Kaum jemand bemerkt heutzutage noch die kleine Gittertür, welche an der Straße von Colleville-sur-Mer zum Strand liegt. Es ist der noch sichtbare Reste des Widerstandsnestes 63 am Omaha Beach. Im Grunde genommen handelte es sich bei dem WN 63 nur um einen Kommandoposten hinter der eigentlichen befestigten Abwehrlinie. Die Anlage lag mehr oder weniger unmittelbar im Dorf Colleville-sur-Mer, weshalb man an dieser Stelle auch über diesen Ort sprechen muss.

Colleville-sur-Mer
Das kleine Dorf Colleville-sur-Mer, heute ein Ort mit kaum 200 Einwohnern, ist eines der drei Dörfer unmittelbar hinter dem Landungsstrand „Omaha Beach“. Es liegt am östlichen Ende der Bucht, dort, wo die Straße „La Fontaine“ von der Hauptstraße hinunter zum Strand führt. Die Straße folgt dabei einem rund 1 Kilometer langen Tal mit Namen Vallèe Ruisseau des Moulins, an dessen unteren Ende die Wiederstandnester 61 und 62 lagen. WN 63 hatte also eine Kontroll- und Kommunikationsfunktion für diese Verteidigungsanlagen.

Fontaine Saint-Clair
Folgt man vom Bunkereingang des WN 63 der Straße in Richtung Strand, findet man auf der rechten Seite einen kleinen Schrein. Die Quelle von Saint-Clair war für lange Zeit eine Pilgerstätte und Gläubige tranken ihr Wasser, um Augenbeschwerden und Blindheit zu heilen. Einst soll Staint Clair in Rochester in England im Jahr 845 als Adliger mit Namen Wilhelm geboren worden sein. Um einer arrangierten Heirat zu entgehen, floh er über den Ärmelkanal und landete in Cherbourg auf der Halbinsel Cotentin, wo er seinen Namen in Clair änderte und als Eremit lebte. Er musste hier erneut vor einer Frau fliehen, die ihm nachstellte. Er erreichte die Gegend von Colleville-sur-Mer, aber zwei von der Frau ausgesandete Mörder fanden ihn und spalteten seinen Schädel über den Augen. Er schleppte sich noch zu eben dieser Quelle, in welche er die obere Schädelhälfte warf, bevor er schließlich verstarb.

Lavoir du XiXe siècle
In unmittelbarer Nähe des Kommandobunkers befindet sich ein Waschhaus aus dem 19. Jahrhundert, welches hier aufgrund einer nahegelegenen Quelle (s. Fontaine Saint-Clair)gebaut wurde. Die Frauen des Dorfes trafen sich hier noch bis in die 1960er Jahre, um ihre Wäsche zu waschen. Ganz in der Nähe befand sich auch eine herrschaftliche Wassermühle, wo das gedroschene Korn der einheimischen Bauern gemahlen wurde. Die Mühle bestand aus zwei Gebäuden, der eigentlichen Mühle mit Mühlrad und Mühlteich sowie dem Wohnhaus des Müllers mit Scheune und Ställen.


Kirche
Am 6. Juni 1944 wurde die Kirche von Colleville-sur-Mer (Eglise Notre-Dame de l’Assomption de Colleville-sur-Mer) bei der Landung durch einen amerikanischen Zerstörer teilweise zerstört, insbesondere der Glockenturm, da dort sieben deutsche Soldaten stationiert waren, die das Ufer beobachteten und Zieldaten an die Artillerie-Batterien übermittelten. Der Wiederaufbau der Kirche wird von 1946 bis 1951 durchgeführt, wodurch sie wieder ihr Aussehen aus der Vorkriegszeit erhielt.



Rathaus / Schule
Die ehemalige Schule, in der sich heute das Rathaus und das Gemeindehaus (ehemaliges Klassenzimmer) befinden, wurde 1994 nach der Schließung des Klassenzimmers von städtischen Mitarbeitern restauriert.

Chateau de Colleville
Das Schloss von Colleville, welches heute nicht mehr existiert, wurde einst im 18. Jahrhundert erbaut. Es gehörte dem Count Charles Lèonor de Marguerye und seinem Sohn Charles Louis de Marguerye. Die Ursprünge der Familie gehen zurück bis ins 11. Jahrhundert und sie stammt aus der Region von Bayeux. Das Schloss war von einigen Hektar an Landbesitz umgeben. Die Wirtschaftsgebäude bestanden aus Ställen, Scheunen und einer Garage für zwei Fahrzeuge sowie eine Schmiede und ein Hühnerstall. Das Schloss wurde 1953 zerstört. Die Steine wurden zum Wiederaufbau des Hauses des jetzigen Besitzers und zum Füllen der Straße zum amerikanischen Friedhof verwendet. Erhalten blieben Teile der Pferdeställe und die alte Schmiede.



Alte Fotos
Es gibt eine ganze Reihe von Fotos, die kurz nach dem 6. Juni 1944 von den US-Streitkräften aufgenommen wurden und den Ort aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen.






Widerstandsnest 63
Bei diesem Widerstandsnest handelte es sich im Wesentlichen um einen unterirdischem Kommando-Bunker und eine Funkstation für die 3. Kompanie des 726 Grenadier-Regiments.

VF-Kommandostand
Alles, was heute noch vom WN 63 sichtbar ist, ist ein kleiner Eingang an der Straße „La Fontaine“, die vom Dorf zum Strand führt. Dies ist der Zugang zu einem VF-Kommandostand, einem kleinen Bunker mit drei hintereinanderliegenden Räumen und einem Notausstieg am hinteren Ende. Der hintere Raum hatte einen Rauchabzug für einen kleinen Ofen. Der Notausstieg führte auf das Plateau und in einen dort angelegten Schützengraben. Der Bunker diente als Bataillons-Gefechtsstand des Grenadier-Regiments 915 der 352. Infanterie-Division sowie als Gefechtsstand und Fernmeldezentrale der 3. Kompanie des Grenadier-Regiments 726.



PAK
Auf halber Strecke zwischen Dorf und Strand hatten die Deutschen eine PAK in Stellung gebracht. Etwas oberhalb davon lag das WN 63, 1.250 Meter vom Strand entfernt.
Kabelbrunnen
Auf dem Gelände der Chemineau-Farm, hinter bzw. neben der damaligen Schule gelegen, gab es einen Kabelbrunnen, von dem Telefonleitungen zu den Stützpunkten des Sektors führten.
Straßensperre
Die Hauptstraße des Ortes war durch eine Straßensperre in Form von 2 Beton-Tetraeder blockiert, welche an Betonblöcken befestigt waren.
Kirchturm
Der Turm der Kirche von Colleville-sur-Mer war am 6. Juni 1944 mit einem Lichtsprechgerät 80 ausgestattet, womit man Kontakt mit WN 62 aufnehmen konnte. Als Lichttonübertragung bezeichnet man die Übertragung von analogen Niederfrequenzsignalen mittels Lichtes. Hierzu wird eine Lichtquelle mit dem zu übertragenden Signal angesteuert, um so einen modulierten Lichtstrom zu erhalten, welcher dann von einem lichtempfindlichen Element aufgefangen wird. Das Gerät besteht aus der Optikeinheit und dem Verstärker (Sender/Empfänger) die mittels Mehrfachstecker verbunden sind. Die Reichweite liegt je nach Filter bei 2 – 4 Kilometern. Vorteil dieser Technik ist, dass sie abhörsicher ist und Kabelverbindungen nicht durch Bomben oder Sabotage unterbrochen werden können.


Bestatzung
Die 3. Kompanie des 726 Grenadier-Regiments war für die WN 59 bis 64 eingeteilt und der Kommandeur der Einheit, Leutnant Edmund Bauch hatte in Collville-sur-Mer sein Hauptquartier. Am 6. Juni 1944 hielt sich dort auch Major Lohmann auf. Leutnant Bauch wohnte in einer großen Farm hinter der damaligen Schule (heute das Bürgermeisteramt) von Collville-sur-Mer, also nur weiniger dutzend Meter vom Kommando-Bunker entfernt. Im Kommandobunker arbeiteten am 6. Juni 1944 Bernhard Lehmkuhl als Funker und der Soldat Theo Brinkbäumer. Die Küche des Widerstandsnestes befand sich ebenfalls in der Schule des Dorfes, wo das Essen für die deutschen Soldaten von Mädchen aus dem Dorf zubereitet wurde. Auch das Waffenlager der Kompanie lag ganz in der Nähe von Leutnants Bauchs Unterkunft.
Die 3. Kompanie der Gren.-Reg. 726 gehörte zur 716. Infanterie Division. Das Regiment war an in dieser Region wie folgt verteilt:
Grenadier-Regiment 726
Kommandeur: Oberst Walter Korfes / Gefechtsstand: Château de Sully
I./726 – Kommandeur: Major Lohmann / Gefechtsstand: Maisons (Château/WN54)
- 1. Kompanie: Port-en-Bessin
- 2. Kompanie: Ste-Honorine-des-Pertes
- 3. Kompanie: Colleville-sur-Mer ; Leutnant Edmund Bauch
II./726 – Kommandeur: Major Lehmann / Gefechtsstand: Ste-Croix-sur-Mer
- 5. Kompanie: N. de Colombiers
- 6. Kompanie: Bazenville ; Hauptmann Adolf Kukenhoner
- 7. Kompanie: S.O. de Banville; Hauptmann Helmut Holtapelst
- 8. Kompanie: S.O. Ste-Croix-sur-Mer
III./726 – K Kommandeur: ??? / Gefechtsstand: Château de Jucoville
- 9. Kompanie: Englesqueville
- 10. Kompanie: St-Laurent-sur-Mer
- 11. Kompanie : Vierville-sur-Mer
- 12. Kompanie: Grandcamp
IV./726 – Kommandeur: Hauptmann Hans Becker
Ost Bataillon 439 (Ukraine) / Gefechtsstand: Les Veys
Ereignisse
Am 6. Juni 1944 um 11.40 Uhr meldeten verschiedene deutsche Einheiten, dass Colleville im Südwesten vom Feind besetzt war. Die 6. Kompanie des I./915 Gren-Rgt., die als Eingreifreserve eingeteilt worden war, bezog ihren Verfügungsraum im östlichen Teil von Colleville und an der Nationalstraße und rückte von hier aus in Richtung Strand vor. Um 12.23 Uhr meldete das 16. US-Regiment, dass das 2. Bataillon zeitweise in Bereiche von Colleville-sur-Mer vordringen konnte. Kaum 10 Minuten später meldeten wiederum die deutschen Verteidiger, dass Colleville dem Feind entrissen wurde. Um 14 Uhr waren Teile von Colleville erneut von den US-Truppen besetzt. Unterdessen flohen die ersten deutschen Verteidiger von WN 62 aus ihren Stellungen und zogen sich entweder in das Dorf oder den Bunker von WN 63 zurück. Um ca. 14.30 Uhr drangen nun US-Soldaten bei Cabourg, also östlich von Colleville, durch das enge Tal von La Rèvolution vor, um gegen das WN 60 vorzugehen. Um 15.30 Uhr erhielten die letzten neun Verteidiger von WN 62 den Befehl sich zurückzuziehen, drei von ihnen konnten den Bunker von WN 63 erreichen, die anderen sechs wurden erschossen. Auch in Colleville selbst wurde jetzt immer heftiger gekämpft, als US-Soldaten von Westen und Süden in den Ort eindrangen.

Ungefähr um 15.30 Uhr wurden die deutschen Soldaten in Colleville-sur-Mer vom Kirchturm aus beschossen. Daraufhin erhielten einige Soldaten von Leutnant Bauch den Befehl, die Schützen in der Kirche auszuschalten, doch sie konnten sich aufgrund des Beschusses, der Kirche nicht nähern. Nun begab sich Leutnant Bauch selbst zu Kirche. Als er dort am schmiedeeisernen Tor auf den Obergefreiten Bernhard Lehmkuhl traf, fiel ein Schuss und Bauch sank, von einem Kopfschuss getötet zu Boden. Jetzt wurden 3 Soldaten von Leutnant Erwin Hentschel mit einer Raketenpanzerbüchse (Panzerschreck) zur Kirche geschickt. Die Männer näherten sich der Kirche im Schutz der Kirchhofmauer. Nach zwei Schüssen auf den Kirchturm brach dieser auseinander. In den Trümmern des Turms fanden die deutschen Soldaten 2 tote französische Widerstandskämpfer, die innerhalb von 2 Stunden 16 deutsche Soldaten getötet hatten. Ein dritter Widerstandskämpfer wurde gefangengenommen und in den Bunker von WN 63 gebracht.

Um 17.10 Uhr meldete das II./915 Gren-Rgt. das der Feind das Bataillon im Rücken angreift und über das Chateau de Colleville vorstößt. Wenig später war das Bataillon bereits eingekreist. Am Abend gegen 21.45 Uhr machte der Bunker von WN 63 den Amerikaner immer noch Ärger, da sich hierher viele deutsche Soldaten zurückgezogen hatten. Erst um Mitternacht wurde auch das WN 63 aufgegeben. Major Ernst-August Lohmann verließ als letzter Offizier den Bunker mit 21 Soldaten und 3 gefangen US-Soldaten. Einer der letzten Männer, die den Kommandostand verlassen, ist Hein Severloh.
Hallo Frank!
Wieder einmal einen schönen Dank, für den ausführlichen Bericht zu WN 63, bin schon des öfteren dort vorbei gefahren und weiss ein wenig darüber, aber man lernt nie aus, wie mir scheint!
Gruss
Heinz
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Hallo Heinz, danke und ja, auch ich lerne nie aus. 😉
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