Stow Maries Great War Aerodrome

Nach einigen Jahren der Abstinenz hat es mich in diesem Sommer wieder einmal nach Good Old England verschlagen. Von den Niederlanden aus ging es per Fähre nach Essex, wo auf mich gleich zu Beginn meiner Reise ein echtes Highlight wartete – der Stow Maries Aerodrome.

Einleitung

Der Stow Maries Aerodrome ist ein militärisches Luftfahrtmuseum in der Nähe des Ortes Maldon. Das Museumsgelände ist ein ganz und gar einzigartiger Ort, denn es handelt sich um den einzigen, noch nahezu vollständig erhaltenen Flugplatz des Ersten Weltkriegs. Von den 250 im Ersten Weltkrieg gebauten britischen Aerodromen existieren nur noch 10, und nur Stow Maries befindet sich noch in einem nahezu perfekten Zustand. Die vielen noch gut erhaltenen RFC-Gebäude (Royal Flying Corps) wurden nach dem Krieg nicht weiter militärisch genutzt, sondern von einem Landwirt als Lagerräume und Unterkunft für Feldarbeiter verwendet. Aus diesem Grund wurde die Anlage nicht weiter verändert und blieb so der Nachwelt erhalten. Der Aerodrom liegt von der Fähre in Harwich aus kommend südwestlich von Colchester, inmitten von Hügeln und Hecken in einer wunderschönen Farmlandschaft.

Stow Maries Aerodrome ist heute nicht nur ein Museumsgelände, sondern auch eine äußerst aktive Einrichtung. Es gibt zahlreiche Veranstaltungen, Flugvorführungen, Reenactment und Workshops.

Stow Maries Aerodrome

Der Flugplatz wurde im Jahr 1916 als Basis für den B Flight der No 37 (HO) Squadron, Royal Flying Corps eröffnet. A Flight wurde in Rochford und C Flight bei Goldhanger stationiert, während das Hauptquartier seinen Sitz in Woodham, Mortimer Grange hatte. Die No 37 Squadron war Teil des „50 Wing“, dessen HQ sich bei „The Vineyards“ in Great Baddow befand.

Aufgrund ihrer fragilen Bauweise war es den ersten Flugzeugen des 1. Weltkrieges nur schwer möglich, bei starkem Seitenwind zu landen und zu starten. Sie benötigten deshalb ein großes, flaches und kreisförmiges Areal, um immer gegen den Wind ausgerichtet starten zu können. So etablierte sich der Name „Aerodrom“. Da die Flugzeuge keine Bremsen besaßen, musste der Untergrund außerdem aus einer Rasenfläche bestehen, wodurch es möglich war, dass sich ein Dorn am Heck der Flugmaschine durch den Boden pflügen konnte und so die Maschine bremste.

Der Aerodrom Stow Maries war Schauplatz der Luftverteidigung von England gegen die Angriffe der deutschen Zeppeline und Bomber auf London und Südost-England. Stow Maries spielte 1917 eine Schlüsselrolle im ersten „Battle of Britain“ (auch First London Blitz genannt). Hier in Stow Maries fand für die 37. Staffel am 1. April 1918 auch der Übergang vom RFC zur Royal Air Force statt.

Museum

Seit 2008 wird das Gelände und vor allem die vielen Gebäude liebevoll restauriert und neu ausgestattet. Die Gebäude, die benötigt wurden, um einen Flugplatz zu betreiben, wurden in technische Gebäude, wie Hangars und Werkstätten und in Regiments-Gebäude, wie die Messe, Unterkünfte und Büro unterteilt. Restauriert wurden bisher der „Pilot Ready Room“, die „Airmen’s Mess“, das „Squadron Office“, der „Communication Room“, der „Ambulance Shed“, der „Blacksmith Shed“ sowie der „The Workshop“ und der „Dope Shop“. Die beiden letztgenannten Gebäude beherbergen heute die Museums-Ausstellung und einen kleinen Museums-Shop. Weitere Gebäude, wie das „Headquarter Building“ werden derzeit noch instandgesetzt. Weitere 14 Gebäude, wie die Offiziersmesse und die Unterkünfte warten noch auf ihre Restaurierung.

Die sehr schön aufbereitete Museumsausstellung führt den Besucher durch die Geschichte des Luftkriegs im Ersten Weltkrieg. Gezeigt werden Originale und lebensgroße Dioramen, welche das Leben und die Arbeit rund um Stow Maries darstellen. Die Themen der Ausstellung beinhalten u.a. die Zeppelin- und Bomberangriffe der Deutschen auf England, die Rolle der Frauen an der Homefront, die Funktion und Instandhaltung der Flugzeuge, die Arbeitsweise eines Aerodroms und die Personen, die hier im Ersten Weltkrieg ihren Dienst verrichteten.

Zeppeline und Bomber waren die Gegner der britischen Piloten. Sie warfen Bomben ab, die am 13. Juni 1917 auch eine Schule trafen und dort 18 Kinder töteten. Ein Ereignis, das ganz England schockierte.

In der Waffenkammer sieht man u.a. Webley MkVI Revolver und Lee Enfield .303 Gewehre an der Wand hängen. Die Munition wurde separat in einem halb-unterirdischem Bunker gelagert.

Eine interaktive Karte zeigt die deutschen Luftangriffe.

Cockpit eines deutschen Gotha-Bombers.

Verschiedene Maschinengewehre, wie sie in den Flugzeugen verwendet wurden.

Frauen wurden während des 1. Weltkrieges vor allem im Sanitätsdienst und in Munitions-Fabriken eingesetzt.

Diese Szene, in der ein Ingenieur einen Flugzeugmotor begutachtet, ist einer alten Fotografie nachempfunden.

Eine alte Drehbank.

In der Werkstatt wurden nicht nur Flugzeugteile, sondern auch die Fahrzeuge repariert.

Eine lederne Flugjacke wurde über der Uniform getragen, um sich vor Wind und Wetter zu schützen.

Dieses ledernen Flugkappen und Gesichtsmasken sollten im Winter vor Kälte schützen.

Original-Uniform eines Offiziers und zwei Uniformen von Unteroffizieren.

Trümmerteile des zerstörten Zeppelins L48

Modell eines Zeppelins (ganz links im Vergleich ein Flugzeug).

Souvenirs aus dem Metall Duralumin, aus welchem die leichte und stabile Zeppeline bestand.

Segeltuch mit Aufschrift des Zeppelins LZ 76.

Gebäude

In der Anfangszeit des Flugplatzes wurde in Zelten und temporären Holzbauten gewohnt und gearbeitet. Erst nach und nach wurden diese Provisorien durch Ziegelstein-Gebäude ersetzt.

Die ehemaligen Werkstätten (Workshops) beherbergen heute die Ausstellung und den Museums-Shop.

In diesem Gebäude, dem „Dope Shop„, ist heutzutage ein Konferenzraum untergebracht. Der Name „Dope“ leitet sich ab vom Aceton, mit dem der Leinwandstoff der Flugzeuge bestrichen wurde, um diesen stabil zu machen. Im Gebäude gab es eine Lüftung, um die schweren giftigen Gase zu sammeln und abzuleiten.

Neben den Werkstätten lag der „Ambulance Shed„, der auch als Leichenhalle benutzt wurde, weshalb das Gebäude über eine Lüftung im Dach verfügte.

Der „Blacksmith Shed“ wird auch noch heute als Schmiede genutzt. Im 1. Weltkrieg wurden hier Ersatzteile hergestellt und Reparaturen durchgeführt.

Der „Royal Engineers Workshop“ wird heute als Werkstatt des Museums genutzt.

Der „Fuel Store“ befindet sich mehr oder weniger noch im Original-Zustand, es fehlen nur die schweren Panzertüren. Hier wurden Treibstoff, Öl und Kohle gelagert. Das Gebäude hatte aus Sicherheitsgründen kein Dach, so dass bei einer Explosion die Schockwelle nach oben geleitet worden wäre.

Das zentrale Gebäude ist heute wie einst die „Airmens Mess„, wo man sich als Gast des Museums in einem Café und Restaurant versorgen kann.

Der „Pilot’s Ready Room“ wurde ebenfalls komplett restauriert und liebevoll eingerichtet. Hier warteten Piloten auf ihren Einsatz und hier wurden sie vom diensthabenden Offizier instruiert.

Das ikonische Element des Stow Maries Aerodroms ist der hohe „Water Tower“ hinter dem Pilot’s Ready Room. Er diente zur Notversorgung mit Wasser und wurde durch eine Pumpe im Sockel des Turm aufgefüllt.

Im „Squadron Office“ wurden auch die Neuzugänge in Empfang genommen und instruiert.

Der „Communication Room„.

Gegenüber den Workshops stehen die „Motor Transport Sheds„, in denen die zahlreichen Fahrzeuge, wie leichte und schwere Lastwagen sowie Motorräder untergebracht waren. Hier stehen heute auch die Nachbauten, wie der Crossley des Museums.

Die ehemaligen Unterkunftsbaracken (Other Ranks Barrack Blocks) der einfachen Soldaten und der Offiziere befinden sich noch im Dornröschenschlaf und sind nur provisorisch vor Wind und Wetter geschützt.

Der „Senior NCO’s Accommodation Block„.

Hier sieht man eine Nachbildung der Schlafkammer von Captain Albert Baird Fanstone, dem Flight Commander von B Flight (von Januar bis März 1918). Er teilte sich seinen Raum mit Captain Kynoch. Fantsone liebte Tiere und auf seinem Bett liegt die Katze des Aerodroms.

Etwas abseits steht die Unterkunftsbaracke (Womens Accommodation) der Frauen. Bei diesem Gebäude befinden sich die Fenster in einer Höhe von 1,80 Meter, um „Einblicke“ in die Räumlichkeiten zu verhindern. Einige Männer musste zusätzliche Zelte, wie hier zu sehen, bewohnen.

Ursprünglich gab es drei Hangar-Bauten (Hangars) für die Flugzeuge des Aerodroms. Zwei Doppel-Hangars standen gleich neben dem Pilot’s Ready Room. Ein einzelner Hangar vom Typ Bessaneau befand sich hinter den MT-Sheds. Leider wurden die Bauten im 2. Weltkrieg bei einer Bombardierung zerstört. Heute gibt es 2 provisorische Hangars in Leichtbauweise für die Flugzeuge des Museums.

Werkbank im Hangar.

Flugzeuge und Fahrzeuge


Stow Maries wurde 1916 zunächst mit acht B.E.2e ausgestattet. Die Royal Aircraft Factory B.E.2 war das erste Militärflugzeug, das von Großbritannien genutzt wurde. Das Bezeichnungskürzel B.E. stand für Blériot Experimental. Das Flugzeug war für Aufklärungseinsätze gebaut worden und war extrem stabil gefertigt. Durch die Stabilität gab es jedoch erhebliche Probleme beim Manövrieren, was die B.E.2 zu einem leichten Ziel für gegnerische Angreifer machte. Von 1917 an wurde die B.E.2 meist von der Front ferngehalten, jedoch weiterhin zur U-Boot-Sichtung, Luftschiffabwehr und als Ausbildungsflugzeug eingesetzt. Aufgrund ihrer Rolle als Luftschiff-Abfangjäger kam die B.E.2 dann auch zu Ruhm. In der Nacht des 3. August 1916 schoss eine B.E.2, geflogen von Captain William Leefe Robinson, das erste Luftschiff über Großbritannien ab.

Das seitlich angebrachte MG hatte nur einen sehr kleinen Wirkungsbereich. Charakteristisch für die BE2 waren die beiden noch oben gebogenen Abgasrohre.

In den folgenden Kriegs-Monaten wurde der Aerodrom auch mit den Flugzeugtypen B.E.12, Sopwith Pop, Sopwith 1 1/2 Strutter und SE5a ausgestattet. Mit diesen Maschine wurden im 1. Weltkrieg 81 Einsätze geflogen, um Zeppeline sowie Gotha- und Giant-Bomber abzufangen.

Eine Albatros DVa in den Farben des bayerischen Piloten Otto Kissinberth.

Hier wird gerade ein Fokker-Dreidecker gebaut.

Eine Avro 504K.

Eine Sopwith Tabloid 168.

Die Nachbildung eines Cockpits eines britischen Handley Page Bombers.

Neben den Flugzeuge kann man auch einige Fahrzeuge aus der Zeit des 1. Weltkrieges bestaunen.

Dieses Ford T-Modell wurde häufig als Ambulanz-Fahrzeug verwendet. Ehemals wurden 3 Fahrzeuge dieses Typs in Stow Maries eingesetzt.


Ein Crossley wurde in Stow Maries als „Stuff Car“ verwendet.

Crossley 20/25 BK 3298 und Anhänger.

Dieser sehr ungewöhnliche Lastwagen ist eine Elekto-Fahrzeug der deutschen Firma Bergmann.


Personen

Während des Krieges verloren 9 Piloten und 1 Aufklärer hier ihr Leben, wobei 8 von ihnen bei Unfällen und nur 2 durch Feindbeschuss getötet wurden. Am Kriegsende waren rund 300 Männer und Frauen an Personal und 24 Flugzeuge in Stow Maries stationiert.

Einer der Gefallenen war Lieutenant Edward Gerald Mucklow. Er diente ursprünglich als Soldat bei den Royal Fusiliers, wurde 1915 verwundet, desertierte aus dem Hospital und gab sich später, nachdem er nach England zurückgekehrt war, unter dem Namen Cyril Milburn als Kanadier aus. Er lernte ein Flugzeug zu fliegen und kam so nach Stow Maries. Sein Flugzeug verunglückte am 22. April 1918 beim Start. Dort wo seine Maschine abstürzte, gab es einen Lücke im Waldsaum, welcher den Aerodrom umgab. Noch heute ist diese Lücke als „Milburn’s Gap“ bekannt und bis heute wachsen dort keine Bäume.

Kommandeur der 37. Schwadron war der mehrfach ausgezeichnete Claude Alward Ridley. Als Pilot der No. 60 Squadron landete Ridley im besetzten Frankreich, wo er einen Spion absetzte, gefangengenommen wurde, entkam und sich mehrere Wochen auf der Flucht befand, bevor er über die Niederlande nach England zurückkehrte. Für diese Tat wurde er mit dem Distinguished Service Order ausgezeichnet. Aufgrund seiner prominenten Beteiligung an der Beförderung von Spionen wurde beschlossen, Ridley aus den aktiven Einsätzen an der Front zurückzuziehen, um zu verhindern, dass er erneut im besetzten Gebiet landet und als Spion erschossen wird. Stattdessen wurde er zum Leiter des B-Flights der Staffel Nr. 37 auf dem Stow Maries Aerodrome ernannt.


Im Zentrum der Anlage befindet sich die Gedenkstätte für die Gefallenen. Das Motto des RFC lautete „Per Ardua ad Astra“ (Durch Schwierigkeiten zu den Sternen).


Fazit

Wer sich für das Thema Luftkrieg interessiert, ist die Anlage ein absolutes „muss“. Wer in England Urlaub macht, sollte Stow Maries unbedingt einen Besuch abstatten, auch wenn der Aerodrom etwas abseits der Touristenpfade liegt. Man kann den Besuch auch gut mit anderen Museen, wie dem RAF Museum oder dem Imperial War Museum in Duxford verbinden und so einen umfassenden Einblick in den Luftfahrt im 1. Weltkrieg bekommen. Man sollte bei seinem Besuch einen Termin wählen, der auch einen der tollen Events beinhaltet. Informieren kann man sich darüber auf der Website von Stow Maries:

https://www.stowmaries.org.uk/

An dieser Stelle auch noch einmal einen herzlichen Dank an Ian Flint, den Chief Executive von Stow Maries, der uns ein Blick hinter die Kulissen und eine Sonder-Führung durch das Museum ermöglichte.


Wir schafften es mit unserem Besuch sogar in die lokale Presse…

5 Kommentare zu „Stow Maries Great War Aerodrome“

  1. Hallo Frank!

    Wieder einmal einen recht schönen Dank, für den tollen Reisebericht, da ja das Thema Flugzeuge des ersten Weltkriegs zu einen meiner Steckenpferde gehört, muss ich dies auch auf meine Besuchsliste setzen, sollte es mich mal auf die Insel verschlagen!

    Gruss

    Heinz

    Ps: In eine englische Zeitung, schafft es auch nicht jeder! 😉

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