Gegenstoß auf Vahrendorf – Hamburg 1945

Südwestlich von Harburg liegen die sogenannten Harburger Berge – eine Region, die von steilen Hügeln, Schluchten und Wäldern geprägt ist. Inmitten dieser Landschaft liegen, wie auf einer großen Waldlichtung, die Felder und Häuser der Dörfer Alvesen, Ehestorf, Sottdorf und Vahrendorf. Im April 1945 verlief unmittelbar östlich von Vahrendorf, kaum 200 Meter entfernt, die Hamburger Verteidigungslinie: ein breiter Panzergraben, der durch Gefechtsstellungen und Schützengräben gesichert war. In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1945 kam es hier zu einem geplanten Gegenstoß deutscher Truppen gegen die britischen Angreifer, welche die vier Walddörfer besetzt hielten. Was sich damals hier ereignete und warum dieser Angriff durchgeführt wurde, möchte ich im folgenden Bericht näher beleuchten.

Gelb markiert sind die drei wichtigsten Zufahrtsstraßen nach Harburg. Rot markiert sind die vier Dörfer Vahrendorf, Sottorf, Alvesen und Ehestorf, Schauplätz der Kämpfe am 26. April 1945.

Deutsche Verteidiger

Schon im Herbst 1944 hatte man begonnen, rund um Hamburg einen Verteidigungsring anzulegen. Südlich der Stadt zog sich ein tiefer Panzergraben mit Erdwall durch die Harburger Berge. Zahlreiche Erdbunker, meist hinter dem Graben gelegen, waren mit Baumstämmen geschützt und boten einigermaßen sichere Unterkünfte. Notbetten und kleine Öfen gab es nur wenige, sodass diese von den Soldaten bereits als gewisser Luxus empfunden wurden.

Unmittelbar hinter dem Graben, am Waldrand, waren Schützengräben und Gefechtsstellungen für Maschinengewehre und Panzerabwehrwaffen ausgehoben worden. Der Panzergraben verlief quer über die Reichsstraße 75, wo eine Straßensperre und ein Gefechtsstand bei Appelbüttel diesen wichtigen Zugang sicherten. Von dort aus zog er sich in einem weiten Bogen durch die Felder nördlich von Vahrendorf, umschloss Ehestorf und erstreckte sich dann entlang des Ehestorfer Heuweges bis hinunter in die Marschlande, wo statt des Panzergrabens ein großes Minenfeld die westliche Flanke Harburgs schützte.

Die Laufgräben und Stellungen sind noch heute im Wald zu finden.

Das hügelige Waldgelände eignete sich zudem sehr gut zur Verteidigung. Vor dem Wald breitete sich bis zum Ortsrand von Vahrendorf landwirtschaftlich genutztes Gelände aus, das zum Ort hin leicht abfiel. Daher konnten die bis zum Waldrand vorgeschobenen deutschen Posten das Gelände gut einsehen; Bewegungen auf britischer Seite waren so leicht zu erkennen. Der Blick vom Waldrand reichte nach Ehestorf, Vahrendorf und Sottdorf, ebenso zum Kiekeberg, dessen früheres Wahrzeichen, der Bismarckturm, beim Herannahen der Briten gesprengt worden war. Man befürchtete zu Recht, dass der Turm den Briten als Beobachtungsposten hätte dienen können.

Zu den Einheiten, die in diesem Abschnitt untergebracht waren, zählte auch das SS-Ausbildungs- und Ersatzbataillon 12 der SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“. Das Bataillon wurde im August 1944 in Kaiserslautern aufgestellt und später nach Nienburg an der Weser verlegt. Im März und April 1945, als Briten und Kanadier durch Nordwestdeutschland vorrückten, wurde das Bataillon unter dem Kommando von SS-Hauptsturmführer Hans Peinemann in schwere Kämpfe an der Weser- und Allerlinie sowie im Gebiet nördlich der sogenannten Heide-Linie verwickelt. Die Einheit musste dabei mehrfach schwere Verluste hinnehmen, wie die Kriegsgräber auf mehreren Friedhöfen zwischen Nienburg und Hamburg belegen.

Das SS-Ausbildungs- und Ersatzbataillon 12, das im Frühjahr 1945 aus etwa 1.000 neu rekrutierten Männern der Jahrgänge 1927 und 1928 bestand, erwies sich als aggressiv und motiviert, obwohl die meisten ohne besondere Kriegserfahrung waren. Die Jugendlichen besaßen – wie in jenen Jahren üblich – eine gewisse vormilitärische Ausbildung, waren aber mit der besonders auf dem westlichen Kriegsschauplatz technisierten und schnellen Kampfmethode der amerikanischen und britischen Truppen nicht vertraut. Zudem musste die Grundausbildung in Nienburg schon nach wenigen Wochen wegen des sich nähernden Gegners abgebrochen werden. Das Bataillon setzte sich also in großen Teilen aus 17- bis 19-jährigen Rekruten der Hitlerjugend zusammen, die von erfahrenen Offizieren und Unteroffizieren geführt wurden.

Der III. Zug der 7. Kompanie des SS-Bataillons 12 im März 1945.

Das Bataillon nannte sich selbst „Panzer-Teufel“ und war mit Panzerfäusten und anderen Panzerabwehrwaffen sowie mit Gewehren und Maschinengewehren ausgerüstet. Häufig wurden kleine Gruppen gebildet, um feindliche Panzer aktiv zu jagen und zu zerstören; zu diesem Zweck wurden sie auch vereinzelt mit Panzerschreck bewaffnet. Munition wurde zum Teil auf Handwagen gezogen, nur hin und wieder standen Schützenpanzerwagen zur Verfügung. Das Gros der Truppe musste den Rückzug bis vor die Tore Hamburgs zu Fuß antreten.

Unmittelbar nördlich von Vahrendorf, in den Stellungen am Waldrand, waren am 25. April 1945 die Reste der 7. Kompanie dieses Bataillons positioniert worden. Die Einheitsbezeichnungen bei der deutschen Truppe waren wegen der zahlenmäßig geringen Stärke vieler Verbände jedoch nur noch ein Trugbild. Erstmals tauchte der Begriff der „Kampfgruppe“ auf: Sie wurden aus Soldaten unterschiedlichster Einheiten und ohne Rücksicht auf bisherige Waffengattungen gebildet. Es entstanden neue Verbände mit regionaler Bedeutung. Auch aus dem Ausbildungs- und Ersatzbataillon 12 wurde bei Vahrendorf eine solche Kampfgruppe formiert. Die Einheit war mit unerfahrenen, sehr jungen Soldaten aufgefüllt worden. Es handelte sich um etwa 30 Mann aus der „Germania-Kaserne“ in Hamburg-Langenhorn. Sie gehörten zum SS-Bataillon 18, das mit seinen letzten Teilen südwestlich der Hansestadt Bremen von der 3. britischen Infanteriedivision aufgerieben wurde. Eigentlich hatten die 30 jungen Soldaten dorthin gewollt; da jedoch alle Straßen nach Bremen längst von den Briten beherrscht wurden, hatten sie sich umgehend beim nächsten SS-Truppenteil zu melden.

Auch im Laubwald östlich von Vahrendorf, entlang der Kreisstraße 20 (von Ehestorf zur heutigen Bundesstraße 75 Hamburg–Bremen), waren deutsche Soldaten in Erdstellungen untergebracht. Östlich davon, an der Stellung bei Appelbüttel, lag das Marine-Panzerjagd-Regiment 1.

Die Verbindungsstraße von Appelbüttel zu den Erdstellungen der 7. Kompanie. Entlang dieser Straße war die 4. Kompanie positioniert.

Volkssturm

Volkssturmsoldaten kamen bei diesem Gefecht zwar nicht direkt zum Kampfeinsatz, wurden jedoch hinter der Front zur Unterstützung herangezogen. Dabei handelte es sich unter anderem auch um Barmbeker Volkssturmmänner, die erst in den letzten Kriegstagen an die Hauptkampflinie gebracht wurden. Der Bericht Hermann Schlegels, der den Ereignissen dieser Nacht beiwohnte, veranschaulicht beispielhaft, wie die älteren Angehörigen des letzten Aufgebots ihre zumeist unfreiwillige Beteiligung am Kriegsgeschehen erlebten:

„… in einer dieser Nächte machten unsere Offiziere mit dem Rest der Aktiven und uns vom Volkssturm einen Angriff auf den Kiekeberg. Ich bekam eine Schubkarre aus Holz, wie man sie zur Gartenarbeit benutzt und sollte herumliegende Munitionskisten einsammeln. Ob ich welche gefunden habe, weiß ich heute nicht mehr, es war doch Nacht, alles dunkel, und so genau wusste ich auch nicht, wie die Dinger aussehen… Die Aktiven, die Jungen, waren wohl schon vor uns, wir Alten, ich war damals 43 Jahre, zogen hinterher, hatten noch eine zweite Schubkarre und zusammen waren wir 10 oder 12 Mann, die sammeln sollten und möglichst viel zurückbringen.

Wir kamen dann durch ein Dorf, es muss Ehestorf gewesen sein, da standen in den Hauseingängen überall Soldaten wie ich sie nur aus der Wochenschau kannte, mit Tarnnetzen usw., Fronttruppen. Unser Trupp mit… den beiden Schubkarren (meine quietschte bei jeder Umdrehung) war natürlich für diese Situation viel zu laut und wurde von den Soldaten zwar leise, aber sehr ernst beschimpft, man wollte uns allen Ernstes über den Haufen schießen. So weit ist es nicht gekommen, es ging dann alles schnell durcheinander, was da vorn am Kiekeberg los war, wussten wir nicht, Angriff und Gegenangriff sagte man uns später.

Jedenfalls war es eine dolle Schießerei und für uns gab es instinktiv nur zurücklaufen, kriechen, unter Baumstämmen verstecken…“

Die Erzählung macht deutlich, dass die Volkssturmmänner den Anforderungen des Kriegsgeschehens meist nicht gewachsen waren. Insbesondere die älteren Männer waren nicht oder nur unzureichend ausgebildet und bewaffnet. Ihr Leben war aufgrund der mangelhaften Ausrüstung und ihrer fehlenden Erfahrung bei einem Einsatz an der Hauptkampflinie ständig gefährdet. Sie stellten somit keine wirkliche Verstärkung der aktiven Truppe dar und waren aus diesem Grunde nicht in der Lage, den ihnen von der Presse zugewiesenen Auftrag – den Schutz der Heimat – zu erfüllen.

Britische Angreifer

Am Morgen des 20. April 1945, um 9 Uhr, wurden Vahrendorf und Sottdorf von englischen Truppen besetzt. Es handelte sich um das 2nd Devonshire Infantry Regiment, das sich mit seinem Hauptquartier und drei Kompanien auf die Dörfer verteilte. Die Einheit war Teil der britischen 7. Panzerdivision, die rund um Harburg in Stellung ging.

Das Bataillon bezog mit der „B“-Kompanie auf der rechten Seite in Vahrendorf Stellung, mit der „A“-Kompanie – verstärkt durch einen Zug der „D“-Kompanie – in den bewaldeten Hügeln westlich des Dorfes und mit der „C“-Kompanie nordwestlich von Sottdorf. Das Bataillonshauptquartier und die Unterstützungskompanie befanden sich ebenfalls in Sottdorf. Der Bataillonskommandeur, Lt. Col. Peter Brind, richtete seinen Gefechtsstand im Gasthaus Cordes in Sottdorf ein. Die „D“-Kompanie lag in Reserve und sicherte die linke Flanke bei Sieversen. In Vahrendorf diente das Gasthaus Erhorn als Hauptquartier der „B“-Kompanie.

Am 6. Juni 1944, dem D-Day, landete das 2nd Devonshire Infantry Regiment am Gold Beach unmittelbar hinter den 1st Hampshires und den 1st Dorsets und rückte von dort aus weiter vor, um Ryes und die feindliche Küstenbatterie bei Longues einzunehmen. Im Normandie-Feldzug kämpfte die Einheit bei La Belle Épine (bei Trungy), Hottot, Le Lion Vert und Les Forges auf dem Weg nach Condé-sur-Noireau. Nach dem raschen Vormarsch über die Seine und durch Belgien nahmen sie an der Operation Market Garden teil und kämpften um die Sicherung des Eindhovener Korridors, durch den das XXX. Korps auf dem Weg zu den Brücken von Nimwegen und Arnheim ziehen sollte. Die Monate Oktober und November 1944 verbrachten sie mit der Verteidigung der sogenannten Insel – dem tiefliegenden Polderland zwischen Arnheim und Nimwegen – gegen einen deutschen Vorstoß nach Süden.

Ende November wurde die 231. Malta-Brigade aufgeteilt und die 2. Devons zur 7. Panzerdivision verlegt, die damals in der Nähe von Sittard lag und mit der sie für den Rest des Krieges dienten. Im Januar 1945 nahmen sie an den erbitterten Kämpfen um die Räumung des Roer-Dreiecks im Süden der Niederlande teil. Im März erzwangen sie nach der Rheinüberquerung den Übergang über die Weser und schlugen ihre letzte Schlacht bei Vahrendorf bei Hamburg.

Am 12. Juli 1945 nahm das 2. Devon an der Siegesparade in Berlin teil, nachdem es sich eine Woche zuvor der dortigen Garnison angeschlossen hatte. In vier Kriegsjahren stand das Bataillon mehr als drei Jahre im Kampf, hatte an vier Feldzügen teilgenommen und drei Landungsunternehmen durchgeführt, was dem Devonshire Regiment zwölf Gefechtsauszeichnungen einbrachte.

Die Siegesparade in Berlin

Vahrendorfs Einwohner

Die Briten ließen nach ihrer Ankunft die Dörfer im Kampfgebiet räumen. Die Bewohner von Vahrendorf durften nur wenige Habseligkeiten mitnehmen, und es blieb nicht einmal Zeit, das auf den Weiden grasende Vieh zu holen. Alle packten in großer Eile. Auf Blockwagen und Handkarren wurde mitgenommen, was irgend möglich war. Als Aufenthaltsorte für die evakuierte Bevölkerung wurden die Dörfer Sieversen, Leversen, Langenrehm, Emsen und Nenndorf zugewiesen. Da die Kühe nicht gemolken werden konnten, war nach einiger Zeit überall brüllendes Vieh zu hören.

Zu den Geflüchteten gehörte auch Gustav Erhorn aus Vahrendorf, der wenige Tage vor der Ankunft der britischen Truppen noch als Reservepolizist in Harburg gedient hatte. Er kehrte nach Vahrendorf zurück, um seine einzige Kuh zu holen. Britische Soldaten waren ihm dabei behilflich. Wohnhaft blieben nur die Einheimischen, deren Häuser sich unmittelbar gegenüber dem Waldrand befanden.

Nach dem Einrücken der britischen Truppen wurde Vahrendorf durch deutsche Artillerie unter starken Beschuss genommen, und ein Teil des Dorfes wurde dabei zerstört. Die Scheune des Bauern Peter Witt sowie das Wohn- und Wirtschaftshaus des Landwirts Hermann Völsch brannten bis auf die Grundmauern nieder. Durch Funkenflug wurden weitere Gebäude eingeäschert, darunter das Haus von Else Otten, das Häuslingshaus von Hermann Hoppe sowie die Wohnhäuser des Arbeiters Otto Weseloh und des Landwirts Karl Meyer.

Kurze Ruhepause

Die britischen Soldaten hatten sich nun fest in Vahrendorf einquartiert, und es entwickelte sich – wie deutsche Beobachter feststellten – eine lebhafte Geschäftigkeit, vor allem ein anhaltender Fahrzeugverkehr zwischen Vahrendorf und Sottdorf. Die Briten demonstrierten ihre Präsenz zunächst vor allem durch ständigen Artilleriebeschuss, der von einem Beobachter in Alvesen gelenkt wurde. Da hierbei Granaten mit empfindlichen Aufschlagzündern eingesetzt wurden, detonierten die Geschosse in den Bäumen und zwangen die deutschen Soldaten, sich häufig in ihren Erdunterkünften aufzuhalten. Der völlig unerfahrene Hamburger Freiwillige Harry Jarchow, 17 Jahre alt, der sich während eines Beschusses nicht im Bunker befand, wurde von einem Granatsplitter tödlich getroffen. Er wurde auf einem Hamburger Friedhof beigesetzt.

Die deutschen Soldaten im Wald erhielten ihre Verpflegung aus Hamburg. Im Stadtteil Veddel, in der Nähe des Zollamtes und der Kohlenhandlung Wietze, befand sich ebenfalls eine Unterkunft der Kampfgruppe. Noch Jahre später war an jenem Gebäude in großen Buchstaben der Name dieser Einheit zu lesen. In der nahen Großstadt bestand für einzelne privilegierte Soldaten sogar die Gelegenheit, ein Kino zu besuchen. Infolge ständiger Fliegeralarme mussten solche Filmvorführungen jedoch meist schon nach kurzer Zeit beendet werden.

Während der tagelangen Pause zeigte sich, dass die militärische Verwaltung immer noch einigermaßen funktionierte. Auseinandergerissene Einheiten fanden wieder zusammen und formierten sich neu; selbst Beförderungen wurden noch ausgesprochen. Von Zeit zu Zeit erschien am Waldrand vor den deutschen Stellungen ein britischer Panzer mit Lautsprecher. Er forderte die Soldaten in deutscher Sprache auf, den Krieg zu beenden und zu den britischen Truppen überzulaufen. Es wurden gute Behandlung und gutes Essen zugesichert. Diese Aufforderungen blieben jedoch ohne Erfolg.

Der ehemalige Bismarck-Turm auf dem Kiekeberg

Belagerungsaktivitäten

Schon am 20. April setzte der englische Artilleriebeschuss auf die Stadt Harburg ein, der auch in den folgenden Tagen andauerte. Die britischen Verbände griffen Harburg jedoch nicht direkt an, sondern bemühten sich zunächst, außerhalb der Grenzen des südlichen Verteidigungsabschnitts die Elbe zu erreichen. Schon bald trafen sie westlich von Hamburg bei Borstel sowie östlich der Stadt zwischen Harburg und Lauenburg ein. Ihr Versuch, am Abend des 21. April bei Zollenspieker die Elbe zu überqueren, schlug allerdings fehl.

Mehrere Anläufe der britischen Seite, kleinere Vorstöße gegen den Hamburger Verteidigungsbereich zu unternehmen, fanden aufgrund der Gegenwehr der deutschen Verteidiger ein schnelles Ende. Einer Konzentration britischer Artillerie bei Hittfeld, Nenndorf und Klecken begegneten die Deutschen am 21. April mit eigenem Artilleriefeuer. Am folgenden Tag nahm die deutsche Flak eine größere Ansammlung von Truppen und Panzern auf der Straße zwischen Sinstorf und Maschen unter Beschuss. Ebenfalls am 22. April vertrieben Einheiten des Reichsarbeitsdienstes sieben britische Panzer, die aus südwestlicher Richtung in die Gegend von Fischbek vorgedrungen waren.

Die deutschen Verteidiger beschränkten sich jedoch nicht nur auf Abwehrtätigkeiten, sondern gingen selbst zum Angriff über. Ein Vorstoß am 24. April 1945 führte zur Wiedereroberung des südwestlich von Harburg gelegenen Elstorfs, das sich zuvor in britischer Hand befunden hatte.

Vermutlich eine ehemalige deutsche MG-Stellung am Waldrand gegenüber von Vahrendorf.

Politische Hintergründe

Das ruhige Verhalten der Briten seit dem 21. April war allerdings nicht im Sinne des Kampfkommandanten von Hamburg, Generalmajor Wolz. Auch wenn er entschlossen war, es nie zu einer ernsthaften Verteidigung der Stadt kommen zu lassen, musste er doch vortäuschen, zu allem bereit zu sein. Wolz war sich in der Frage der Nichtverteidigung der Stadt mit Gauleiter Kaufmann einig. Während Wolz seine Absichten jedoch für sich behielt, sickerte aus dem Umfeld Kaufmanns durch, dass er die Stadt kampflos übergeben wollte.

Daraufhin suchte der Oberbefehlshaber Nordwest, Generalfeldmarschall Busch, um den 23. April herum Generalmajor Wolz auf und verlangte von ihm in barschem Ton die Verteidigung der Elbmetropole bis zum letzten Mann. Der Besuch Buschs hatte zur Folge, dass Wolz für den 25. April einen völlig unsinnigen Angriff befahl – nur um Aktivität zu zeigen und damit seine Absetzung als Kampfkommandant zu verhindern.

Planung

An einem der folgenden Tage wurde der Kompaniechef der 7. Kompanie, Heinz Früh, von Heinz Peinemann, dem Kommandeur der Kampfgruppe, unter vier Augen über einen Befehl informiert, der aufgrund seiner absehbaren Konsequenzen zu einer Kontroverse zwischen Peinemann und Früh führte. Es handelte sich um den Auftrag, Vahrendorf anzugreifen, den Ort zu besetzen und die britischen Truppen zurückzudrängen. Früh machte in dem Gespräch keinen Hehl daraus, dass dieses Vorhaben von vornherein zum Scheitern verurteilt sei und man mit hohen Verlusten rechnen müsse.

Untersturmführer Heinz Früh

Wolz’ Befehl sah vor, dass das SS-Ausbildungs- und Ersatzbataillon 12 den Ort Vahrendorf zurückerobern sollte. Der Ort lag nur eineinhalb Kilometer von Appelbüttel entfernt, wo Teile des II. Bataillons des Marine-Panzerjagd-Regiments 1 unter Korvettenkapitän Cremer in Stellung lagen.

Den Angriff sollte mitten in der Nacht vom 25. auf den 26. April um 1.10 Uhr erfolgen und von der 7. Kompanie des SS-Bataillons 12 unter dem Kommando von Untersturmführer Früh ausgeführt werden.

  • Der I. Zug soll rechts von der Straße nach Vahrendorf vorgehen und den Kiekeberg sowie den rechten hinteren Ortsteil einnehmen.
  • Der II. Zug soll auf der Straße mit Unterstützung durch drei Sturmgeschütze und einer Gruppe Fallschirmjäger an angreifen.
  • Der III.Zug soll einen weiten Bogen links von der Straße aus nehmen und den linken hinteren Ortsteil stürmen.
  • Untersturmführer Früh und sein Kompanietrupp sollen schließlich hinter der Angriffswelle links von der Straße folgen und dann in der Dorfmitte in der Nähe der Straßenkreuzung den Gefechtsstand einrichten.
  • Nach dem Erreichen der Ziele sollen die Züge dem Kompanieführer ihre Positionen melden.

Die schweren Geschütze des Flakturms auf dem Hochbunker in Wilhelmsburg, der mit vier 12,8-cm-Flakzwillingen 40 ausgestattet war, sowie 2-cm-Geschütze des Marine-Panzerjagd-Regiments 1 sollten den Angriff mit einem Artillerieschlag einleiten. Unter dem Deckungsfeuer des MG-Zuges der 4. Kompanie sollten die Angreifer vorrücken. Zur Unterstützung beim eigentlichen Angriff wurden den jungen SS-Grenadieren zwei – einige Berichte sprechen von drei – Sturmgeschütze der 8. Fallschirmjäger-Division zugewiesen.

Ursprünglich war die 8. Fallschirmjäger-Division mit unbekannter Stärke für den Einsatz bei Lauenburg vorgesehen, da dort in Kürze ein britischer Angriff über die Elbe erwartet wurde. Dem Kompanieführer Früh war lediglich bekannt, dass Vahrendorf von einer britischen Einheit in Kompaniestärke besetzt gehalten wurde. Nicht bekannt war ihm hingegen, dass stärkere Reserven bereitstanden: eine weitere Kompanie des 2nd Devonshire Regiments westlich des Kiekebergs sowie eine Kompanie Schützenpanzer nordwestlich bei Sottdorf.

Kompaniechef Früh wurde am 24. April nochmals von Peinemann über die Einzelheiten des Befehls informiert. Dies geschah vor einem größeren Kreis von Offizieren im Gefechtsstand Peinemanns. Früh wurde zu dieser Besprechung hinzugezogen und äußerte in vorsichtiger Form erneut seine Bedenken. Diese blieben jedoch ohne Erfolg, und die Vorbereitungen für das Unternehmen begannen.

Am Abend des 24. April gelangte ein deutscher Spähtrupp unbemerkt bis zum Ortseingang von Vahrendorf. Dort kam es vor dem ersten Haus entlang der Kreisstraße 26 zu einem Schusswechsel mit einem britischen Posten. Der Spähtrupp zog sich nach diesem Zwischenfall ohne Verluste zurück.

Die rote Linie markiert den Panzergraben rund um Hamburg. Die Grauen Rechtecke stellen die deutschne Einheiten dar: 1: 6. Komp. SS-Btl. 12 / 2: Marine-2-cm-Geschütze / 3: 7. Komp. SS-Btl. 12 / 4: 4. Kompanie SS-Btl. 12 / 5: Marine-Panzerjagd-Rgt. 1. Die braune Rechtecke stellen die britischen Einheiten dar: 1: brit. Artillerie Btl. / 2: 1. Komp. Devonshire Rgt. / 3: 2. Komp. Devonshire Rgt. (Teile) / 4: 3. Komp. Devonshire Rgt. / 5: 2. Komp. Devonshire Rgt. (Teile) / 6: Rgt HQ Devonshire Rgt. / 7: 1. Btl. 5th Queen’s Royal Rgt. / 8: 5th Dragoons

Angriff auf Vahrendorf

In den Vormittagsstunden des 25. April erfuhren die Männer erstmals vom geplanten Angriff, und nach den vielen Tagen der Ruhe kam wieder Bewegung in die Stellungen im Wald. Die betroffenen Soldaten – etwa 120 Mann – wurden von dem Befehl überrascht. Dazu schrieb Eberhard Köpke später:

„Da kommt plötzlich am 25. April der Befehl: An der ganzen Front des Harburger Brückenkopfes greifen kampfstarke Kompanien den Feind an. Angriffsziele sind rechts der Bremer Straße der Kiekeberg, der die ganze Umgebung beherrscht, der Ort Vahrendorf, der einen feindlichen Gefechtsstand beherbergt, und an der Straße selbst der kleine Ort Lürade.“

Vorbereitung

Die Kompanie traf die letzten Vorbereitungen für den Nachtangriff. Zusammen mit der warmen Verpflegung brachte der Spieß „Kuhkopf“ der Kompanie auch noch zusätzliche Munition mit und wünschte den Männern anschließend viel Glück beim „Abendspaziergang“ nach Vahrendorf.

Vom Flakbunker in Wilhelmsburg trafen am Nachmittag Offiziere in der Stellung ein, um die notwendigen Einzelheiten für die Artillerieunterstützung zu besprechen. Der Angriff sollte durch einen geballten Feuerschlag eingeleitet werden. Bei dieser Gelegenheit warfen die Flakoffiziere auch einen Blick vom Waldrand auf den Ort Vahrendorf, denn in der Nacht sollte nur nach Karte und ohne Feuerleitung geschossen werden.

Gegen Abend machten sich die Männer mit dem Weg zum Waldrand vertraut, damit sie die Ausgangsstellung auch in der Dunkelheit finden konnten. Als die englische Artillerie ihren „Abendgruß“ schickte, hatte die Kompanie ihren ersten Toten. Es war ein 17-jähriger Grenadier, der erst vor ein paar Tagen aus Langenhorn gekommen war. Man wickelte den Gefallenen in eine Zeltbahn und legte ihn zunächst neben einen Bunker.

Untersturmführer Früh hatte seine 7. Kompanie wie geplant in drei Züge eingeteilt. Zum Kompaniegefechtsstand in Vahrendorf wurde schon vor Beginn des Angriffs das erste Gebäude nördlich der Straße erklärt, auf das der Kompanietrupp stoßen würde. Die Truppe wurde mit leichten Infanteriewaffen, also automatischen Gewehren, einigen Panzerfäusten und Handgranaten ausgerüstet.

Um 0.30 Uhr rückte die 7. Kompanie in die Bereitstellung am Panzergraben vor. Der SMG-Zug der 4. Kompanie hatte bereits am Waldrand die Lafetten aufgebaut, um beim Angriff den notwendigen Feuerschutz geben zu können. Von der Bremer Chaussee rollten dann die drei (oder zwei) Sturmgeschütze mit einer aufgesessenen Gruppe Fallschirmjäger heran, und alle wunderten sich, dass die Engländer bei diesem Lärm nicht wach wurden.

Blick vom Waldrand in Richtung Kiekeberg heute.

Der Flakbunker in Wilhelmsburg meldete sich pünktlich um 1.05 Uhr mit seinem Beschuss, doch vermutlich ging dieser über das Ziel hinaus, da die Männer im Wald nicht erkennen konnten, wo die Granaten einschlugen. Fünf Minuten später setzten sich die drei Züge in Bewegung. Vahrendorf war bei dem schwachen Mondschein kaum auszumachen, aber jeder wusste ungefähr, wo es langgehen sollte. Als die Grenadiere den Wald verließen, setzte plötzlich heftiges Artilleriefeuer der Engländer ein.

Von der Bremer Chaussee her hörte man starken Gefechtslärm. Dort versuchten anscheinend die anderen Kompanien, den Gegner abzulenken. Pausenlos wurde das Gelände von Leuchtkugeln erhellt. Jetzt schoss auch die Marine mit ihren 2-cm-Geschützen. Doch das Feuer lag zu kurz, und die Leuchtspurmunition zwang die eigenen Leute, in Deckung zu gehen. Es dauerte eine ganze Weile, bis man am Waldrand den verhängnisvollen Irrtum erkannte.

Die Angriffsrichtungen der 3 Züges der 7. Kompanie (Grau 1 bis 3). Grau A: Marine 2-cm-Geschütze / Grau B: Sturmgeschütze und Fallschirmjäger / Grau D: Marine-Panzerjagd-Rgt. 1 / Braun 1: 1. Komp. Devonshire Rgt. / 2: 2. Komp. Devonshire Rgt.

Angriff II. Zug

In der Dunkelheit bewegten sich die drei Marschkolonnen in Richtung Vahrendorf. Der II. Zug erreichte den Ortsrand und drang unbemerkt in die ersten Häuser ein. Hier überraschten sie einige britische Soldaten im Schlaf. Der Spähtrupp vom Vortag war von den Briten also nicht als Ankündigung eines Angriffs verstanden worden. Der II. Zug unter dem Kommando von Mathias Finkler konnte drei britische Soldaten gefangen nehmen, die von Soldat Philipp Ender zu den eigenen Linien zurückgeführt wurden.

Rund um die ersten Häuser des Dorfes kam es zu einem ersten Feuergefecht. Vermutlich handelte es sich beim Gegner um einen Funktrupp, der hier seinen Posten eingerichtet hatte. In diesem Durcheinander aus Dunkelheit, Flammen, Rauch und Gefechtslärm fiel es beiden Seiten schwer, im Häuserkampf die Orientierung zu behalten und Freund und Feind zu unterscheiden. Kompaniekommandeur Heinz Früh ließ im Gasthaus Erhorn den Kompaniegefechtsstand einrichten und schickte Melder aus, um die Verbindung zwischen den drei Zügen herzustellen. Im Gasthaus waren die Tische noch zum Essen gedeckt, und sogar die Kerzen brannten noch – wahrscheinlich hatte man die Engländer gerade beim Abendessen gestört.

Das Gasthaus Ehrhorn noch vor dem 1. Weltkrieg

Langsam wurde es draußen ruhiger, doch Kommandeur Früh hatte noch immer keine Verbindung zu seinen drei Zügen. Gegenüber der Gastwirtschaft blieb ein Sturmgeschütz mit abgeschossener Kette im Garten liegen. Im Dorf brannten einige Häuser, aber der Feuerschein reichte nicht aus, um viel zu erkennen. Der II. Zug meldete sich von der Panzersperre und gab seine Verluste bekannt. Es gelang ihm jedoch nicht, den Ort vollständig einzunehmen, und zu diesem Zeitpunkt bestand noch immer keine Verbindung zum I. und III. Zug. Vom Kiekeberg, wo eigentlich jetzt der I. Zug stehen sollte, schossen feindliche Granatwerfer ins Dorf. Zum Glück hatten die Engländer die Bevölkerung bereits zwei Tage zuvor evakuiert.

Das Gasthaus Erhorn heute

Bei einer Explosion während dieses Schusswechsels im Ort wurde Schütze Kopfmann von einem Gegenstand am Kopf getroffen und blieb mehrere Stunden bewusstlos liegen. Als er erwachte, war es bereits heller Tag. Der Ort lag in völliger Ruhe. Kopfmann stellte weder Bewegung noch Geräusche fest. Daraufhin trat er vorsichtig den Rückmarsch an, stets in der Befürchtung, beschossen zu werden. Er ging an Häusern vorbei, die keine Schäden zeigten, und kehrte unversehrt in die Stellung im Wald zurück. Dort wurde er mit großem Erstaunen empfangen.

Ein Auszug aus dem Kriegstagebuch des 2nd Devonshire Regiments gibt die Lage aus britischer Sicht wieder:

„Am Morgen des 26. April um halb zwei traf eine Meldung der B-Kompanie ein, dass sie den Lärm eines Kettenfahrzeugs vor ihren Stellungen hören konnten. Als der Angriff kam, traf er sowohl die Stellungen der A- als auch der B-Kompanie. Die Gesamtfront betrug 2.300 Yards. Obwohl von allen Verteidigungsposten aus geschossen wurde, konnte man nicht hoffen, die Infiltration durch diesen Angriff in großer Stärke zu verhindern. Die beiden Kompanien, die auf der Strecke von Vahrendorf bis zum Wald im Westen lagen, trafen auf Einheiten der SS, der SS-Hitlerjugend, der Marineinfanterie und der Wehrmacht. Die Kämpfe in der Dunkelheit waren äußerst erbittert, und bald wurden beide Kompaniehauptquartiere bedroht.“

Untersturmführer Früh ließ nun Leuchtzeichen schießen, doch aus der Waldstellung kam keine Antwort. In der Ferne hörten die Männer Panzergeräusche. Die Lage wurde für den Kompanieführer zunehmend unübersichtlich, und auch die Munition ging zur Neige. Ein Rückzug bei Tageslicht schien unmöglich, da der Gegner das Gelände bis zum Waldrand vollständig einsehen konnte. Deshalb schickte Früh einen Melder zurück, der beim Eintreffen in der Waldstellung sofort ein Leuchtsignal abgeben sollte. Sieben Bauernhäuser standen bereits in Flammen, und das in den Ställen befindliche Vieh brüllte.

Als der Kompanietrupp in der Umgebung des Gefechtsstandes Ausschau hielt, stürmten auf der Straße einige britische Soldaten heran. Sie gingen sofort in Deckung und nahmen die Deutschen unter Feuer. Dabei erhielt Unterscharführer Finkler einen Feuerstoß aus einer Maschinenpistole in die Brust und war sofort tot. Seine Gruppe kämpfte sich zum Gefechtsstand zurück. Dieser war wenig später von den Briten halbkreisförmig umstellt. Zu diesem Zeitpunkt – gegen 3.00 Uhr – brannten in Vahrendorf mehrere Gebäude, denn von Alvesen aus beschoss die britische Artillerie mit Hilfe eines Beobachters den östlichen Ortsrand.

Corporal Ted Sigall erhält bei der Siegesfeier in Berlin seine Auszeichung von Feldmarschall Montgomery.

Vermutlich wurde Finkler von Corporal Ted Sigall getötet, der für seinen Einsatz während des Gefechts ausgezeichnet wurde. Während der Kämpfe um Vahrendorf war Corporal Ted Sigall als Nachtwache für den Motortransport der B-Kompanie zusammen mit einem anderen Mann eingeteilt, als er Bewegung in der Dunkelheit bemerkte. Er sprang mit seiner Sten Gun und einigen Handgranaten aus dem Fahrzeug und eröffnete das Feuer. In dem blutigen und verzweifelten, achtstündigen Gefecht in den kleinen Seitenstraßen von Vahrendorf griff Ted Sigall zwei getrennte SS-Gruppen mit seinen Waffen an. In diesen nächtlichen und frühmorgendlichen Feuergefechten schaltete er mehrere feindliche SS-Soldaten aus. Für diese Tat wurde ihm die Military Medal verliehen.

Britische Artillerie

Gleich in der Anfangsphase des Angriffs wurde eines der beiden deutschen Sturmgeschütze nur dreißig Meter vom Hauptquartier der britischen B-Kompanie entfernt durch eine PIAT außer Gefecht gesetzt; die Besatzung kam dabei ums Leben. Kurz darauf begann die britische Artillerie mit dem Beschuss des östlichen Dorfrandes von Vahrendorf. Schnell standen einige Häuser in Flammen.

Im Kriegstagebuch des 3rd Field Regiment, Royal Horse Artillery, ist zu den Ereignissen Folgendes vermerkt:

„Gegen 03.00 Uhr heute Morgen schien die ganze Front plötzlich zu erwachen, und es entbrannte ein heftiger, wirrer Kampf. Der Feind griff die Stellungen der 2nd Devons und der äußersten linken Kompanie der 1/5th Queens an. Wir haben fast ununterbrochen Defence Fire in die Gebiete 450397, 466395 und 445406 abgefeuert. Der Feind war außerdem damit beschäftigt, sich im Gebiet 433403 zu formieren, obwohl er von dort aus nie angriff. Das 13th Medium Regiment wurde ebenfalls von uns beschossen.

Die Schlacht verlief äußerst wechselhaft und dauerte bis 08.00 Uhr. Captain Aspinall und seine Mannschaft der M-Batterie waren einige Zeit lang verschwunden, und man hörte nichts von ihnen, bis ein Mann der Bedienungsmannschaft das taktische Hauptquartier der ‚J‘-Batterie erreichte und mitteilte, dass Captain Aspinalls Panzer von einer Panzerfaust beschossen und der Fahrer schwer verwundet worden sei. Bei näherer Untersuchung später am Morgen stellte sich zum großen Leidwesen aller heraus, dass Captain Aspinall und sein Fahrer, Gunner Jefferson, getötet worden waren und unter dem Panzer lagen. Eine kurze Trauerfeier fand heute Nachmittag auf einem Friedhof in der Nähe der B-Batterie statt. Leutnant Gosling wurde zur M-Batterie versetzt, um die Nachfolge von Captain Aspinall anzutreten.

Dies war die erste Nacht seit sehr langer Zeit, in der wir ohne Munitionsdepot waren, nachdem wir dieses gestern Morgen für einen Einsatz an anderer Stelle abgezogen hatten. Die Batterien schickten ihre eigenen Munitionswagen zu einer anderen RASC-Kompanie und wurden dort neu mit Nachschub versorgt. Um 08.00 Uhr begann sich alles wieder zu beruhigen, und der ‚Hunne‘ zog sich in seine früheren Gebiete zurück. Opferzahlen für die Schlacht heute Morgen: Feind: 50 Tote, 53 Kriegsgefangene und 15 Verwundete.“

Auch die J-Batterie des 5th Field Regiment, Royal Horse Artillery, verfasste einen ausführlichen Bericht über die Kämpfe um Vahrendorf:

„Um 02.38 Uhr heute Morgen haben wir Defence Fire (Kurzform = DF) geschossen, gefolgt von einem kontinuierlichen Feuer während einer sehr aktiven Nacht, die in einem sehr traurigen Verlust für die Batterie gipfelte. Um 02.34 Uhr erfuhren wir, dass ein feindliches Sturmgeschütz, ein 20-mm-Geschütz sowie Infanterie in unseren vorgeschobenen Gebieten aktiv wurden. Vier weitere Salven DF wurden kurz hintereinander abgefeuert – die Nachricht, dass sich der Feind rund um das Angriffsgebiet formierte, war dafür verantwortlich. Fünf weitere DF-Salven folgten unmittelbar auf den Feind, der angeblich von Osten her angriff und dort Fortschritte gemacht hatte – ein Angriff von Westen wurde ebenfalls erwartet, hatte aber noch nicht begonnen.

Sechs weitere DF-Salven wurden rasch hintereinander abgefeuert – die Situation entwickelte sich zu einem ernsthaften feindlichen Versuch, in das Gebiet des Bataillons einzudringen. Der Beobachtungsposten des ‚D‘-Troop soll den Kontakt verloren und sein Ziel nicht erreicht haben. Der Beobachtungsposten des ‚C‘-Troop unterstützte die A-Kompanie der Devons, die Berichten zufolge umzingelt wurde. Im Fünf-Minuten-Takt wurde DF auf ein Gebiet gelegt, in dem sich der Feind einzugraben schien.

Langsam geht uns die Munition aus, und es werden Pläne gemacht, Lieferungen vom AP (Ammunition Point) anzufordern – unser Bedarf ist aufgrund der Lage der vor uns liegenden Devons größer als der der D- oder M-Battery. Neun weitere Salven wurden um 05.42 Uhr abgefeuert. Die D-Battery berichtete, dass der Feind sich aus ihrem Gebiet zurückgezogen habe und dort einige Tote zurückließ. Wir setzten das Feuer mit weiteren neun Salven fort – die Situation in unserem Sektor ist sehr verwirrend. Der Feind greift in Kompaniestärke mit SS- und Marinetruppen an.“

Angriff I. Zug

Unterdessen war der I. Zug, der Vahrendorf nördlich umgehen sollte, im Waldgebiet des Kiekebergs auf die „A“-Kompanie des Devonshire Regiments gestoßen und in ein schweres Gefecht zwischen den Bäumen verwickelt worden. Aus diesem Abschnitt gibt es keine Augenzeugenberichte; aufgrund der später gefundenen Gefallenen konnte jedoch rekonstruiert werden, dass der I. Zug nördlich von Vahrendorf bis in den Bereich um den Kiekeberg vorgestoßen war. Dort blieb der Angriff jedoch stecken und konnte nicht weiter fortgesetzt werden. Eine Verbindung zum II. Zug kam nicht zustande.

Der Kiekeberg mit dem Bismarck-Turm und einem Ausflugslokal, das Kampfgebiet des I. Zuges.

Wie viele Deutsche hier genau getötet wurden, ist nicht bekannt; es waren jedoch mindestens drei. Einer von ihnen war der gerade siebzehn Jahre alt gewordene Peter Petersen aus Pellworm. In seinem letzten Brief aus Marklohe bei Nienburg schrieb er:

„Mir geht es gut, wir liegen hier im Dorf wieder in einer Schule, können jede Stunde wegkommen, liegen in höchster Bereitschaft … Na, wie viele Lämmer habt ihr? Brüten die Gänse schon, und wie geht es sonst zu Hause? … Sonst ist die Landschaft genau dieselbe wie zu Hause, ungefähr derselbe Boden, nur ist hier schon alles viel weiter, die Leute sprechen alle Plattdeutsch. Viele Grüße an Mutter …“

Vermutlich gerieten die meisten Soldaten des I. Zuges in britische Gefangenschaft.

An der nördlichen Flanke der deutschen Kampfgruppe lag die 6. Kompanie, die den Auftrag hatte, Verbindung zur angreifenden 7. Kompanie zu halten. Zu diesem Zweck wurde eine Gruppe unter dem Unteroffizier Ernst Schneider eingesetzt. Sie kam aus der Nähe von Ehestorf und lief von Norden auf Vahrendorf zu. Dabei begegneten die Soldaten dem Bauern Gustav Böttcher, dessen Hof am Ortsrand von Ehestorf lag. In Sichtweite des Kiekebergs wechselte Böttcher einige Worte mit ihnen. Später berichtete Schneider, dass seine Gruppe in der Dunkelheit nicht vorankam und wieder umkehrte. Auch ein späterer zweiter Versuch blieb erfolglos.

Tage nach den Kämpfen fanden Zivilisten mehrere Soldaten tot am Rand der Straße K 49 zwischen Ehestorf und Vahrendorf. Es könnte sich um Angehörige des I. Zuges der 7. Kompanie oder um Soldaten der Gruppe Schneider gehandelt haben.

Aus dem Kriegstagebuch der J-Batterie des 5th Field Regiment, Royal Horse Artillery:

„Es gibt immer noch keine Nachricht von Captain Aspinall und seiner Mannschaft – 22 Feinde (der I. Zug der deutschen Angreifer) werden gemeldet, die sich noch an seinem Standort aufhalten. Um 07.25 Uhr haben wir einen geplanten Beschuss zur Unterstützung des Gegenangriffs abgefeuert, den wir zur Wiederherstellung der Lage und zur Entlastung der A-Kompanie durchführen. Der Feind zieht sich unter unserem Feuer zurück und hinterlässt Gefangene und Tote. Eigene Truppen berichten, dass ein ‚34er-Panzer‘ (Bezeichnung für einen mittleren Panzer wie den T-34) von einem Panzergeschütz gestoppt wurde, zwei Männer ausstiegen und sich aus dem Staub machten.

Die Lage ist inzwischen wiederhergestellt, es wurden eine Reihe von Kriegsgefangenen gemacht und keine weiteren feindlichen Aktivitäten gemeldet. L/Bdr. Childs kehrte zurück, um zu berichten, dass sein Beobachtungspanzer durch Pak-Feuer außer Gefecht gesetzt wurde und dass er eine Begegnung mit drei Feinden hatte, bevor er unsere Linien erreichte. Sofort wurde mit der Suche nach Captain Aspinall und seiner Mannschaft begonnen, aber bedauerlicherweise wurden er und Gunner Jefferson tot aufgefunden. Der Panzer von Captain Aspinall war von einer Panzerfaust beschossen worden.

Um 15.15 Uhr erwiesen die Soldaten der Batterie ihren beiden tapferen Kameraden die letzte Ehre – sie wurden nach einem einfachen, aber würdevollen Gottesdienst auf dem Friedhof in Nenndorf beigesetzt.“

Angriff III. Zug

Südlich von Vahrendorf war der III. Zug im Waldstück „Im Stuck“ entlanggeschlichen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr gingen die Panzergrenadiere dann über den lehmigen Acker vor. Unterscharführer Lindner war seiner Gruppe stets um einige Meter voraus. Plötzlich eröffnete eine britische Bren-Gun das Feuer auf den III. Zug, sodass sich die Soldaten nur noch kriechend vorwärtsbewegen konnten.

Am Dorfrand von Vahrendorf erhielt zeitgleich eines der deutschen Sturmgeschütze einen Volltreffer und blieb im Vorgarten eines Hauses liegen. Die Besatzung konnte das Fahrzeug nicht mehr verlassen und verbrannte. Die Fallschirmjäger, die auf dem Panzer mitgefahren waren, waren zuvor abgesprungen und hatten bereits den Rückzug angetreten. Vor dem zweiten Sturmgeschütz lief jemand hin und her und gab dem offenbar nichts sehenden Fahrer die nötigen Fahranweisungen. Die Panzerbesatzung hielt die Gruppe des III. Zuges für britische Soldaten und nahm sie unter Feuer. Zum Glück für die Männer konnte man sich durch Zurufe verständigen, sodass es durch dieses Missverständnis zu keinen Verlusten kam.

Deutsche Fallschirmjäger mit Sturmgeschütz

Im Laufschritt gingen die deutschen Grenadiere um das Dorf herum zur Straße nach Sottorf. Dann schlichen sie um den Feuerlöschteich herum und beobachteten von dort das erste Haus. Es war jedoch kein Feind zu sehen. Die britische Funkstelle im ersten Stock übersahen die Angreifer in der Aufregung. Von dort aus wurde vermutlich das britische Abwehrfeuer während der Dorfbesetzung geleitet.

Zu beiden Seiten der Hauptstraße gingen die Gruppen des III. Zuges vor. Unterscharführer Lindner erkannte in der Dunkelheit Männer mit englischen Stahlhelmen und ließ sie unter Feuer nehmen. Drei britische Soldaten blieben nach dem Feuerwechsel tot liegen, der Rest konnte in der Dunkelheit entkommen. Der III. Zug hatte bis dahin keine Verluste. Durch die Baumwipfel fielen glühende Granatsplitter zu Boden – anscheinend feuerten die Geschütze der deutschen Marine immer noch zu kurz. Aus einem Haus wurde erbeutete Verpflegung – gebratene Enten und Zigaretten – herbeigeschafft. Anschließend ging der Zug daran, den Ort zu sichern.

Als der Angriff der deutschen Kampfgruppe aus Vahrendorf bemerkt worden war, entstand bei den Briten in Sottorf große Aufregung. Sofort bezogen die Soldaten ihre Verteidigungsstellungen. In dem von britischen Soldaten belegten Gasthaus Cordes wurden die Fenster verbarrikadiert, und die Männer gingen in Gefechtsbereitschaft.

Das Gasthaus Cordes heute.

Kurz darauf wurde der III. Zug von hinten unter MG-Feuer genommen. Während alle in Deckung gingen, schlichen sich Lindner und der Melder Gerhard an das MG-Nest heran. Sie feuerten eine Panzerfaust ab. Die drei Mann der Bedienung wurden dabei getötet. Danach kroch Lindner zur MG-Stellung, schwenkte die verbogene Lafette und es gelang ihm, noch ein paar Schuss in Richtung des Gegners abzugeben, bevor das MG eine Ladehemmung bekam.

Es kam zu einer kurzen Ruhepause im Gefecht. Rechts von der Gruppe Borowski ging die Gruppe Schneider in Stellung. Beide Gruppen hatten bisher keine Verluste erlitten. An der britischen Panzersperre am Dorfrand hatte sich ein deutsches Sturmgeschütz in Position gebracht, doch es hatte bislang noch nicht in die Kämpfe eingegriffen. Zu den anderen Zügen bestand keine Verbindung. Einzelne Soldaten gruben sich entlang eines Feldweges ein, der die Ortsgrenze von Vahrendorf in Richtung Sottorf markierte. Hier fanden später zahlreiche Soldaten in ihren Schützenlöchern den Tod. Anderen gelang es, bis auf wenige hundert Meter an Sottorf heranzukommen.

Britische Panzer

Die Gefechtstätigkeit zog sich über mehrere Stunden hin. In der Zwischenzeit hatte der britische Oberst Brind eine Schwadron Panzer angefordert. Es handelte sich um die C-Schwadron des 5. Royal Tank Regiment. Es war im Dorf und in den Wäldern im Westen, wo die A-Kompanie unter ähnlichem Druck kämpfte, noch kaum heller geworden, als beide Kompanien das Geräusch von Panzerketten hörten und MG-Feuer Verstärkung ankündigte. Gegen 10 Uhr erreichten die C-Kompanie und zwei Panzertrupps die Stellungen der A-Kompanie.

Am späten Morgen hörte der III. Zug der deutschen Angreifer aus Richtung Sottorf Panzergeräusche. Von der Gruppe Schneider erhielt die Gruppe Borowski einige Panzerfäuste. Als sich die Kettengeräusche näherten, beschossen die Briten die Stellung des III. Zuges zusätzlich mit Granatwerfern. Langsam graute der Morgen. Die deutschen Soldaten konnten nun zwei Panzer erkennen, die direkt auf sie zufuhren. Sie zogen die Köpfe ein und warteten auf den Angriff.

Unterscharführer Borowski setzte dem ersten Panzer das Geschoss einer Panzerfaust genau unter den Turm. Sofort drehte der Panzer und zeigte seine Breitseite. Zwei weitere Panzerfäuste wurden abgefeuert. Zwei Explosionen folgten kurz hintereinander, und der Panzer rührte sich nicht mehr. Der zweite Panzer deckte das beschädigte Fahrzeug, damit die Besatzung aussteigen konnte – doch diese war bereits tot. Der zweite Panzer schoss nun aus allen Rohren ins Dorf hinein und setzte auch das deutsche Sturmgeschütz durch einen Volltreffer außer Gefecht.

Plötzlich sprang der kleine Otto Retzlaff auf und lief mit einer Panzerfaust näher an den Panzer heran. Dieser schwenkte sofort den Turm, und ein MG-Feuerstoß tötete den jungen Grenadier. Dann wendete der Sherman und zog sich zurück. Der abgeschossene Panzer brannte nicht. Als es wieder ruhig geworden war, wurde er von den deutschen Soldaten untersucht – die Besatzung war tot.

Langsam wurde es hell, und die Gruppen Borowski und Lindner des III. Zuges warteten auf ihre Ablösung. Der Melder, den sie zum Kompaniegefechtsstand geschickt hatten, war noch nicht zurück. Von der Gruppe Schneider war inzwischen ebenfalls nichts mehr zu sehen; sie hatte sich bereits zurückgezogen. Die Gruppen der Unterscharführer Lindner und Borowski lagen nun allein an der Straße in Stellung. Lindner wollte den Rückzug jedoch noch nicht antreten.

Da hörte man vom Dorf her plötzlich den Lärm eines starken Feuergefechts. Die Engländer unternahmen offenbar einen Gegenangriff und befanden sich bereits im Rücken der Gruppen. Nun blieb keine andere Wahl, als den Rückzug anzutreten. Die verbliebenen 19 Mann schlichen am Dorfrand entlang und versuchten, auf einem Feldweg den rettenden Wald zu erreichen.

Plötzlich wurden sie aus einem Dachfenster heraus von einem englischen MG unter Feuer genommen. Alle neunzehn Mann suchten in einem kleinen Graben Deckung. Sie lagen hintereinander, mit dem Kopf in Richtung Wald. Sie konnten sich nicht bewegen, ohne sofort das MG-Feuer auf sich zu ziehen. Das MG schoss fast pausenlos. Ab und zu schrie jemand vor Schmerz auf. Einer fing an zu beten, ein anderer sprang auf, fiel aber sofort getroffen in den Stacheldrahtzaun. Lindner erhielt einen Bauchschuss. Als Borowski an der Spitze der Gruppe eine bessere Deckung suchen wollte, wurde ihm von einer MG-Garbe das linke Bein zerschossen. Mit Mühe erreichte er noch eine schützende Mulde. Zeitweise war er bewusstlos.

Kurz darauf fuhr ein britischer Infanteriezug mit 16 Universal Carriern und Geschützen am Ortsrand von Vahrendorf entlang, um die Deutschen unter Feuer zu nehmen, die sich daraufhin zurückzogen. Um 13 Uhr hatten die Panzertrupps der C-Schwadron das Gebiet gesichert. Ein weiteres deutsches Sturmgeschütz wurde gesichtet, wie es sich dem Dorf von Norden (anderen Berichten zufolge aus Richtung Osten) den Hügel hinunter näherte, dann aber mit einer PIAT kampfunfähig gemacht wurde.

Borowski beobachtete auch die englischen Schützenpanzer, die sich von Sottorf näherten und deren Besatzung an der Wegeinmündung absprang. Ein hünenhafter Sergeant, den man „John Bull“ nannte, marschierte an der Spitze der britischen Soldaten. In der Hand hielt er einen großkalibrigen Colt. Ab und zu hörte Borowski einen Schuss und vermutete, dass verwundete Kameraden erschossen wurden. Hinter ihm sprang der Grenadier Schadow plötzlich auf und schrie um Hilfe. Er erhielt einen Schuss in den Hoden und brach zusammen.

Bevor Borowski das Bewusstsein verlor, bemerkte er noch, wie man ihm die Uhr abnahm. Erst auf einer Tragbahre erwachte er wieder und sah auf dem englischen Verbandsplatz seinen Kameraden Schadow. Die beiden waren die einzigen Überlebenden der Gruppe.

Kämpfe in Vahrendorf. Rot A: Gasthaus Erhorn / Rot B: Löschteich / Graus 1: I. Zug Grau 2: II. Zug / Grau 3: III. Zug / Grau A: Sturmgeschütze und Fallschirmjäger / Grau B: Marine 2-cm-Geschütze / Grau C: MG 4. Komp. / Grau D: Marine-Panzerjagd-Rgt. 1 / Braun 1: 1. Komp. Devonshire Rgt. / 2: 2. Komp. Devonshire Rgt. / Braun A: C-Schwadron des 5. Royal Tank Regiment / Braun B: 3. Komp. Devonshire Rgt. mit 16 Universal Carriern

Lürade

Vom Angriff auf Lürade an der B 75 gibt es deutlich weniger Berichte. Es könnte sein, dass hier auch Angehörige des Marine-Panzerjagd-Regiments 1 eingesetzt wurden, denn auf dem Friedhof bei Vahrendorf liegen ebenfalls Tote dieser Einheit.

Aus dem Kriegstagebuch des 1/5th Queen’s Royal Regiments lässt sich Folgendes entnehmen:

„Um 3.05 Uhr wurde die B-Kompanie, unsere vorderste Kompanie auf dem rechten Flügel, von ungefähr 50 Feinden, unterstützt von einem Panzer, angegriffen. Sie kamen von Norden her und zwangen unsere Patrouille zum Rückzug. Der Feind stieß dann auf die Verteidigungsstellung der Kompanie und wenig später auch auf die B-Kompanie, die von 3-Zoll-Mörsern und Artillerie unterstützt wurde. Wir konnten den Feind vertreiben und die Stellung der Patrouille zurückerobern. Dem Feind wurden einige Verluste zugefügt, während die B-Kompanie nur einen Toten zu beklagen hatte. Nach Angaben eines verwundeten Deutschen, der gefangen genommen wurde, war es die Absicht des Feindes gewesen, den erhöhten Bereich im Gebiet 467390 einzunehmen. Es soll sich um die 4. Kompanie des 12. SS-Ersatz-Bataillons gehandelt haben. Um 7 Uhr meldete die D-Kompanie einen Toten und zwei verwundete Deutsche in der Nähe der vorgeschobenen Stellungen. Bei diesen Feinden handelte es sich offenbar um Mitglieder einer Patrouille, die in Richtung der D-Kompanie vorstieß, während der Hauptangriff auf die B-Kompanie um 3.05 Uhr begann.“

Rückzug

Mit Beginn der Morgendämmerung war dem Kompaniechef Untersturmführer Früh klar, dass der Angriff fehlgeschlagen war. Mit den Resten des II. Zuges zog er sich daher nach Osten aus dem Ort zurück. Am Panzergraben brachen die meisten der zurückkehrenden Grenadiere vor Erschöpfung zusammen. Marineangehörige und Krankenschwestern leisteten Erste Hilfe und hatten alle Hände voll zu tun.

In der alten Stellung hatte sich inzwischen die 7. Kompanie – oder das, was von ihr noch übrig war – unter Kommandeur Früh versammelt. Es waren keine dreißig Mann, fast alle aus dem II. Zug. Vom I. Zug meldeten sich bei Früh nur einzelne Männer zurück; der Rest war im Waldkampf nahezu aufgerieben worden. Vom III. Zug fehlte jede Spur.

Von der ursprünglich 150 Mann starken 7. Kompanie des SS-Bataillons 12 waren 44 Grenadiere gefallen, und für etwa 70 Mann führte der Weg in die Gefangenschaft. Doch nicht nur die SS-Soldaten und die Fallschirmjäger hatten schwere Verluste erlitten, auch die Marine-Geschützbedienungen verzeichneten Ausfälle. Als sie mit ihren 20-mm-Kanonen den Kampf unterstützen wollten, hatten sie sehr schnell das Feuer der britischen Artillerie aus Alvesen auf sich gezogen. Mindestens fünf von ihnen fielen.

Am Abend suchten Sanitäter in der Dunkelheit noch einmal das Gelände vor dem Panzergraben nach Verwundeten ab. Der Spähtrupp kam jedoch nur bis zum Ortsrand von Vahrendorf, wo britische Soldaten inzwischen wieder in Stellung gegangen waren, sodass der Trupp unverrichteter Dinge zurückkehrte.

Als der Spieß der Kompanie schließlich mit der Verpflegung eintraf, kam er in Begleitung eines Leichenwagens. Einige spotteten bereits über das neue „Trossfahrzeug“, da ging es wie ein Lauffeuer durch die Bunker, dass die Eltern des gefallenen Jarchow da seien. Dieser lag noch immer unter einer Zeltbahn neben einem Unterkunftsbunker. Spieß „Kuhkopf“ hatte die Angehörigen in Hamburg ausfindig gemacht. Nun waren sie hier und wollten ihren toten Sohn heimholen. Vor wenigen Tagen war er erst 17 Jahre alt geworden. Bedrückt sahen die Männer zu, wie ihr toter Kamerad auf eine Bahre gelegt wurde. Der Spieß hatte auch ein Exemplar der Hamburger Zeitung mitgebracht – und darin war ebenfalls über den Angriff zu lesen:

Erfolgreiche Erkundung

Zur Lage im Groß-Hamburger Raum südlich der Elbe am gestrigen Donnerstag teilt die zuständige militärische Kommandobehörde mit: Erfolgreiche eigene Erkundungen im Raum Egestorf – Vahrendorf in den frühen Morgenstunden des 26. April stießen auf starken Infanteristischen Feind. Ein Feindpanzer wurde vernichtet.  Der Feind hatte Verluste. Außerdem wurden 21 Gefangene aus dem Regiment „Devon“ eingebracht, das zu der englischen Infanterie-Brigade (mot.) 131 und somit zur 7. Englischen Panzerdivision gehört.

Am 27. April wurde die Kampfgruppe aus dem Raum abgezogen. Dazu standen Schützenpanzer bereit, die Tage zuvor wegen Treibstoffmangel nicht eingesetzt werden konnten. Für die Soldaten der Kampfgruppe war dies eine Überraschung, denn offenbar musste plötzlich Treibstoff beschafft worden sein.

Das Kriegstagebuch des 2nd Devonshire Infanterie Regiment gibt folgenden Abschlussbericht:

 „Das Bataillon nahm 85 feindliche Soldaten gefangen und töte 80 davon in einem Gefecht, das etwas mehr als acht Stunden dauerte. Die Bataillonsverluste betrugen sieben Tote, sieben Verwundete und zweiundzwanzig Vermisste. Eine Patrouille der A-Kompanie war in den frühen Phasen des Angriffs überrannt worden, ihr Aufenthaltsort ist unbekannt. Sowohl die A- als auch die B-Kompanie hatten ihre Position gehalten und kämpften direkt mit einer sehr entschlossenen, wenn auch etwas gemischten feindlichen Streitmacht in der letzten, offenen Schlacht der „Devons“ im Zweiten Weltkrieg“.

Ende

Zu diesem Zeitpunkt begannen hinter den britischen Linien geheime Verhandlungen zwischen deutschen und britischen Beauftragten über die kampflose Übergabe der Stadt Hamburg.

Einige Tage nach der Übergabe Hamburgs an die britischen Truppen kehrten die Einwohner Vahrendorfs in ihre Häuser zurück. Viele Gebäude waren durch die Kampfhandlungen in Flammen aufgegangen, möglicherweise auch infolge von Plünderungen. Die britischen Besatzungstruppen forderten die Zivilbevölkerung auf, in der Gegend nach Gefallenen zu suchen und diese umgehend zu bestatten. Die 16 Toten, die man fand, setzte man in einem Massengrab bei, das später als Massengrab 1 bezeichnet wurde. Es befand sich nahe dem Gelände des heutigen Soldatenfriedhofs Krähenberg.

Das Massengrab 2 – ein ehemaliger Bombentrichter – befand sich auf dem Grundstück von Peter Witt, unmittelbar am Rand seines Hofes. Hier wurden 23 Tote beigesetzt. Bei der Suche nach den gefallenen deutschen Soldaten ließ sich rekonstruieren, welchen Weg die Angreifer am 25. und 26. April genommen hatten. Mehrere Gefallene lagen im Staatsforst gegenüber von Sottorf und Vahrendorf, einem Wald, der sich als Flucht- und Rückzugsweg angeboten hatte. Zahlreiche Tote wurden in Schützenlöchern am Rand der Straße von Vahrendorf in Richtung Sottorf gefunden, etwa auf halber Strecke zwischen beiden Ortschaften.

Die deutschen SS-Soldaten Friedrich Borowski und Manfred Schadow gerieten als Verwundete in britische Kriegsgefangenschaft und wurden nach kurzer Zeit in deutsche Lazarette eingeliefert. Amtliche Berichte nennen unter anderem das ehemalige Luftwaffenlazarett in Buchholz/Nordheide sowie weitere Einrichtungen. Manche Soldaten wurden nach ihrem ersten Lazarettaufenthalt entlassen, andere verlegt.

Erst Jahrzehnte später klärten sich einzelne Schicksale von Soldaten, die in Vahrendorf verwundet worden und in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Zuvor hatte es Spekulationen über Hinrichtungen gegeben, die sich vor allem auf die Aussagen von Friedrich Borowski stützten. 1976 wurde durch eine Anfrage beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bekannt, dass weitere Gefallene aus dem Raum Vahrendorf auf den Soldatenfriedhöfen in Harburg, Hittfeld und Buchholz beigesetzt sind. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Verwundete, die zum Teil aus dem Kampfgebiet abtransportiert wurden oder außerhalb dieses Raumes gefallen sind.

Vahrendorf danach

Die Räumung der Ortschaft für die einheimische Bevölkerung dauerte bis zum 5. Mai 1945, also bis kurz nach der Kapitulation Hamburgs. Das Groß- und Kleinvieh war im Dorf verblieben, und bei der Rückkehr der Dorfbewohner war der größere Teil der Tiere nicht mehr vorhanden. Wüst und öde sah es in Vahrendorf aus, als die Einheimischen zurückkehrten. Die Telefon- und Hochspannungsleitungen lagen wirr auf den Straßen. Ein zerschossenes deutsches Sturmgeschütz stand beim Spritzenhaus.

Im Verlauf der Kämpfe wurden viele Gebäude zerstört. So brannten das alte Haus des Bauern Ferdinand Wendt, das neu erbaute Haus des Kaufmanns Adolf Witte und der Stall des Bauern Peter Witt nieder. Völlig vernichtet wurden die Schule, das Wohnhaus des Landwirts und Waldarbeiters Gustav Meyer, das Wohnhaus und die Scheune des Landwirts Hermann Meyer, die Wohnhäuser des Landwirts Hermann Främbs und des Landarbeiters Heinrich Köster, des Maurers Hermann Nottorf sowie des Waldarbeiters Heinrich Meyer. Insgesamt betrafen diese Schäden und Zerstörungen 17 Gebäude. Insgesamt gingen 40 Rinder, vier Pferde und der größte Teil des Kleinviehs verloren. Den größten Verlust an Tieren erlitten Ferdinand Wendt und Peter Witt, der nur eine einzige Kuh retten konnte.

Auch in den anderen Dörfern der Umgebung hinterließen die Kampfhandlungen ihre Spuren. Bei der Besetzung Sottorfs wurden das Wohnhaus des Sägereibesitzers und Zimmermeisters Dietrich Oelkers sowie das Wohnhaus und die Scheune des Landwirts Wilhelm Böttcher völlig zerstört. In der kleinen Ortschaft Alvesen wurden die Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Bauern Wilhelm Böttcher, alle Gebäude des Bauern Heinrich Heitmann und das Wohnhaus des Tischlers Alfred Pagel ein Raub der Flammen. In Ehestorf brannten die Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Bauern Gustav Böttcher, des Landwirts Hermann Heitmann, des Gastwirts Heinrich Schuster sowie der Stall des Bauern Ferdinand Heitmann nieder. Darüber hinaus entstand überall erheblicher weiterer Sachschaden.

Der Wald, in dem die deutschen Stellungen lagen.

Kriegsgräberstätte Krähenberg

Von den 48 deutschen Gefallenen, die heute auf der Kriegsgräberstätte Vahrendorf–Krähenberg ruhen, sind 19 SS-Soldaten namentlich bekannt. Siebzehn Tote liegen dort als „Unbekannte“. Die SS-Soldaten gehören fast durchweg den Jahrgängen 1927 und 1928 an und waren somit 17 oder 18 Jahre alt. Der jüngste Grenadier hieß Henry Erdmann und war erst im Dezember 1944 15 Jahre alt geworden. Auf dem Friedhof ruhen ferner die gefallenen Fallschirmjäger der Sturmgeschützbesatzungen sowie fünf Marinesoldaten. Alle sind am 26. April gefallen. Während ein Teil der Toten direkt nach dem Krieg in einem Massengrab beigesetzt wurde, wurden 17 SS-Soldaten zunächst in einem Bombentrichter auf einem Bauernhof verscharrt. Erst 1946 konnten sie auf Initiative eines Kameraden auf den Friedhof Krähenberg umgebettet werden.

Die Pflege des Ehrenfriedhofs lag in den Jahren danach lange in den Händen von Maria und Georg Muskowitz. Ihr Sohn Martin gehörte zu den jungen Menschen, die in diesem aussichtslosen Nachtangriff am Ende des Zweiten Weltkriegs ihr Leben verloren hatten. Er war am 21. April 1928 als einziges Kind seiner Eltern in Zedling bei Kolberg in Pommern geboren worden und am 15. Januar 1945 im Alter von 16 Jahren zum Wehrdienst einberufen worden. Als seine Eltern erfuhren, dass er zu denen gehörte, die auf dem Ehrenfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden hatten, zogen sie aus Liebe zu ihrem toten Sohn nach Vahrendorf. Dort bewohnten sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1968 eine ehemalige Flakbaracke, nur wenige Schritte vom Soldatenfriedhof auf dem Krähenberg entfernt.

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