Als ich im Jahr 2023 wieder einmal in Großbritannien unterwegs war, machte ich auf meinem Weg von der Ostküste nach Wales einen kleinen Zwischenstopp in St. Albans, einem kleinen nördlichen Vorort von London. Natürlich hatte ich schon zuvor von den zwei Schlachten von St. Albans während der Rosenkriege gehört, weshalb ich auch kurz auf Spurensuche ging und ein paar Fotos geschossen habe. Hier der Bericht dazu, der sich allerdings nur auf die erste Schlacht von St. Albans konzentriert.
Die Erste Schlacht von St Albans am 22. Mai 1455 nimmt in der englischen Geschichte eine besondere Stellung ein. Militärisch war sie eher ein kurzer, heftiger Straßenkampf mit vergleichsweise wenigen Gefallenen als eine klassische Schlacht, politisch war sie jedoch von großer Bedeutung. Sie gilt traditionell als erste Schlacht der Rosenkriege, eines jahrzehntelangen Machtkampfes zwischen den Häusern Lancaster und York, der England in den folgenden Jahrzehnten immer wieder in Bürgerkrieg und dynastische Krisen stürzte.


Hintergrund
König Heinrich VI. (Henry VI.) war seit 1422 König von England, doch seine Herrschaft war von politischen Misserfolgen, militärischen Niederlagen und zunehmenden Spannungen innerhalb des Adels geprägt. Besonders problematisch war seine persönliche Situation. Heinrich litt unter schweren gesundheitlichen Krisen und war zeitweise nicht in der Lage, die Regierungsgeschäfte selbst auszuüben. Während einer solchen Phase übernahm Richard Plantagenet, Duke of York, 1454 das Amt des Lord Protector und damit faktisch einen großen Teil der Regierungsgewalt. Als Heinrich Ende 1454 bzw. Anfang 1455 wieder zu Kräften kam, endete Yorks Protektorat jedoch. Seine politischen Gegner kehrten an den Hof zurück, zu denen vor allem Edmund Beaufort, Duke of Somerset gehörte.
Nach dem Ende des Protektorats des Herzogs von York und der Rückkehr ihrer Rivalen an die Macht hatten sich die Anhänger von York auf ihre Güter im Norden zurückgezogen. Richard von York war keineswegs bereit, seine politische Macht kampflos aufzugeben. Gleichzeitig fühlten sich York und seine Verbündeten durch die Rückkehr ihrer Gegner bedroht. Zu diesen Gegnern gehörten insbesondere die mächtige Familie Percy, angeführt von Henry Percy, Earl of Northumberland. York hatte deshalb nicht nur ein politisches, sondern zunehmend auch ein persönliches Interesse daran, Somerset und dessen Verbündete aus der unmittelbaren Umgebung des Königs zu entfernen.


Plan
Im Frühjahr 1455 wurde ein großer königlicher Rat nach Leicester einberufen. York und sein Anhänger, die dazu nicht eingeladen waren und sich von diesem Treffen bedroht fühlte, befürchtete, dass seine Gegner den König gegen ihn beeinflussen und anschließend gegen ihn vorgehen würden. Statt sich dem königlichen Aufgebot schutzlos auszuliefern, entschlossen sich York und seine Verbündeten zum bewaffneten Vorgehen. Während sich der königliche Hof auf die Reise nach Norden von London vorbereitete, zog York mit einem großen Gefolge nach Süden, um sie abzufangen.Zu seinen wichtigsten Unterstützern gehörten die beiden mächtigen Neville, Richard Neville, Earl of Salisbury und dessen Sohn Richard Neville, Earl of Warwick. Der jüngere Warwick sollte an diesem Tag erstmals jene militärische Reputation erwerben, die ihm später den Beinamen „Kingmaker“, der Königsmacher einbringen würde.
Die Armee von York, Salisbury und Warwick wird von verschiedenen Quellen auf ungefähr 3.000 bis 7.000 Mann geschätzt. Vermutlich lag ihre tatsächliche Stärke eher im unteren Bereich dieser Spanne. Das königliche Heer war mit etwa 2.000 bis 2.500 Mann deutlich kleiner. Die Zahlen sind allerdings unsicher, da mittelalterliche Quellen bei Truppenstärken häufig ungenau sind. York wollte bei seinem Vorgehen zunächst den Eindruck erwecken, nicht gegen den König selbst zu kämpfen. Er erklärte mehrfach seine Loyalität gegenüber Heinrich VI. und behauptete, lediglich die Entfernung seiner politischen Gegner zu verlangen. Das Problem war allerdings der Marsch mit einem bewaffneten Heer auf den König, was sich nur schwer als friedliche Demonstration verkaufen ließ.


Vormarsch
Als Heinrich VI. und seine Ratgeber von Yorks Vormarsch erfuhren, beschlossen sie, ihm entgegenzutreten. Am 21. Mai 1455 verließ das königliche Heer London. Heinrich wurde von zahlreichen bedeutenden Adligen begleitet. Unter ihnen befanden sich:
- Edmund Beaufort, Duke of Somerset
- Humphrey Stafford, Duke of Buckingham
- Henry Percy, Earl of Northumberland
- Thomas Clifford, Lord Clifford
- Thomas Courtenay, Earl of Devon
- Jasper Tudor
- Henry Beaufort, Earl of Dorset, Somersets Sohn
Damit befand sich ein beträchtlicher Teil des hochrangigen englischen Adels beim König. Die königliche Armee marschierte nach Norden und erreichte am 22. Mai St Albans, während York sich von Osten näherte.
St Albans lag damals etwa 35 Kilometer nördlich von London entfernt und war eine bedeutende Stadt an der sogenannten Great North Road. Die Stadt besaß außerdem eine große und einflussreiche Abtei. Für die Lancastrianer war St Albans zunächst ein günstiger Ort zur Verteidigung. Die engen Straßen, Häuser und Mauern boten zahlreiche Möglichkeiten, den zahlenmäßig überlegenen Yorkisten den Weg zu versperren. Die königlichen Truppen bezogen daher Stellungen an den Zugängen zur Stadt.


Verhandlungen
Am Morgen des 22. Mai 1455 standen sich die beiden Armeen gegenüber. York befand sich mit seinen Truppen östlich der Stadt, während die königlichen Truppen die mittlerweile verbarrikadierten Straßen und Zugänge von St Albans weiterhin besetzt hielten. Heinrich VI. ließ seine königliche Standarte aufstellen. Damit machte er unmissverständlich deutlich, dass er selbst anwesend war, was für York ein erhebliches Problem darstellte, denn solange der König unter seiner Standarte stand, konnte ein Angriff auf die königlichen Truppen als offener Aufstand und Verrat interpretiert werden. York versuchte deshalb zunächst, eine politische Lösung zu erreichen. Er verlangte erneut, dass ihm der König ausgeliefert werde und dass insbesondere Somerset aus dem königlichen Umfeld entfernt werde. Heinrich lehnte ab. Es scheint, dass Heinrich an den Gesprächen wenig teilnahm, aber ob dies daran lag, dass er von Buckingham und Somerset absichtlich ausgeschlossen wurde, wie später vermutet wurde, oder ob er noch immer unter den Folgen seiner Krankheit litt, die möglicherweise durch den Stress der gefährlichen Situation, in der er sich befand, verschlimmert wurde, ist unklar.
Der König und seine Anhänger sollen York aufgefordert haben, seine Waffen niederzulegen und sich zurückzuziehen. York stand damit vor einer Entscheidung: Entweder er gab nach oder er riskierte einen offenen Bürgerkrieg. York entschied sich für den Kampf.


Angriff
Gegen etwa 10 Uhr begannen die Yorkisten ihren Angriff. Sie versuchten zunächst, die befestigten Zugänge zur Stadt frontal zu durchbrechen. Die Kämpfe an den Barrikaden waren heftig, aber Lord Clyfford hielt standgaft die Barrikaden. Zudem waren schmalen Straßen für einen massierten Angriff äußerst ungünstig. Die Yorkisten konnten ihre zahlenmäßige Überlegenheit somit kaum ausspielen, während die Verteidiger hinter Barrikaden und Häusern relativ geschützt waren. Mehrere Angriffe wurden zurückgeschlagen. Es sah zeitweise sogar danach aus, als könnte die königliche Armee den Angriff abwehren. Doch dann griff Richard Neville, Earl of Warwick, entscheidend in die Schlacht ein.


Warwick
Warwick erkannte, dass ein weiterer Frontalangriff wahrscheinlich scheitern würde. Stattdessen suchte er nach einem anderen Weg in die Stadt. Seine Männer bewegten sich durch Gärten und Hinterhöfe entlang der Häuser und drangen schließlich eine Lücke in den dichten Häuserreihen in die Stadt ein. Damit umging Warwick einen Teil Verteidigungsstellungen der Lancaster-Truppen.
Die Männer brachen unter lautem Geschrei in die Stadt ein. Chronisten berichten, dass dabei die Rufe „A Warwick! A Warwick!“ zu hören gewesen seien. Dieser Angriff traf die Verteidiger des Königs völlig überraschend. Plötzlich war der Bereich um den königlichen Standort selbst bedroht. Was zuvor eine kontrollierte Verteidigung gewesen war, verwandelte sich innerhalb kurzer Zeit in ein Chaos.


Straßenkampf
Die Kämpfer drangen im nun folgenden Straßenkampf in Häuser und Höfe ein, kämpften in engen Gassen und versuchten, die Barrikaden des Gegners zu überwinden. Die Bogenschützen Warwicks ließen ihre Pfeile auf den König und sein Gefolge unter dem königlichen Banner regnen. Buckingham wurde mehrmals im Gesicht getroffen, sein Sohn, der Earl of Stafford, an der Hand, und Henry Beaufort, der junge Earl of Dorset, wurde so schwer verletzt, dass er in einem Karren abtransportiert werden musste. Gleichzeitig wurden die Kämpfe zunehmend zu brutalen Nahkämpfen mit Schwertern, Äxten, Streitkolben und Stangenwaffen. Die Enge der Stadt machte die Situation für die schwer gepanzerten Ritter besonders schwierig. Die Kämpfe dauerte insgesamt wahrscheinlich nur ungefähr eine Stunde, doch diese kurze Zeit genügte, um die politische Lage Englands nachhaltig zu verändern.


Somerset
Eines der wichtigsten Ziele Yorks war Edmund Beaufort, Duke of Somerset. Somerset gehörte zu Yorks erbittertsten politischen Gegnern und war, wie Anfangs geschildert, maßgeblich für dessen Ausschluss aus der Regierung verantwortlich. Als die Yorkisten in die Stadt eindrangen, wurde Somersets Position zunehmend unhaltbar. Somerset und einige seiner Männer hatten daraufhin im Gasthaus „Castle Inn“ Zuflucht gesucht. Sofort begannen Yorks Männer, gegen Somerset und seine Männer vorzugehen, die sich im Haus befanden und das sie tapfer verteidigten. Als schließlich die Türen aufgebrochen worden waren, sah Somerset ein, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als mit seinen Männern herauszukommen. Sofort wurden sie von Yorks Männern umzingelt. Nachdem einige niedergestreckt worden waren und der Herzog von Somerset vier Männer mit eigener Hand getötet hatte, wurde er durch eine Axt niedergestreckt und starb schließlich an seinen vielen Verwundungen.
Sein Tod war einer der entscheidenden Wendepunkte der Schlacht. Auch weitere bedeutende Gegner Yorks fielen, darunter Henry Percy, Earl of Northumberland, und Thomas Clifford, Lord Clifford. Damit verlor die Partei der Lancaster innerhalb weniger Minuten mehrere ihrer wichtigsten politischen und militärischen Führer.



Heinrich VI
Während der Straßenkämpfe befand sich auch Heinrich VI. im Zentrum des Geschehens. Der König war selbst kein bedeutender Feldherr und hatte offensichtlich nur begrenzten Einfluss auf den Verlauf der Kämpfe. Als die Männer Yorks immer näher kamen, geriet sein Gefolge in Unordnung und Heinrich wurde von einem Pfeil am Hals getroffen und leicht verwundet. Als die Überlebenden flohen, wurde die königliche Fahne zurückgelassen und an eine Mauer gelehnt. Der leicht verletzte König suchte Berichten zufolge Zuflucht in der Hütte eines Gerbers, wo er von Yorks Männern entdeckt und zur Abtei eskortiert wurde.


Gefangennahme
Richard von York musste nun ein Entscheidung treffen. Er hatte seinen Gegner besiegt, aber der Mann, den er nun in seiner Gewalt hatte, war der rechtmäßige König von England. York entschied sich nicht dafür, Heinrich abzusetzen oder zu töten, stattdessen behandelte er ihn weiterhin als König. Der verwundete Heinrich wurde in die Abtei von St Albans gebracht, wo seine Verletzung versorgt wurde. Am nächsten Tag begleitete York den König nach London. Damit hatte York faktisch die Kontrolle über den Monarchen und damit über die englische Regierung gewonnen.


Verluste
Im Vergleich zu späteren Schlachten der Rosenkriege waren die Verluste erstaunlich gering. Die Schätzungen schwanken erheblich. Moderne Darstellungen gehen teilweise von weniger als 100 Gefallenen, andere von ungefähr 100 bis 120 Toten insgesamt aus. Sicher ist, dass die Zahl der Gefallenen im Verhältnis zur politischen Bedeutung der Schlacht sehr niedrig war.


Nachspiel
Am 23. Mai 1455 zog York mit Heinrich VI. nach London. York konnte nun behaupten, nicht gegen den König rebelliert, sondern lediglich dessen „schlechte Ratgeber“ beseitigt zu haben, denn York ging es zu diesem Zeitpunkt noch nicht darum, selbst König zu werden. Er wollte vor allem die Regierung kontrollieren und seine Gegner aus dem Machtzentrum entfernen.
Einige Monate später wurde York erneut zum Lord Protector of England ernannt. Warwick erhielt ebenfalls eine bedeutende Stellung und wurde später zum Captain of Calais, dem Oberbefehlshaber der strategisch wichtigen englischen Besitzungen in Calais. Das eigentlich Tragische an St Albans war, dass die Schlacht den Konflikt nicht löste.


York hatte zwar gewonnen, Somerset war tot und der König befand sich in seiner Gewalt, doch damit war die Auseinandersetzung zwischen York und Lancaster keineswegs beendet. Die Königin Margaret of Anjou, Heinrichs Frau, wurde zunehmend zur wichtigsten politischen Gegnerin Yorks. Sie sah in Richard von York eine unmittelbare Bedrohung für die Position ihres Mannes und vor allem für die Zukunft ihres Sohnes, Edward of Westminster. Damit entstand eine politische Situation, in der der König zwar weiterhin König war, aber unterschiedliche Adelsgruppen um die Kontrolle über ihn kämpften.