Maunsell Forts – Festungen im Meer

Wer vom Hafen des britischen Küstenortes Whitstable auf die Themsemündung blickt, erwartet dort Schiffe, Bojen und die endlose Weite der Nordsee zu sehen. Doch mitten in diesem scheinbar grenzenlosen Wasser stehen merkwürdige Konstruktionen aus Stahl und Beton, die Maunsell Forts.

Die futuristisch wirkenden Seefestungen wurden während des Zweiten Weltkriegs errichtet und sollten Großbritannien vor deutschen Luftangriffen und feindlichen Schiffen schützen.

Benannt sind die Forts nach ihrem Konstrukteur Guy Maunsell, einem britischen Bauingenieur, der bereits Erfahrungen mit außergewöhnlichen Stahlbetonkonstruktionen gesammelt hatte. Seine Idee war ebenso ungewöhnlich wie einfach. Sollte der Feind über das Meer und die Flussmündungen nach England gelangen konnte, musste man die Verteidigungsanlagen eben direkt ins Wasser bauen.

Die Konstruktion der Abwehranlagen bestand grundsätzlich aus einer Plattform, die von zwei hohlen Türmen getragen wurde. Diese Türme waren durch mehrere Ebenen miteinander verbunden. Auf der Plattform befanden sich die eigentlichen militärischen Einrichtungen, darunter Geschütze, Unterkünfte, Funkanlagen, Generatoren und weitere technische Ausrüstung.

Das Erscheinungsbild war entsprechend ungewöhnlich. Aus der Ferne wirkten die Türme beinahe wie riesige metallene Spinnen, die sich aus dem Wasser erhoben. Für die Besatzungen waren sie allerdings kein futuristisches Kunstwerk, sondern ein äußerst beengter und teilweise ungemütlicher Arbeitsplatz.

Army Forts

Der wichtigste Grund für den Bau der Forts war die Gefahr deutscher Luftangriffe. Die Themsemündung besaß eine große strategische Bedeutung. Über die Themse gelangten Schiffe nach London sowie zu wichtigen Industrie- und Hafenanlagen. Während des Zweiten Weltkriegs war Großbritannien deshalb ständig von deutschen Bombern bedroht.

Gleichzeitig bestand die Gefahr, dass deutsche Flugzeuge Minen in den Zufahrten zu den britischen Häfen abwarfen. Die Forts sollten daher insbesondere die Luftverteidigung verstärken. Ihre Geschütze konnten feindliche Flugzeuge bekämpfen, während Beobachtungs- und Feuerleiteinrichtungen dazu dienten, den Luftraum zu überwachen und den Einsatz der Geschütze zu koordinieren.

Im Bereich der Themsemündung wurden insgesamt drei größere Gruppen von Maunsell Forts für die britische Armee errichtet:

  • Red Sands Forts
  • Shivering Sands Forts
  • Nore Fort

Die Anlagen lagen mehrere Kilometer vor der Küste und bildeten damit eine vorgeschobene Verteidigungslinie. Besonders bekannt sind heute die Red Sands Forts und die Shivering Sands Forts, deren charakteristische Türme noch teilweise aus dem Wasser ragen.

Die Bewaffnung bestand hauptsächlich aus Flugabwehrgeschützen. Hinzu kamen leichtere Waffen zur Nahverteidigung. Die Forts verfügten außerdem über Feuerleit- und Beobachtungseinrichtungen, mit denen die Besatzungen den Luftraum überwachen konnten.

Navy Forts

Neben den Anlagen der Armee entstanden in der Themsemündung auch größere Forts für die Royal Navy. Diese waren deutlich umfangreicher und sollten nicht nur Flugzeuge bekämpfen, sondern auch feindliche Schiffe und Schnellboote abwehren.

Zu diesen Anlagen gehörten unter anderem:

  • Rough Sands Fort
  • Sunk Head Fort
  • Tongue Sands Fort
  • Knock John Fort

Die Navy Forts waren wesentlich größer als die einzelnen Army-Anlagen. Ihre Aufgabe bestand darin, die wichtigen Zufahrten zur Themse und zu den Häfen an der englischen Ostküste zu kontrollieren und gegen feindliche Schiffe zu sichern.

Leben auf den Forts

Das Leben auf einem Maunsell Fort war vermutlich alles andere als komfortabel. Die Besatzungen waren auf einer kleinen Plattform mitten im Meer stationiert und damit vollständig den Wetterbedingungen ausgesetzt.

Unterhalb der eigentlichen Plattform befanden sich Schlafräume, Aufenthaltsbereiche, Küchen, Magazine und technische Räume. Strom wurde durch Generatoren erzeugt, während Trinkwasser und Lebensmittel regelmäßig angeliefert werden mussten.

Bei schlechtem Wetter konnten die Forts zu äußerst unwirtlichen Orten werden. Hoher Wellengang, Wind und Kälte erschwerten die Versorgung erheblich. Gleichzeitig musste die Besatzung jederzeit einsatzbereit sein.

Die ungewöhnliche Lage hatte allerdings auch einen entscheidenden Vorteil, denn die Forts waren für feindliche Truppen nur schwer zu erreichen.

Die Forts heute

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren die Maunsell Forts ihre militärische Bedeutung. Einige Anlagen wurden zunächst noch weiter genutzt, schließlich aber außer Dienst gestellt.

Die verlassenen Forts blieben teilweise einfach mitten im Meer stehen. Ohne regelmäßige Wartung setzte ihnen das Salzwasser zunehmend zu. Einige wurden beschädigt oder abgerissen, andere verfielen langsam. Dennoch sind auch heute noch einige dieser ungewöhnlichen Konstruktionen zu sehen.

Wer die Forts besuchen möchte, kann beispielsweise ein Schnellboot im Hafen von Whitstable nehmen. Bei gutem Wetter werden Touren zu den Red Sands Forts angeboten. Die Fahrt dauert insgesamt rund eine Stunde, und vor Ort besteht die Möglichkeit, die Forts vom Boot aus zu fotografieren. Betreten kann man die Anlagen bei diesen Touren allerdings nicht.

Bei meinem Besuch des schönen englischen Badeortes Whitstable habe ich die Gelegenheit genutzt, einen Ausflug zu diesen berühmten Forts zu unternehmen. Die schnelle Fahrt hinaus auf die Themsemündung ist bereits ein Erlebnis für sich. Mitten im Meer tauchen dann nach und nach die bizarren Türme der Forts auf.

Ein Modell der Forts sowie weitere Informationen über ihre Geschichte findet man übrigens im London Museum Docklands. Der Eintritt in das Museum ist kostenlos.

Ein TableTop Tagebuch