Timelohberg – Hamburg 1945

Der Timelohberg bei Lüneburg nimmt einen besonderen Platz in der Weltgeschichte ein. Hier wurde im Mai 1945 das Ende des Zweiten Weltkriegs in Nordwestdeutschland besiegelt. Dieser Akt markierte den Anfang vom Ende des NS-Regimes und verhinderte weiteres Blutvergießen in der finalen Phase des Krieges.

Aufgrund des 80. Jahrestages dieser Ereignisse im Jahr 2025 gab es im Lüneburger Stadtmuseum die Sonderausstellung mit dem Namen „Surrender 45“. In der Ausstellung wurden insbesondere die Verhandlungen in der Villa Häcklingen und die Unterzeichnung der Teilkapitulation auf dem Timelohberg beleuchtet, welche die entscheidenden Schritte zur Beendigung des Krieges in Nordwesteuropa markierten. In den beiden Nachbarländern Holland und Dänemark wird dieses Datum, der 5. Mai 1945, bis heute als Tag der Befreiung gefeiert.

Die Ausstellung „Surrender 45“

Frontverlauf am 1. Mai 1945

Einleitung

Anfang Mai 1945 war das Deutsche Reich militärisch am Ende. Während die Rote Armee Berlin bereits eingenommen hatte, rückten die Westalliierten unaufhaltsam vor. Der britische Feldmarschall Bernard Montgomery hatte sein taktisches Hauptquartier in der Häcklinger Heide bei Lüneburg aufgeschlagen.

Nach dem Suizid Adolf Hitlers am 30. April 1945 hatte die „Geschäftsführende Reichsregierung“ unter Großadmiral Karl Dönitz ihren Sitz in Flensburg. Dönitz erkannte, dass der Krieg im Westen verloren war, und suchte nach einer Möglichkeit, so viele Soldaten wie möglich vor der sowjetischen Gefangenschaft zu retten, indem er Teilkapitulationen gegenüber den Briten und Amerikanern anstrebte.

Standorte der Verhandlungen und der Unterzeichnung.

Verhandlungen

Schon am 3. Mai 1945 wird in der Möllering-Villa in Lüneburg-Häcklingen die kampflose Übergabe Hamburgs unterzeichnet. Am Abend marschieren britische Truppen ungehindert in die Hansestadt ein.

Eine zweite deutsche Delegation unter Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg will am gleichen Tag über Bedingungen zur Teilkapitulation verhandeln. Sie wird zum Hauptquartier Feldmarschall Montgomerys auf dem Timeloberg weitergeleitet. Montgomery lehnt die Bedingungen strikt ab und fordert die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte in Nordwestdeutschland, Dänemark und den Niederlanden. Montgomery zeigt den deutschen Offizieren Karten der aktuellen Frontlage, um die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation zu verdeutlichen. Von Friedeburg erklärt, für eine so umfassende Kapitulation nicht autorisiert zu sein. Montgomery gewährt ihm einen Tag Zeit, um die Vollmacht der Regierung Dönitz und des Oberkommandos der Wehrmacht einzuholen. Von Friedeburg reist vom Timeloberg aus nach Flensburg, um am neuen Regierungssitz mit Dönitz über die Forderungen Montgomerys zu beraten.

Villa Häcklingen

Die Villa Häcklingen wird 1906 als „Waldhaus Häcklingen“ im Heimatschutzstil errichtet. Margarete Endemann gründet hier eine Mädchenschule für Haus- und Landwirtschaft. 1935 erwirbt Alexander Möllering das Anwesen und baut es zum Wohnsitz um. Am 30. April 1945 beschlagnahmt, dient das Haus bis zum Kriegsende als britisches Hauptquartier. Bis 1958 nutzt es das britische Militär als „Häcklingen Hall“, 1966 richtet der Verein „Die Brücke“ eine psychiatrische Klinik ein, die bis 2007 besteht. Nach dem Auszug beginnt der Verfall. Die letzten Gebäudereste werden 2024 vollständig abgerissen.

Ein gemauerter Portalbogen, eine Tür, eine Laterne und Fenster – das sind die letzten Überreste eines Hauses, in dem 1945 über Hamburgs Schicksal und den Weg zur Beendigung des Krieges entschieden worden ist.

Unterzeichnung

Am späten Nachmittag des 4. Mai 1945 kehrte die deutsche Delegation mit der Zustimmung von Regierung und Oberkommando zurück. Unter großer Medienpräsenz wird in einem provisorischen Zelt auf dem Timelohberg das Dokument schließlich um 18 Uhr unterzeichnet. Auf deutscher Seite setzen Generaladmiral von Friedeburg, General Kinzel, Konteradmiral Wagner, Oberst Poleck und Major Friedel ihre Unterschrift unter das Dokument, auf britischer Seite ist es Feldmarschall Montgomery.

Auf einem kargen Hügel in der Lüneburger Heide tritt Feldmarschall Montgomery der deutschen Delegation entgegen, die unter der britischen Flagge auf ihn wartet.

Montgomery, Oberbefehlshaber der britischen 21st Army Group, versteht es, den historischen Augenblick gezielt für die Nachwelt in Szene zu setzen. Als Ort der Unterzeichnung lässt er eigens ein Zelt vorbereiten: militärisch schlicht im Erscheinungsbild, doch ausgestattet wie ein Filmset, mit Kunstlicht, Mikrofonen und klarer Regie.

Noch während von Friedeburg auf dem Rückweg von Flensburg ist, um die Zustimmung zur Kapitulation zu überbringen, informiert Montgomery in einer Pressekonferenz die Kamerateams und Reporter über den unmittelbar bevorstehenden Moment, in dem Geschichte geschrieben wird.

Unterzeichner

Generaladmiral Han-Georg von Friedeburg (1895-1945)
Seit 1. Mai 1945 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Führt die deutsche Delegation bei der Kapitulation am Timeloberg. Er war der Hauptunterzeichner und drei Tage später auch bei der Unterzeichnung in Reims anwesend. Er nahm sich kurz darauf in Flensburg das Leben.

Konteradmiral Gerhard Wagner (1898–1987)
Admiral zur besonderen Verwendung im Stab von Friedeburg. Setzt seine militärische Karriere nach dem Krieg in der Bundesmarine und als NATO-Kommandeur für den Ostseeraum fort.

Oberst Fritz Poleck (1905–1989)
Oberst im Generalstab und Chef im Oberkommando der Wehrmacht. Begleitet von Friedeburg am 4. Mai 1945 zur Unterzeichnung der Kapitulation. Nach der Kriegsgefangenschaft tritt er in den Geheimdienst (Organisation Gehlen) ein und kehrt später in den Armeedienst zurück.

Major Hans Jochen Friedel (1916–1945)
Major im Generalstab, Stabsoffizier unter General Kinzel. Kommt wenige Wochen nach Kriegsende bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben.

General Eberhard Kinzel (1897–1945)
Chef des Generalstabs des Führungsstabs Nord. Begleitet von Friedeburg als militärischer Vertreter. Nach der deutschen Gesamtkapitulation wurde Kinzel Chef des Verbindungsstabes zu Montgomerys 21. Heeresgruppe. Als er dannach in Kriegsgefangenschaft gehen sollte, begeht er Selbstmord.

Feldmarschall Bernard Montgomery (1887–1976)
Oberbefehlshaber der britischen 21st Army Group. Unterzeichnet für die alliierten Streitkräfte die Kapitulation der Wehrmacht in Nordwestdeutschland, Dänemark und den Niederlanden. Nach dem Krieg Chef des britischen Generalstabs und später stellvertretender NATO-Oberbefehlshaber.

Augenzeugen

Nur wenige Wochen vor den Kapitulationsverhandlungen dokumentieren die britischen Kriegsberichterstatter Edward G. Malindine und Paul Wyand das Grauen im befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen. Am 3. und 4. Mai 1945 stehen sie auf dem Timeloberg – nun richten sich ihre Kameras auf deutsche Offiziere, die um Kapitulationsbedingungen und Schutz vor der Roten Armee bitten.

Malindine, Fotograf der No. 5 Army Film and Photo Section, hält einige der bekanntesten Bilder vom Timeloberg fest. Kameramann Wyand filmt die entscheidenden Szenen im Kapitulationszelt. Ihre Aufnahmen gehen um die Welt und prägen bis heute das visuelle Gedächtnis des Kriegsendes.

Normalerweise bleiben diese Dokumentaristen im Bild unsichtbar. Doch auf dem Timeloberg geraten auch sie selbst vor die Linse – eingefangen bei der Arbeit mit der Kamera, mitten im historischen Moment.

Bedeutung

Die Kapitulation auf dem Timelohberg war eine Teilkapitulation, die jedoch weitreichende Folgen hatte. Ab dem 5. Mai, 8:00 Uhr, schwiegen die Waffen in Nordwestdeutschland, Dänemark und den Niederlanden. Die Presse weltweit berichtet über den „Surrender in the Luneburg Heath“. Schätzungsweise über eine Million deutsche Soldaten gingen in britische Kriegsgefangenschaft, statt in weitere aussichtslose Kämpfe verwickelt zu werden. Diese Verhandlungen waren die unmittelbare Vorstufe zur Gesamtkapitulation in Reims am 7. Mai und der Bestätigung in Berlin-Karlshorst am 8. Mai 1945.

Bilder und Berichte über den „Surrender in the Luneburg Heath“ erscheinen in Zeitungen rund um den Globus – bis die Gesamtkapitulationen von Reims und Berlin-Karlshorst die Lüneburger Ereignisse schon wenige Tage später aus den Schlagzeilen verdrängen.

Denkmal

Die Briten erklären den Timeloberg zum „Victory Hill“ und errichten dort wenige Tage nach der Kapitulation eine erste hölzerne Gedenktafel. Ende 1945 wird sie durch einen tonnenschweren Granitblock mit Bronzetafel ersetzt. Doch das Monument wird wiederholt beschmiert und beschädigt, 1955 wird die Bronzetafel sogar gestohlen. Als der Standort 1958 an die Bundeswehr übergeben wird und Sicherheitsbedenken fortbestehen, lässt Feldmarschall Montgomery das Denkmal abbauen und nach England bringen. Seitdem steht es auf dem Gelände der Royal Military Academy Sandhurst.

Am Originalschauplatz der Teilkapitulation vom 4. Mai 1945 – heute militärisches Sperrgebiet – erinnert lange Zeit kaum noch etwas an das weltgeschichtliche Ereignis. Erst 1995 wird außerhalb der Sperrzone ein neuer Gedenkstein aufgestellt, um die Erinnerung an den historischen Ort wachzuhalten.

Der Gedenkstein liegt etwas versteckt in der Nähe des Lüneburger Stadtteils Häcklingen. Lange Zeit war der Ort Schauplatz von Veteranentreffen, heute dient er vor allem als Mahnmal für den Frieden.

Das Kriegsende wird im Jahr 1945 nicht überall als Befreiung angesehen. In Deutschland dominieren lange Zeit Bilder des Zusammenbruchs, der Zerstörung und der Niederlage. Doch die Perspektiven wandeln sich im Laufe der Jahre. Längst sieht eine große Mehrheit die Kapitulation nicht nur als das Ende eines verbrecherischen Regimes, sondern auch als Beginn einer neuen Ordnung in Europa.

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