Zu Beginn meines Projektes „Berezina 1812“ entdeckte ich bei einer Internet-Recherche ein Bild zu einem Comic-Cover auf. Es handelte sich eine kleine Serie mit dem Namen BEREZINA. Diese Comic-Trilogie „Bérézina“ erschien zwischen 2016 und 2018 im Verlag Dupuis. Sie basiert auf dem Roman „Il neigeait“ des französischen Schriftstellers Patrick Rambaud und wurde von Frédéric Richaud sowie Iván Gil als Zeichner umgesetzt. Die drei Bände erzählen den dramatischen Rückzug Napoleons aus Russland im Jahr 1812 und übertragen Rambauds historischen Roman in die Form einer grafischen Erzählung

Der Roman
Der Roman „Il neigeait“ erschien im Jahr 2000 und ist der zweite Teil von Patrick Rambauds Napoleon-Trilogie. Der Roman schildert den Russlandfeldzug Napoleons im Jahr 1812 und insbesondere den katastrophalen Rückzug der Grande Armée aus Moskau. Rambaud verbindet historische Genauigkeit mit literarischer Gestaltung und erschafft ein eindringliches Bild des Untergangs einer scheinbar unbesiegbaren Armee. Der Roman beginnt im September 1812, als Napoleons Armee nach schweren Verlusten Moskau erreicht. Von den ursprünglich über 400.000 Soldaten ist nur noch ein Bruchteil übrig geblieben. Napoleon erwartet die Kapitulation der Russen und einen Friedensschluss mit Zar Alexander I. Stattdessen findet er eine weitgehend verlassene Stadt vor. Kurz darauf wird Moskau durch Brände verwüstet. Wochenlang wartet Napoleon vergeblich auf Friedensverhandlungen. Währenddessen verschlechtern sich die Versorgungslage und die Moral der Truppen. Schließlich befiehlt Napoleon den Rückzug. Der Rückmarsch entwickelt sich zu einer Tragödie. Hunger, Kälte, Krankheiten und ständige Angriffe russischer Truppen und Kosaken dezimieren die französische Armee. Die Soldaten kämpfen nicht mehr um Ruhm und Ehre, sondern nur noch ums Überleben. Pferde sterben, Kanonen werden zurückgelassen, und die Ordnung der Armee zerfällt zunehmend. Der Winter und die Erschöpfung fordern mehr Opfer als die eigentlichen Gefechte.

Die Handlung folgt dabei sowohl Napoleon selbst als auch verschiedenen Offizieren und Soldaten, deren Schicksale die Katastrophe aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen. Napoleon steht im Mittelpunkt des Romans. Rambaud zeichnet ihn nicht als heroischen Feldherrn, sondern als ehrgeizigen und oft selbstüberschätzten Herrscher. Trotz der offensichtlichen Gefahren hält er lange an seiner Hoffnung auf einen Sieg fest. Sein Starrsinn trägt wesentlich zur Katastrophe bei. Der Gardekapitän d’Herbigny gehört zu den wichtigsten Figuren des Romans. Er erlebt die Grausamkeiten des Feldzuges unmittelbar und verkörpert den tapferen, aber zunehmend erschöpften Offizier. Durch seine Erlebnisse erhält der Leser einen persönlichen Zugang zu den Ereignissen. Sebastian Roque dient zeitweise als Schreiber Napoleons. Seine Beobachtungen vermitteln Einblicke in die Atmosphäre am Kaiserhof und in die Gedankenwelt des Herrschers.

Der französische Originaltitel Il neigeait („Es schneite“) verweist auf ein Gedicht von Victor Hugo (Expiation aus Les Châtiments), das ebenfalls den Russlandfeldzug behandelt. Der Schnee symbolisiert im Roman Kälte, Tod und die unausweichliche Strafe für Napoleons Hybris.
Patrick Rambauds Trilogie besteht aus:
- La Bataille, 1997 – Napoleons Niederlage bei Aspern-Essling.
- Il neigeait, 2000 – der Russlandfeldzug und der Rückzug aus Moskau.
- L’Absent, 2003 – Napoleons Verbannung nach Elba.
Bisher ist nur der erste Roman in deutscher Sprache, unter dem Titel „Die Schlacht“ erschienen.

Patrick Rambaud
Der französische Schriftstelle, Essayist und Literaturkritiker Patrick Rambaud wurde 1946 in Paris geboren. Er wurde vor allem durch seine historischen Romane bekannt, in denen er bedeutende Ereignisse der französischen Geschichte mit großer Detailgenauigkeit und literarischer Lebendigkeit schildert. Internationale Anerkennung erlangte er 1997 mit dem Roman La Bataille, für den er den renommierten Prix Goncourt und den Grand Prix du Roman de l’Académie française erhielt. Es folgten Il neigeait (2000) und e Reund L’Absent (2003), die zusammen eine Trilogie über den Niedergang Napoleons bilden. Neben historischen Romanen verfasste Rambaud auch satirische Werke und politische Parodien. Sein Stil zeichnet sich durch sorgfältige historische Recherche, anschauliche Beschreibungen und eine kritische Betrachtung von Macht und Geschichte aus.

Comic-Trilogie Bérézina
Nachdem bereits Patrick Rambauds Roman La Bataille erfolgreich als Comic adaptiert worden war, entschlossen sich Frédéric Richaud und Iván Gil dazu, auch den zweiten Teil der Napoleon-Trilogie zu bearbeiten. Die Geschichte beruht auf realen historischen Ereignissen und schildert die Katastrophe des Russlandfeldzuges von 1812 aus französischer Sicht. Dabei übernimmt die Comicreihe die wichtigsten Figuren und Handlungsstränge aus dem Roman Il neigeait und ergänzt sie durch eindrucksvolle Bilder.

Band 1: L’Incendie (Der Brandstifter)
Die Grande Armée erreicht Moskau nach einem langen und verlustreichen Feldzug. Napoleon erwartet einen schnellen Frieden mit dem russischen Zaren, findet jedoch eine verlassene Stadt vor. Kurz darauf bricht ein gewaltiger Brand aus, der große Teile Moskaus zerstört. Die französischen Soldaten sind erschöpft und leiden bereits unter Nahrungsmangel. Dennoch hofft Napoleon weiterhin auf Verhandlungen und bleibt mehrere Wochen in der zerstörten Stadt. Der Band endet mit der Entscheidung zum Rückzug.

Band 2: Les Cosaques (Die Kosaken)
Die französische Armee beginnt ihren Rückmarsch. Hunger, Krankheiten und die ersten Wintereinbrüche schwächen die Soldaten zunehmend. Gleichzeitig greifen russische Truppen und Kosaken immer wieder an.
Die militärische Ordnung zerfällt nach und nach. Viele Soldaten sterben an Erschöpfung oder erfrieren. Die einst mächtige Grande Armée verwandelt sich in eine verzweifelte Menschenmenge, die nur noch ums Überleben kämpft.

Band 3: La Bérézina (Die Beresina)
Im letzten Teil erreicht die Katastrophe ihren Höhepunkt. Die französischen Truppen müssen den Fluss Beresina überqueren, während russische Armeen von mehreren Seiten angreifen.Trotz des Baus provisorischer Brücken kommt es zu chaotischen Szenen. Tausende Soldaten und Zivilisten sterben bei der Überquerung oder werden zurückgelassen. Napoleon kann zwar entkommen, doch seine Armee ist nahezu vernichtet. Der Band endet mit dem endgültigen Zusammenbruch des Feldzuges und dem Beginn des Niedergangs des napoleonischen Kaiserreichs.







Wie im Roman stehen auch im Comic die drei Hauptfiguren Napoleon Bonaparte, Sebastian Roque und Captain d’Herbigny im Mittelpunkt der Handlung. Der Comic-Zeichner Iván Gil verwendet in den 3 Bänden einen realistischen und atmosphärischen Zeichenstil. Besonders auffällig sind die detailreichen Uniformen und Landschaften, die düstere Farbgebung und immer wieder die für mich eindrucksvolle Darstellungen von Schnee und Winter. Großartig sind auch die Zeichnung der Gebäude, die Stadt Moskau und die vielen anderen sehr gut recherchierten Details. Aber auch die dynamische Kampfszenen sowie die ausdrucksstarke Gesichter und Gesten haben mich als Leser gefesselt. Die Bilder vermitteln die Kälte, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit des Rückzuges sehr eindringlich und die Atmosphäre wirkt oft bedrückend und verstärkt so Wirkung der Handlung. Die Comic-Trilogie vermittelt die Ereignisse des Russlandfeldzuges von 1812 auf anschauliche Weise, verbindet historische Genauigkeit mit künstlerischer Gestaltung und ist deshalb eine unbedingte Empfehlung von mir.