Im Land der Tuareg

In den späten 90er Jahren war ich im Rahmen meiner Urlaubsreisen immer wieder mal in Länder der arabisch sprechenden Welt unterwegs. Im Jahr 2002 machte ich meine vorerst letzte Reise in eine dieser Regionen. Nach Reisen ins Niltal von Ägypten, auf die Sinaihalbinsel, Jordanien, Jemen, Palästina, Syrien und Marokko, ging es nach Algerien in die Zentralsahara.

Da mir eine Tour auf eigene Faust zu umständlich war, schloss ich mich einer Reisegruppe an. Zunächst ging es mit dem Flieger nach Tamanrasset, der Provinzhauptstadt und der größten Oase im Süden Algeriens. Die Stadt war in der Vergangenheit zunächst nur als Karawanenstützpunkt genutzt worden, während der Kolonialzeit im Jahr 1919, wurde jedoch von französischen Soldaten das Fort Laperrine errichtet. Um dieses Fort herum entwickelte sich dann langsam eine kleine Stadt.

Am Abend meiner Ankunft ging es zunächst in ein „Zeltlager“ am Stadtrand, wo ich auf die Tuareg-Führer der bevorstehenden Reise stieß. Chef der Truppe war Abd-El Kader Touami, außerdem waren drei Tuareg-Fahrer und ein Koch mit von der Partie. Die Reisegruppe war mit 8 Personen zum Glück auch nicht sehr groß und so konnte man meist seine eigene „Wege“ gehen. Geschlafen wurde übrigens während der gesamte Reise nicht in Zelten, sondern unter freiem Himmel mit Schlafsack und Isomatte.

Auf der „Straße“ von Tamanrasset nach Djanet.

Von Tamanrasset ging es mit dem Geländewagen ins nahegelegene Hoggar (Ahaggar) Gebirge, wo ein großer Teil der Tuareg der Zentralsahara siedeln. Neben Algerien leben Tuareg in Libyen, Niger, Burikna Faso und Mali. Die beiden Gruppen der von mir besuchten Region heißen Kel Ahaggar und Kel Ajjer und nur diese siedeln tatsächlich in der Sahara. Der größte Teil der restlichen Tuareg-Gruppen lebt südlich davon in der Sahelzone.

Das Hoggar Gebirge ist vor allem für seine bizarren Felslandschaften bekannt, wobei es sich dabei zumeist um weithin sichtbare, erodierte Vulkanschlote handelt. Das Hoggar liegt auf Höhe des nördlichen Wendekreises, etwa 1500 km südlich der algerischen Hauptstadt Algier. Bekannt ist vor allem der Gipfel des Berges Assekrem, da hier der berühmte Charles de Foucauld im Jahr 1911 eine Einsiedelei errichtet hatte. Foucauld war ein ehemaliger französischer Soldat, der später als Priester unter den Kel Ahaggar, den Tuareg dieser Region, lebte. Er lernte Tamaschek, die Sprache der Tuareg, erstellte ein 2.000 Seiten umfassendes Wörterbuch dieser Sprache und sammelte auf 800 Seiten die Gedichte und Sagen dieses Volkes. Vom Berg Assekrem hat man außerdem einen sensationellen Blick auf die Gebirgslandschaft des Atakor.

Sunset auf dem Assekrem.

Sechseckige Basaltsäulen erzählen von der vulkanischen Vergangenheit der Region.

Und so sieht die Gegend aus dem Weltraum aus.

Von Tag zu Tag arbeiteten wir uns nun in Richtung Nord-Osten vor. Besonders interessant waren die Begegnungen mit einheimischen Tuareg. An dieser Stelle möchte ich auch einige Worte zur ehemaligen Kultur der Tuareg verlieren. Die Tuareg verbindet vor allem die gemeinsame Sprache Tamaschek, wobei die Kel Ahaggar und Kel Ajjer den Dialekt Tahaggart sprechen.

Die Gesellschaftsordnung der Tuareg war einst in unterschiedliche Klassen eingeteilt. An der Spitze standen die Imascheren oder Imuhar, die Adligen. Unter ihnen wurde auch der Amenokal, der Herr des Landes gewählt. Die nächste Bevölkerungsschicht bildeten die Schriftgelehrten Ineslemen. Die größte Klasse war die der Vasallen, Imard oder auch Kel Ulli, die Ziegenleute genannt. Diese drei Klassen waren von hellhäutiger Gestalt, im Gegensatz zu den schwarzafrikanischen Iklan, den Unfreien, die als Sklaven den anderen Klassen dienten. Als letztes sind noch die Enaden, die Schmiede zu nennen, die hohes Ansehen genossen und teilweise außerhalb dieser Gesellschaftsordnung rangierten.

Wir besuchten unter anderem eine traditionelle Siedlung der Tuareg, mit den früher typischen Schilfhütten, Ekeber genannt, die aber schon seit Jahrzehnten aus der Landschaft verschwunden sind. Das früher üppig an den Wasserstellen wuchernde Schilfgrass wurde zum Bau der Hütte an einem rechteckigen Holzrahmen befestigt, wobei die Schilfhalme in der Länge nicht gekürzt wurden, was der Unterkunft ihr buschiges Aussehen gab. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendeten die Tuareg als Volk von Nomaden in erster Linie transportable Wohnstätten. Es gab jedoch auch einige feste Wohnplätze. In den Bergländern, wie dem Hoggar, bestanden diese festen Häuser aus einem Felssockel mit Lehmziegelwänden. Neben den beiden genannten Wohnformen wurde aber meist Lederzelte, wie bei den Da-Ragli verwendet. Anders als bei den Nomaden der arabischen Halbinsel, bestand das Holzgestell der Zelte aus einem fest im Boden verankertem Rahmen, über welchen eine Zeltplane gespannt wurde.

Kurz nachdem wir das Hoggar Gebirge verlassen hatten, trafen wir am Abend auf eine Gruppe von Tuareg, die zwei Dutzend Kamele in unser Lager brachten. Die Reise sollte nämlich die nächsten 4 Tage auf dem Rücken von Kamelen weitergehen, während unsere Geländefahrzeuge zu einem vereinbarten Treffpunkt aufbrachen. Am nächsten Morgen wurden die Kamele gesattelt und für die Méharée, wie eine solche Reise auf Kamelen genannt wird, vorbereitet.

Gut erkennbar am Kamelhals ist das Brandzeichen. Jedes Tier wird durch ein familienspezifisches Muster gekennzeichnet.

Das Kamel, bei den Tuareg Amenis genannt, stand einst im Mittelpunkt ihres alltäglichen Lebens. Nur durch dieses Reit- und Transportier konnten überhaupt die aufgrund der karge Landschaft notwenigen Entfernungen zurückgelegt werden. Sei es um Weidegründe aufzusuchen, Waren zu transportieren oder andere Tuareg-Gruppen aufzusuchen, das Kamel war unverzichtbar. Aber natürlich wurden die Kamele auch gemolken und die Milch getrunken. 4 bis 5 Liter Kamelmilch können notfalls den kompletten Nahrungsbedarf eines Mannes decken.

Mein Kamel war mit Schmucknarben und einem kleinen Bärtchen „verschönert“ worden. Ich hatte auch einen anderen Sattel, vom Typ Tahyast bekommen. Vermutlich, damit sich Touristen wie ich, nicht an den spitzen Ende aufspießen.

Kamele in allen Farben…

Es gab Kamele, die nur für den Transport gezüchtet wurden und spezielle Reitkamele. Bei den Saharatuareg ist ein kräftiges, langhaariges und überwiegend einfarbig dunkelbraunes oder weißlich gefärbtes Dromedar verbreitet. Die helle und weißen Tiere werden meist als Reittier verwendet. Gelenkt werden die Kamele mit einem Strick, der an einem Nasenring am rechten oberen Nasenflügel befestigt ist. Der Strick wird unter der Kehle des Tieres zur linken Seite des Reiters geführt. Am Kamelhals ist ein Riemen angebracht, in den der Reiter einen Fuß steckt, um stabiler im Sattel zu sitzen.

Berühmt ist der Kreuzsattel der Tuareg, Terik genannt. Er wird mit einem rot gefärbten Ledergurt kurz vor dem Höcker des Kamels befestigt, wodurch auch die typische Sitzhaltung der Tuareg zu Stande kommt, bei der beide Füße auf den Hals des Kamels gestellt werden. Neben den Satteldecken aus Baumwolle sind auf dem Kamelrücken meist eine Tränkeschale aus Messing (Tamenast), der lederne Wasserschlauch Abayor, der aus der kompletten nicht enthaarten Haut einer Ziege hergestellt wird und schließlich eine reich verzierte Ledertasche, Eldschebira genannt, befestigt.

Kreuzsattel und der unvermeindliche Stock, zum antreiben der Tiere.

Im Vordergrund der lederne Wasserschlauch Abayor. Gefertigt aus der kompletten  Haut einer Ziege.

Anlässlich des Kamelritts wurde mir auch ein „Kopfverband“ verpasst. Es handelte sich um den Tagelmust, in der Berbersprache auch als Eshesh bekannten traditionellen Gesichtsschleier eines Targi. Dieses bis zu 15 Meter lange Tuch, gilt als das Erkennungsmal eines Targi.

Er bietet vor allem Schutz gegen Sonne und Sand, sollte aber auch in früheren Zeiten die Identität des Trägers bei Raubzügen verschleiern sowie aus religiösen und kulturellen Gründe getragen worden sein. Wie auch die Oberbekleidung, war der Tagelmust oft mit Indio blau gefärbt. Jahrelanges Tragen färbte die Gesichtshaut bläulich, daher wurde für die Tuareg auch häufig die Bezeichnung „blaue Ritter der Wüste“ verwendet. Das weite Übergewand der Tuareg-Männer wird Tekamist oder Gandurah genannt. Dazu wird die Hose, Aberbey, zusammen mit einem geflochtenen Ledergürtel getragen.

Neue Kleidung wird stolz am Lagerfeuer präsentiert.

Die nasse Wäsche wird nach dem Waschen zum Trocknen einfach in den heißen Sand gelegt.

Morgens, mittags und abends wurde während der Reise ein Feuer entfacht und eine Teekanne hineingestellt. Der fertige Tee wurde dem Turag-Ritual folgend in 3 Aufgüssen getrunken. Natürlich wurde auch das Essen unterwegs zubereitet. Für die ersten Tage hatten wir noch eine frisch geschlachtete Ziege on Bord, später wurde es vegetarisch und Brot wurde natürlich jeden Tag selbst gebacken.

Am Abend wird Fladenbrot in heißer Asche und Sand gebacken.

Nach dem Essen werden Lieder angestimmt und Musik gemacht.

Zum Glück war die einzige Wasserstelle auf dem Weg nach Djanet nicht ausgetrocknet!

Auf der Südroute fuhren wir nun vom Hoggar Gebirge in die Tagrera, eine große Sandebene mit Dünen und verstreut liegenden Felsformationen, die wie überdimensionale Pilze und Burgen in den Himmel wachsen.

Neben Vögeln und Klippschiefern waren Eidechsen, wie diese Dornschwanz Echse, die einzige sichtbaren Wildtiere.

Bei Tin-Akachaker wurde ein Lager aufgeschlagen, bevor es am nächsten Tag durch eine große Ebene zum Massiv von Tahagart ging.

Wieder ein Blick aus der Luft auf dieser Region.

Immer wieder besuchten wir sogenannte Queds, also Trockentäler, in denen Akazien, Buschwerk und wilde Melonen zu finden waren.

Rund ein Dutzend Mal mussten die Fahrzeuge repariert werde. Unter diesem einsamen Baum wurde bei einem Wagen die komplette Benzinleitung ausgebaut!

Das Landschaftsbild veränderte sich ständig. Die Farbe der Felsen wechselten von rot nach schwarz, von braun und blau. Mal sah man hohe Berge und Felsen, mal Schluchten und Bäume und dann wieder das große Nichts.

Ein Fahrer hatte sich bei einer Fahrt bergab von einer Düne mehrfach mit dem Wagen überschlagen. Zum Glück bliebt es unverletzt und das Fahrzeug lief noch, nur waren alle Scheiben und ein paar Kanister zerbrochen.

Ein präislamisches „Schlüsselloch-Grab.

Lagerplatz inmitten von Sanddünen

Häufig fanden wir Felswände mit Gravuren von Tieren und Menschen, wie beispielsweise auf der Felsplatte von La Dalle.

Morgenspaziergang in einer Steinwüste.

Kurz vor der Oasenstadt Djanet besuchten wir ein großes Dünengebiet, das Erg Admer mit seinen riesigen Sternsanddünen. Zunächst war geplant hier das Nachtlager aufzuschlagen, aber ein heftiger Sandsturm machten dieses Vorhaben zu Nichte. Stattdessen suchten wir Schutz in einem Felslabyrinth in den Ausläufern des Tassili n’Ajjer.

Erneut ein Luftbild. Gut sind die riesigen Sanddünen zu erkennen.

Endlich wurde die Oasenstadt Djanet erreicht und hier endete die Reise schließlich.