sich, nun selbst eine Expedition durchzuführen. Im November 1874 verließ die größte und bestausgerüstete Expedition, die es bisher gab, die Ostküste Afrikas. 365 Träger, Führer und bewaffnete Askaris zogen in die Wälder, ins immer noch kaum erforschte Innere des Kontinents. Die Karawane transportierte auch ein zerlegbares Boot, die „Lady Alice“. Mit diesem Boot wollte Stanley auf dem Wasserweg nach einer Verbindung zwischen Nil und Tanganjikasee oder Viktoriasee suchen.

Mithilfe des Schiffes gelang ihm, was seine Vorgänger so lange vergeblich versucht hatten, er bewies eindeutig, dass es zwischen Tanganjikasee und Nil keinerlei Verbindung gab, wohl aber zwischen Viktoriasee und Nil. Doch Stanley ging noch weiter nach Westen, bis nach Njangwe am oberen Lualaba und folgt dem Fluss auf Booten arabischer Sklavenhändler. Am 9. August 1877 erreichte Stanley schließlich bei Boma die Mündung am Atlantischem Ozean. Er war auf dem Kongo gefahren und hatte dabei Zentralafrika durchquert. Von den ursprünglich 365 Männern waren nur noch 114 bei ihm. Der Rest war geflohen oder tot. Stanley war für seinen Erfolg über Leichen gegangen, aber er hat sich eingereiht in die Gruppe der großen Afrika-Entdecker.

Damit war, zehn Jahre nach der öffentlichen Demontage des Entdeckers John Hanning Spekes, der Streit um den Ursprung des Nils endgültig entschieden und Speke rehabilitiert. In England war man jetzt mehr als zufrieden mit Stanleys Ergebnissen, denn das Königreich konnte sich endgültig als stolzer Sieger im Wettlauf um die Entdeckung des Nilursprungs präsentieren.

Kandt und Waldecker

Tatsächlich aber hatte keiner der bisher erwähnten Afrikaforscher die eigentlichen Quellen gefunden. Erst Jahre später wird sich herausstellen, dass der gigantische Strom zwei Quellflüsse hat. Der längere von beiden ist der Kagera. Sein Quellbach ist der Luvironza, der in Burundi entspringt. Von dort aus bis ins Mündungsdelta am Mittelmeer sind es 6.671 Kilometer. Die Quelle des Kagera-Nil am Luvironza wurde 1893 von Oskar Baumann und Oskar Lenz gemeinsam entdeckt, aber nicht kartografiert. Erst 1937 wurde die geographische Lage der Luvironza-Quelle vom deutsch-belgischer Afrikaforscher Burkhart Waldecker (1902–1964) genau bestimmt. Der Weiße Nil entspringt hier am südlichsten Punkt aller Zuläufe unterhalb des Berges Kikizi als Kasumo und geht in den Luvironza und den Ruvuvu über, der schließlich in den schiffbaren Kagera und den Viktoria-See mündet. Am Berg Kikizi befindet sich auch das „Dach Afrikas“, die Wasserscheide zwischen dem Nil und dem Kongo, dem Mittelmeer und dem Atlantik. Die Quelle wird bis heute durch ein 1938 errichtetes pyramidenförmiges Monument markiert.

Richard Kandt

Der zweite und kürzere Quellfluss des Nils ist der Rukarara. Er entspringt im Süden des burundischen Nachbarstaates Ruanda. 1898 entdeckte Richard Kandt die Rukarara-Quelle im Nyungwe-Wald.

Diese Pyramide steht an der Quelle des Nils

Film-TIPP

Zu diesem Thema gibt es eine sehr gute 6-teilige TV-Miniserie mit dem Titel „Die Suche nach den Quellen des Nils“ (Search for the Nile). Das Ganze ist ein Dokumentarspiel der BBC. Die Drehbuchautoren Michael Hastings und Derek Marlowe verfassten eine interessante und spannende Geschichte, mit einer für diese Zeit ungewöhnlich guten Ausstattung. Einige Schauspielgrößen wie Kenneth Haigh, John Quentin, Ian McCulloch, Barbara Leigh-Hunt oder Catherine Schell wurden für die Hauptrollen engagiert und geben eine authentisch wirkende Darstellung.

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