Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Leben in der Stadt

Um das Jahr 1800 lebten in Deutschland etwa 25 Millionen Menschen, doch nur ein Viertel von ihnen fand sich in Städten oder größeren Ortschaften wieder. Diese Städte waren das pulsierende Herz des überregionalen Handels und Handwerks. Hier siedelten sich nicht nur Handwerker und Kaufleute an, sondern auch die Regierung und Verwaltung hatten hier ihren Sitz. Rund 1,2 Millionen Handwerker und etwa 50.000 Kaufleute und Händler prägten das Stadtbild. Doch die glanzvollen Fassaden der Städte konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Großteil der Stadtbevölkerung zur Unterschicht gehörte. Handwerksgesellen, Dienstboten, Tagelöhner und Soldaten kämpften täglich ums Überleben, während am untersten Ende der sozialen Leiter Bettler, Zahnbrecher, Prostituierte, Schausteller und Heimatlose zu finden waren – Menschen, die oft am Rande der Gesellschaft lebten. Ein Beispiel für das Leben und Arbeiten in den deutschen Städten, während der Napoleonischen Kriege ist Hamburg. Die Stadt, ein Knotenpunkt des Handels und ein Spiegel der sozialen Ungleichheit, zeigt, wie unterschiedlich die Schicksale der Menschen in dieser Zeit waren.

Bevölkerung

Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte sich Hamburg zur größten und bedeutendsten Stadt im norddeutschen Raum entwickelt. Um 1800 erreichte die Einwohnerzahl der Stadt mit rund 130.000 Menschen einen vorläufigen Höhepunkt – heute leben im historischen Stadtkern gerade einmal etwa 15.000 Bewohner. Doch dieser einstige Glanz und Wachstum steht im starken Kontrast zu den dramatischen Veränderungen, die bald folgen sollten. Im Vergleich zu anderen Städten jener Zeit stand Hamburg gut da: Während das nahegelegene Altona nur etwa 23.000 Einwohner zählte, wuchsen Städte wie Amsterdam auf 217.000, Berlin auf 172.000, Kopenhagen auf 101.000, Paris auf beeindruckende 581.000, Moskau auf 250.000 und Wien auf 247.000 Menschen heran. Nur London konnte bereits die Marke von einer Million Einwohnern überschreiten und war eine wahre Metropole. Doch Hamburg sollte schon bald einen dramatischen Bevölkerungseinbruch erleben. Durch die Folgen der Kontinentalsperre und die wirtschaftlichen Verwerfungen der napoleonischen Kriege schrumpfte die Einwohnerzahl bis 1811 auf 106.983. Als die Kämpfe schließlich 1814 endeten und die französische Besatzung vorbei war, waren gerade noch 55.000 Menschen in der Stadt übrig. Hamburg, einst eine blühende Hafenstadt, sah sich in dieser Zeit mit einem massiven demografischen und wirtschaftlichen Niedergang konfrontiert.

Bürger und Rat

Im 18. Jahrhundert begann in Deutschland ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel: Das Bürgertum erhob sich und begann, langsam, aber sicher, die Macht des Adels zu übernehmen. In Hamburg war dieser Aufstieg besonders deutlich zu spüren. Schon seit den Tagen der Hanse prägten Kaufleute, Reeder und Bankiers die Stadt und bildeten die Spitze dieser neuen Gesellschaftsschicht. Doch nicht jeder konnte sich so leicht einen Platz in den Reihen der Hanseaten sichern. Wer nicht zum Kaufmannsstand gehörte, musste mindestens ein angesehener Rechtsgelehrter oder Hauptpastor sein, um das angesehene Prädikat „Hanseat“ zu erhalten. Diese bürgerliche Oberschicht der Hanseaten füllte in Hamburg jene soziale und politische Rolle aus, die andernorts dem Adel vorbehalten war. Doch der Zugang zu dieser Elite war streng geregelt: Nur wer „mit eigenem Feuer und Herd“ in der Stadt lebte und über beträchtlichen Grundbesitz verfügte – innerhalb der Stadtmauern mindestens 1.000 Reichstaler, im Umland 2.000 – konnte der Bürgerschaft angehören. Für das Kleinbürgertum, Krämer und Handwerker blieb diese politische Macht unerreichbar. Um 1800 hatten in Hamburg daher nur etwa 2.000 bis 3.000 Menschen das Recht, politisch mitzubestimmen.

Das 18. Jahrhundert war auch das Zeitalter der Aufklärung, eine Epoche, die auf Vernunft, Kritik und Diskurs setzte und in fast alle Lebensbereiche hineinwirkte. In Hamburg entstanden neue Formen der Geselligkeit und Freizeitkultur: Gelehrte und literarische Gesellschaften, Freimaurerlogen, Lesekreise und Fachvereine. Kaffeehäuser, wie der Pavillon am Jungfernstieg, wurden zu Zentren dieser neuen bürgerlichen Öffentlichkeit. Auch die Presse spielte eine entscheidende Rolle. Hamburg und Altona brachten schon seit dem 17. Jahrhundert bedeutende, überregional verbreitete Zeitungen hervor. Der „Hamburgische Correspondent“, der ab 1724 von Hermann Heinrich Holle herausgegeben und später von seiner Familie weitergeführt wurde, entwickelte sich zur meistgelesenen Zeitung Europas. Selbst die Ereignisse der Französischen Revolution fanden in Hamburg großen Anklang. Eines der spektakulärsten Ereignisse war das Freiheitsfest des Kaufmanns Georg Heinrich Sieveking am 14. Juli 1790 in Harvestehude, an den Persönlichkeiten wie der Dichter Klopstock und der Aufklärer Adolph Freiherr von Knigge teilnahmen.

Doch während der Napoleonischen Kriege geriet Hamburgs Politik der Eigenständigkeit und Neutralität zunehmend unter Druck. Zwischen 1811 und 1814 gehörte die Stadt zum französischen Kaiserreich, und statt des traditionellen Rates übernahm ein „Maire“ das Ruder. Diese Rolle übernahmen unter anderem Amandus Augustus Abendroth und Friedrich August Rüder. In dieser turbulenten Zeit erlebte die städtische Selbstverwaltung tiefgreifende Veränderungen. Hamburgs Verwaltung war im 18. Jahrhundert eine komplexe Maschinerie: Etwa 650 Ämter mussten besetzt werden, darunter 200 Ehrenämter in der Armenfürsorge. Doch in Wahrheit lag die Verantwortung für die Verwaltung der Stadt nur in den Händen von etwa 300 bis 350 einflussreichen Bürgern, unterstützt von einem Dutzend Juristen und rund 50 Schreibern und Prokuristen. Die Verwaltung der aufstrebenden Hansestadt blieb somit fest in der Hand einer kleinen, aber mächtigen bürgerlichen Elite.

Bürgerhäuser

Hamburg um das Jahr 1800 war geprägt von seinen charmanten Fachwerkhäusern, die das Stadtbild dominierten. Nur wenige Gebäude, wie die eindrucksvollen Kirchen, waren komplett aus Stein erbaut. In der Stadt gab es rund 2.000 Stadthäuser, deren Qualität stark variierte: Während einfache, schmucklose Mietshäuser das Bild der ärmeren Viertel prägten, nutzten die wohlhabenden Kaufleute der Stadt prächtige Bürgerhäuser als kombinierte Wohn- und Arbeitsstätten. Diese Bürgerhäuser waren nicht nur ein Ort zum Leben, sondern auch das Zentrum ihrer Handelsgeschäfte. Hier befanden sich neben den Wohnräumen auch das Kontor, also Schreibstuben, Warenlager und Arbeitsräume.

Der typische Hamburger Haustyp, das sogenannte Bürgerhaus, entwickelte sich bereits im Spätmittelalter und blieb bis ins 18. Jahrhundert hinein prägend. Diese Häuser waren oft beeindruckend tief, bis zu 50 Meter lang, und besaßen im Zentrum eine hohe, zweigeschossige Diele. Diese Diele diente nicht nur als repräsentativer Empfangsraum für Feste und Empfänge, sondern war auch ein Ort geschäftiger Handelsaktivität: Mit einer Seilwinde konnten Waren von den Speichern im Obergeschoss direkt auf Karren oder in die darunterliegenden Wasserkanäle, die Fleete, gehoben werden. Diese Kanäle, die das gesamte Stadtgebiet durchzogen, ermöglichten es den Kaufleuten, Waren effizient per Kahn zu transportieren.

Die Häuser standen dicht an dicht, Mauer an Mauer, was der Stadt ein kompaktes, geschäftiges Flair verlieh. Nur schmale Gassen und Durchgänge boten gelegentlich Zugang zu den Fleeten auf der Rückseite der Häuser. Im Vorderhaus, also zur Straße hin, befanden sich die Wohnräume, und die Fassade war oft ein wahres Aushängeschild für den Wohlstand des Eigentümers. Reiche Kaufleute investierten in aufwendige Backsteinfassaden, verputzte Ornamente und beeindruckende Vortreppen. Auch auf der Wasserseite des Hauses gab es oft Balkone und Lauben, von denen aus man direkt auf die geschäftigen Wasserstraßen blicken konnte. Hamburgs Häuser waren so nicht nur Wohnorte, sondern Ausdruck des pulsierenden Handels und der gesellschaftlichen Stellung ihrer Bewohner.

Hafen und Arbeiter

Im 18. Jahrhundert erlebte der Hamburger Handel einen tiefgreifenden Wandel, der die Stadt nachhaltig prägte. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wurde der Großteil der über See gehandelten Güter von den mächtigen Kolonialnationen Frankreich und Großbritannien kontrolliert. Hamburg war zwar bereits ein wichtiger Umschlagplatz, doch im internationalen Welthandel spielte der Hafen damals noch eine untergeordnete Rolle. Dies änderte sich jedoch dramatisch, als die Hansestadt ab 1769 begann, selbstständig Handel mit Übersee zu betreiben. Auslöser war die Amerikanische Revolution und die Unabhängigkeit der USA, die die Handelslandschaft auf den Kopf stellte. Hamburgs Kaufleute erkannten schnell das Potenzial: Ohne die Vormachtstellung der Kolonialmächte konnten nun Waren aus der Neuen Welt direkt importiert und deutsche Produkte wesentlich günstiger exportiert werden. Dies führte zu einem regelrechten Boom im Hamburger Hafen. Während die Stadt im Jahr 1787 noch 159 eigene Seeschiffe zählte, legten 1795 bereits 2.107 größere Schiffe im Hafen an, darunter viele aus Dänemark, England und den jungen Vereinigten Staaten. Die zunehmenden Handelsbeziehungen mit Amerika spiegelten sich auch darin wider, dass 1794 das erste europäische US-Konsulat in Bremen eröffnet wurde – ein Zeichen für die wachsende Bedeutung der norddeutschen Häfen, insbesondere Hamburgs.

Doch nicht nur die Atlantiküberquerungen befeuerten den Aufstieg der Stadt. Die politischen Umwälzungen in Frankreich und den Niederlanden sorgten dafür, dass sich große Teile des französischen und niederländischen Handels nach Hamburg und Bremen verlagerten. Zahlreiche französische Flüchtlinge, darunter reiche Kaufleute und Intellektuelle, ließen sich in Hamburg nieder, was der Stadt einen weiteren wirtschaftlichen Schub gab. Die Elbe und Weser traten als neue Hauptschlagadern des Binnenlandhandels an die Stelle des unruhigen Rheins. Kolonialwaren wie Kaffee, Zucker und Tabak flossen flussaufwärts ins Hinterland, während Getreide, Holz und Textilien in die blühenden Hafenstädte zurückkehrten. Diese Wohlstandswelle brachte auch einen Wandel im Lebensstil der Hamburger Oberschicht mit sich. Der einst prunkvolle und aufwendige Kleidungsstil wich dem schlichteren Frack, der bald als Symbol des neuen, modernen Bürgertums galt. Vornehme Klubs mit Lesezimmern, Kasinos und Tanzsälen entstanden, die sich am britischen Vorbild orientierten. Handelshäuser und Banken schossen wie Pilze aus dem Boden, angetrieben von der Hoffnung, vom florierenden Handel zu profitieren.

Trotz dieses rasanten Aufschwungs zeichnete sich bald eine Wende ab. Die politischen Entwicklungen in Europa, allen voran die Napoleonischen Kriege, setzten der überhitzten Konjunktur ein Ende und brachten Unruhe in den Handel. Doch der Hamburger Hafen blieb – damals wie heute – das Rückgrat der Stadt. Bereits im 17. Jahrhundert wurde der alte Binnenhafen ausgebaut, und um den immer größer werdenden Schiffsverkehr zu bewältigen, wurden ab 1767 in der Elbe sogenannte Duckdalben errichtet. An diesen Pfählen konnten die großen Segelschiffe festmachen, während der Warenumschlag direkt zu Wasser stattfand. Mit Schuten und kleinen Schiffen wurden die Güter in die Stadt gebracht, wo sie über die zahlreichen Wasserstraßen zu den Speichern und Märkten verteilt wurden. Hamburgs Hafen wuchs beständig weiter, und trotz aller Herausforderungen war er stets der Schlüssel zum Wohlstand der Stadt.

Gängeviertel

Durch den florierenden Hamburger Hafen zog die Stadt im 16. Jahrhundert viele ausländische Arbeiter auf der Suche nach Beschäftigung an. In den Hinterhöfen und Gärten der Stadthäuser entstanden dicht gedrängte Budenreihen, die als typische Gebäudeform der sogenannten Gängeviertel bekannt wurden. Diese Buden, einfache Fachwerkhäuschen mit ein bis zwei kleinen Räumen und einem Dachboden, boten der ärmsten Bevölkerungsschicht eine spärliche Unterkunft. Da sie nicht direkt an den Straßen lagen, führten enge Durchgänge, sogenannte Twieten, durch die Vorderhäuser in schmale, geschlossene Höfe. Links und rechts reihten sich die Buden, dazwischen verlief ein schmaler Gang – Namensgeber der Viertel. Das erste dieser Viertel bildete sich um die Hauptkirche St. Jacobi, aber durch die wachsende Zahl der Hafenarbeiter dehnten sich die Gängeviertel bald über weite Teile der Stadt aus, besonders rund um St. Michaelis. Das Leben in diesen Gängevierteln war hart und von unvorstellbarer Enge und Schmutz geprägt. Ein beißender Gestank hing in der Luft, da Schlachtabfälle, Küchenreste und Abwasser oft einfach in die ungepflasterten Gassen gekippt wurden. Der Rauch von Holzfeuern und Schmiedewerkstätten erschwerte das Atmen. Die engen Gänge zwischen den Budenreihen waren so schmal, dass oft nicht einmal ein Handkarren hindurchpasste. Um Trinkwasser zu erhalten, mussten Wasserträger die engen Höfe versorgen, da keine Leitungen vorhanden waren.

Im 18. Jahrhundert wurde Hamburg zum wirtschaftlichen Zentrum Norddeutschlands, was einen rasanten Bevölkerungsanstieg zur Folge hatte. Doch die begrenzten Flächen innerhalb der Stadtmauern – die durch die nächtliche Torsperre nicht verlassen werden konnten – führten zu massiver Wohnungsnot. Die ohnehin beengten Gängeviertel wurden immer weiter aufgestockt, es entstanden sogenannte Sahlhäuser, bei denen die oberen Stockwerke, oft überhängend, zusätzlich Platz schufen. Diese Stockwerke verfügten über eigene Zugänge von den Straßen, doch die neuen Bauten machten die Gassen darunter noch schmaler und dunkler. Wohnungen wurden oft auf ein Minimum reduziert. In manchen Buden bestand eine Wohnung nur aus einer winzigen 6 m² großen Kammer und einer Dachkammer, die über eine enge Stiege erreichbar war. Selbst die entlegensten und lichtlosesten Hinterhöfe wurden bebaut, doch der Platzmangel blieb dramatisch. Die Bewohner mussten noch enger zusammenrücken – Hauptmieter nahmen zusätzlich Untermieter auf, oft, um die ständig steigenden Mieten zahlen zu können, die einmal im Jahr fällig wurden. Die Enge, die Dunkelheit und der Schmutz dieser Viertel prägten das Leben der Menschen, während die Stadt unaufhaltsam wuchs.

Handwerker und Ämter

Im 18. Jahrhundert war das Handwerk in Hamburg streng durch die Zünfte, auch „Ämter“ genannt, geregelt. Diese Organisationen von Handwerksmeistern bestimmten fast alles: Wer Meister werden durfte, wie viele Meister es geben sollte, und wer die Chance auf eine Ausbildung als Lehrling bekam. Die Zünfte hatten jedoch nicht nur wirtschaftliche Macht, sie spielten auch eine große Rolle im sozialen Leben ihrer Mitglieder. Sie gewährten Schutz für die Hinterbliebenen, sorgten für die Bestattung ihrer Mitglieder und feierten gemeinsam Feste, etwa zu Ehren ihrer Schutzheiligen. Die Meister hatten dabei nicht nur berufliche, sondern auch persönliche Macht über ihre Lehrlinge und Gesellen. Diese lebten oft im Haushalt des Meisters, und ohne dessen Erlaubnis durften die Gesellen weder heiraten noch die Stadt verlassen.

Von zentraler Bedeutung für Hamburg war über Jahrhunderte die Brauerei – und dass, obwohl das Braugewerbe in Hamburg unzünftig war, also nicht den Zunftregeln unterlag. Wer vom Rat die Erlaubnis zum Bierbrauen erhielt, konnte es ausüben, vorausgesetzt, er besaß ein sogenanntes „Brauerbe“ – ein Haus mit der nötigen Brauausstattung. Zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert galt Hamburg als das „Brauhaus der Hanse“, das Bier in hoher Qualität braute und über die Handelswege der Hanse in viele Teile Europas exportierte. Doch mit dem Niedergang der Hanse und veränderten Trinkgewohnheiten verlor Hamburg seine Vormachtstellung im Braugewerbe.

Nicht nur das Bier machte Hamburg reich, sondern auch das Zuckerhandwerk. Über 200 Jahre lang war die Raffinade von Rohrzucker, neben dem Bier, eine treibende Kraft der Hamburger Wirtschaft. Bis zu 8.000 Menschen arbeiteten um 1800 in 408 Zuckersiedereien. Zucker, der zu jener Zeit fast ausschließlich aus Übersee kam, war eine Luxusware. Im 17. Jahrhundert kostete er in Hamburg sechsmal so viel wie Honig, weshalb er zunächst nur den Reichen vorbehalten war. Doch mit dem wachsenden Konsum von Tee und Kaffee stieg die Nachfrage nach Zucker rapide an. Der Rohrzucker kam von weit her, aus Madeira, den Kanarischen Inseln und St. Thomas in der Karibik, und wurde in mühsamer Handarbeit in Form von Zuckerhüten produziert. Diese mussten dann von den Haushalten in kleine Stücke gebrochen oder gemahlen werden, da es den uns heute bekannten Streuzucker noch nicht gab.

Hamburgs Zuckerindustrie war eng mit anderen Gewerben verknüpft. Zuckerraffinerien benötigten ständig Tauwerk, Fässer, Kessel und andere Materialien, was zahlreiche Zulieferer beschäftigte. Doch mit der französischen Besetzung Hamburgs 1806 und der britischen Blockade brach der Handel mit Rohrzucker fast vollständig zusammen. Zwar kam die Zuckerverarbeitung nach den Napoleonischen Kriegen noch einmal in Schwung, aber die einstige Blütezeit war vorbei. Im Jahr 1834 zählte die Stadt nur noch rund 500 Arbeiter in 194 verbliebenen Raffinerien – ein Schatten ihrer einstigen Größe.

Märkte

Anfang des 19. Jahrhunderts präsentierte sich Hamburgs Stadtbild in vielerlei Hinsicht rau und ungeschliffen. Die Straßen waren nur unzureichend mit kleinen Granitsteinen gepflastert, und in den Nächten herrschte Dunkelheit, die nur durch wenige, mit Waltran betriebene Laternen spärlich durchbrochen wurde. Das Gewirr enger Gassen wurde lediglich an einigen Stellen von elf kleinen Plätzen unterbrochen, darunter der Domplatz und der Großneumarkt, die als die größten der Stadt galten. Diese Plätze dienten als Märkte, an denen sich das alltägliche Leben abspielte. Hier handelten die Bürger mit allen Waren des täglichen Bedarfs, und die Plätze waren zugleich soziale Treffpunkte, besonders für die einfache Bevölkerung.

Der Hopfenmarkt, einer der zentralen Marktplätze Hamburgs, entstand bereits im späten 12. Jahrhundert und entwickelte sich zum wichtigsten Marktplatz für die Neustadt. Hier standen einst bis zu 60 Marktbuden und der „Fleisch-Schrangen“, eine offizielle Verkaufsstelle für Fleisch. Der Platz spielte auch eine große Rolle im Hamburger Braugewerbe – nicht umsonst galt die Stadt lange als das „Brauhaus der Hanse“. In großem Umfang wurde Hopfen aus ganz Norddeutschland herangeschafft, um den Durst der vielen Brauereien der Stadt zu stillen. Der Hopfenmarkt erhielt erst später seinen Namen und wurde so zum Zentrum für den Handel mit diesem wichtigen Rohstoff. Noch heute erinnert der Vierländerin-Brunnen an die Zeiten, als Waren aus der Region um die Vierlande auf diesem Markt gehandelt wurden.

Eine besondere Bedeutung hatte auch der historische Fischmarkt, der sich seit dem 14. Jahrhundert nahe der St. Petri-Kirche und des Hamburger Doms befand. Hier wurden nicht nur Fisch, sondern auch Lederwaren gehandelt. Der Platz entwickelte sich zu einem der wichtigsten Marktplätze Hamburgs, doch seine ursprüngliche Form ging mit dem Abriss des Hamburger Doms im Jahr 1806 verloren.

In der Neustadt entstanden im 17. Jahrhundert neue Märkte, darunter der Schaarmarkt und der Zeughausmarkt. Der Schaarmarkt lag nahe am Hafen und wurde ursprünglich wohl als Fischmarkt konzipiert, entwickelte sich jedoch zu einem Umschlagplatz für Obstbauern, Grünhändler und Handwerker. Trotz seiner kleineren Bedeutung spielte er eine entscheidende Rolle in der Versorgung der Neustadt, insbesondere der dicht besiedelten Gängeviertel.

Der Großneumarkt, angelegt zwischen 1624 und 1660, diente ursprünglich weniger dem Handel, sondern war ein wichtiger Exerzierplatz für das Bürgermilitär. Auch der Zeughausmarkt, der um die gleiche Zeit entstand, verdankte seinen Namen dem Artillerie-Zeughaus, das hier für das Hamburger Militär errichtet wurde. Obwohl der Platz seinen Namen einem militärischen Bauwerk verdankt, diente er nie als regulärer Marktplatz.

Eine besondere Art von Markt entstand im 18. Jahrhundert mit der „Judenbörse“ in der Neustadt. Dieser Markt, der auf den Straßen rund um die Elbstraße (heute Neanderstraße) stattfand, wurde von jüdischen Händlern betrieben, denen der reguläre Handel in Geschäften lange verwehrt blieb. Stattdessen verkauften sie hier Neuwaren, oft Importgüter, sowie Gebrauchtwaren wie Kleidung und Möbel. Die engen Regelungen der damaligen Zeit zwangen die Händler dazu, ihre Waren auf Karren oder Tischen zur Schau zu stellen – doch trotz der Einschränkungen war dieser Markt eine wichtige Handelsstätte für die Stadt.

Ausrufer und Händler

Hamburg im Jahr 1800 war ein lebendiger, chaotischer Ort, wo das mittelalterliche Flair der verschachtelten Fachwerkhäuser und engen, dunklen Gassen das Stadtbild prägte. Die Straßen waren nie still – tagsüber pulsierte das Leben mit einem ständigen Klangteppich aus Pferdehufen, knarrenden Karren und dem geschäftigen Stimmengewirr. Mitten in diesem Treiben ertönten die markanten Rufe der „Ausrufer“, die fliegenden Händler, die mit ihren eingängigen Slogans versuchten, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen. Sie waren die Vorläufer des modernen Einzelhandels, verkauften direkt auf der Straße und prägten das Bild der Hamburger Märkte.

Besonders gefragt waren die Wasserträger, die in der brunnenarmen Neustadt für eine zuverlässige Versorgung sorgten. Vom Land kamen Kleinbauern aus dem Holsteinischen, um lebende Gänse, Hühner und Tauben anzubieten. Aus den Elbmarschen brachten Händler frische Kartoffeln, Kohl, Butter und Käse, während die berühmten Vierländerinnen duftende Rosen, Erdbeeren und Bohnen feilboten. Die Altländerinnen brachten frische Äpfel und Kirschen auf den Markt. In der Hafenstadt Hamburg durfte natürlich auch Fisch nicht fehlen: Finkenwerder Fischer konkurrierten mit den Blankenesern und den Helgoländern um die besten Schollen, Heringe, Krabben und Muscheln, die sie direkt vom Schiff an die Marktstände brachten. Aber die Straßenhändler verkauften nicht nur Lebensmittel. Auf der „Judenbörse“ in der Neustadt boten jüdische Händler farbenfrohe Bänder, Gläser, Brillen und sogar Spazierstöcke und Hosenträger an. Anderswo konnte man „feine Zigarren“, Holzpantoffeln, Fußmatten oder Schwarzwälder Uhren aus heimischer Produktion finden. Besonders kurios war der sogenannte „Grashüpfer-Höker“, der während der Heuernte die Insekten einfing, sie in kleine Papierkäfige sperrte und an Menschen verkaufte, die sich am Zirpen der Grashüpfer erfreuten. Der „Liedermann“ war ebenfalls eine faszinierende Figur: Er breitete die neuesten Liedtexte auf der Straße aus und sang sie auf Wunsch seines Publikums, was ihm ein paar Münzen einbrachte.

Auch Dienstleistungen wurden direkt auf der Straße angeboten. Messer- und Scherenschleifer priesen lautstark ihre Künste an, um die Küchenutensilien der Haushalte wieder auf Vordermann zu bringen. Doch die vielleicht ungewöhnlichste Dienstleistung war das „Elektrisieren“: Neugierige zahlten einen Schilling, um sich mit einer seltsamen Apparatur unter Strom setzen zu lassen – ein früher, faszinierender Blick in die Zukunft der Elektrizität, die zu diesem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen steckte. Inmitten dieses bunten Durcheinanders spürte man den Puls einer Stadt, die sich im Wandel befand und doch tief in ihrer Vergangenheit verwurzelt war.

Gebrüder Suhr

Wenn man an bildliche Darstellungen Hamburgs, während der Napoleonischen Kriege denkt, kommen einem unweigerlich die Werke der Gebrüder Suhr in den Sinn. Die drei Brüder – Christoffer, Cornelius und Peter Suhr – haben zwischen 1771 und 1857 nicht nur die Kunstszene der Hansestadt geprägt, sondern auch einen unschätzbaren Schatz an visuellen Zeugnissen hinterlassen. Ihre Sammlung von Lithografien, Zeichnungen, Stichen und Radierungen fängt das Leben und die Menschen Hamburgs in einer Zeit des Umbruchs ein. Besonders faszinierend ist, dass ihre Werke sich nicht nur auf die Architektur der Stadt beschränken, sondern tief in die Alltagskultur eintauchen – von der Kleidung bis zu den Uniformen der Soldaten, die Hamburg während der Besatzungsjahre durchzogen.

Christoffer Suhr, der die meisten Zeichnungen lieferte, und Cornelius, der diese in meisterhafte Stiche verwandelte, zählen zu den bekanntesten Künstlern ihrer Zeit. Werke wie „Hamburgische Gebräuche und Kleidertrachten“ (1803), „Der Ausruf“ (1808) oder das „Hamburger Bilderbuch“ sind lebendige Zeitdokumente, die es dem heutigen Betrachter ermöglichen, in die Straßen von Hamburg um 1800 einzutauchen. Besonders erwähnenswert ist „Abbildung der Uniformen aller in Hamburg seit den Jahren 1806 bis 1815 einquartiert gewesener Truppen“ (1820), dass die verschiedenen Uniformen der Besatzungstruppen dieser unruhigen Epoche zeigt.

Doch eines der spannendsten Werke ist zweifelsohne „Der Ausruf“ von 1808. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von 120 Abbildungen, die das lebhafte Treiben der fliegenden Händler und Straßenverkäufer Hamburgs dokumentiert. Die Figuren auf den Bildern rufen ihre Waren lauthals durch die engen Gassen, und jede Abbildung fängt nicht nur die Kleidung und Trachten dieser Zeit ein, sondern auch die Vielfalt der angebotenen Waren. Vom Fischverkäufer bis zum Wasserträger, von den Tuchhändlern bis zu den Gemüsehökerinnen – diese Sammlung zeigt eine bunte Palette an Charakteren, die das Stadtleben prägten. Besonders faszinierend sind die kleinen Geschichten, die die Bilder begleiten. Sie machen die Szenen lebendig und geben uns einen Einblick in das Treiben auf den Straßen Hamburgs. So wird nicht nur der Warenhandel, sondern auch die soziale Struktur der damaligen Zeit sichtbar. Diese Werke der Gebrüder Suhr sind weit mehr als nur historische Dokumente. Sie sind Fenster in eine vergangene Welt, voller Leben und Geschichten, die bis heute nachhallen.

Der Electriseur

„Electrisiren meine Herrn, für eine Schilling.“ Seit einiger Zeit hat ein Speculant gefunden, welcher sein Brot mit einer Electrisiermaschine zu verdienen sucht, so wie sich in London ein ähnlicher Speculant auf der Black fairs bridge niedergelassen hatte, um die Neugierigen für einen Sixpence durch ein Teleskop in den Mond kucken zu lassen. Unser öffentlicher Lehrer der Physik, hat seinen Lehrstuhl in der Allee vor dem Altonaer Thore aufgeschlagen. Sobald sich eine hinlängliche Anzahl Neugieriger gefunden, fasst man sich in einer längeren oder kürzeren Reihe bei der Hand; die gewöhnlich sehr stark geladene Flasche wird entladen, die Electrisierten fahren in allerlei komischen Stellungen erschrocken und unter dem Jubel der Umstehenden zurück, und der Spaß hebt von neuen an, sobald sich ein hinreichende Zahl Liebhaber versammelt hat. Dieser Broterwerb ist sehr unschuldig an sich: aber er kann schwächlichen Personen und Kindern nachteilig werden, wenn die erteilten Schläge zu stark sind. Insofern verdiente er die Aufsicht der Polizei. Nutzen könnte daraus entstehen, wenn eine kurze und sachliche Erklärung mit dem Experiment verbunden würde.

Fußpost

Die Boten dieser nützlichen Anstalt, dienen derselben nur mit ihren Füßen. Sie haben keinen besonderen Ausruf. Ihre Glocke kündigt sie schon von ferne an. Andere große Städte hatten schon früher als Hamburg eine solche bequeme Gelegenheit zu Bestellung kleiner Gewerke und Briefe. London schon seit dem Jahre 1683. In Kopenhagen hat man erst vor kurzem eine Fußpost eingeführt. Außer dem Nutzen, welchen das Publikum im Allgemeinen davon hat, gewährte die Fußpost, den bekanntlich witzigen Comtoirburschen, noch das Vergnügen, ihren guten Freunden oder auch anderen ehrlichen Leuten, Artigkeiten incognito schriftlich zu fragen, welche sie mündlich nicht hätten überbringen können, ohne das Porto auf der Stelle entgegenzunehmen. Wie denn aber kein Übel ohne etwas Gutes ist, so haben wir diesem humanen Gebrauch einer nützlichen Anstalt, manches interessante Inserat in den gemeinnützigen Nachrichten von und für Hamburg, aus der Kunstreichen Feder des S.T. Herrn J.H. 

Brandwache

Die Spützenleute, welche in den in Hamburg angenommenen 4 Wintermonaten, November, Dezember, Januar und Februar durch die Straßen der Stadt patrouillieren müssen, gehören in den Ausruf, nur weil sie verbunden sind, mit ihren, stark mit Eisen beschlagenen Stäben, auf das Pflaster, oder wenn Schnee liegt, gegen die Ecksteine zu stoßen, zum Beweise ihre Wachsamkeit. Zur Verhütung einer Feuersbrunst können sie gar nichts und zur früheren Entdeckung derselben wohl nur zufällig, und wenig beitragen. Der größte Nutzen dieser Einrichtung besteht wohl darin, dass due Wächter, ihre Kameraden, deren Wohnung ihnen bekannt ist, im nötigen Falle gleich wecken, und sich zu ihrer Sprütze begeben können.

Nachtwache

Die Nachtwächter und der Ausrufer bei den öffentlichen Auktionen sind die eigentlichen offiziellen Ausrufer in Hamburg, daher ihr Ausruf auch von jeher unverändert geblieben ist und gar keine Abwechselungen oder Zusätze von dem Witze oder der eigentümlichen Laune des Gängers leidet. Obgleich ihrer allemal zwei miteinander patrouillieren, so hat doch neu einer das Wort: „De Klock het tein schlahn, tein is de Klock“ Um die Aufmerksamkeit auf seine vorzutragende Wahrheit zu wecken, führt er die Rattel (hamburgisch, das Schnurrding) mit welcher er zuvor rasselt, ehe er spricht. Dieses ist sein Ehren- und Amtszeichen. Er heißt de Röper (Rufer). Seine stummer in einiger Entfernung ihm folgender Kamerad heißt „de Gilker“ (der Schleicher) welcher, so viel es Dunkelheit und unfreiwillige Schläfrigkeit zulässt, im Verborgenen auf alles Verdächtige lauren muss. Nur das Notwendige ruft der Rufer an, die halbe Stunde. Auf Anzeige des Wetters wie in London oder christliche Erbauung durch einen geistlichen Vers, wie in Sachsen lässt er sich nicht ein. Es scheint, als wenn ein Obersachse zum Posten eines Rufers nicht gelangen könne. Schwerlich werden sich unsere Leser erinnern, jemals den Ausruf in dem verdorbenen Plattdeutsch der Schlachterknechte oder Juden gehört zu haben. Der Zivilisationsversuch vor etwas 30 Jahren, die Nachtwächter Hochdeutsch rufen zu lassen, hatte eben so wenig Erfolg, als vor zwei Jahren der versuch, neue Melodien in den Kirchen einzuführen. Zur Freude aller Freund des Alten, ist es geblieben in diesem Jahr, wie es im vorigen gewesen war.

Wasser

Der Ausruf „Water, Water“ wurde vormals in Hamburg nicht anders gehört, als wenn etwas durch eine hohe Flut die niedrigen Gegenden der Stadt, plötzlich in der Nacht unter Wasser gesetzt wurden. In der hohen Neustadt wurde er also nie gehört. Seit einigen Jahren aber hört man Wasser in der Neustadt am Tage ausgerufen, welches in der Altstadt nie geschieht. In jener ist bekanntlich Mangel an Trinkwasser und an Brunnen. Es muss also getragen werden. Dieses Gewerbe ernährt viele hundert Menschen. Bei der zunehmenden Zahl der Einwohner, waren due Wasserträger zur Befriedigung des Bedürfnisses nicht mehr hinreichend, und wurden in ihren Forderungen unbillig. Diese veranlasste einige Fuhrleute, Wasserwagen anzulegen, und so das Trinkwasser eimerweise feilzubieten. Um die Zahl der Schöpfstellen zu mehren, wurden einige Durchgänge unter dem Walle nach dem Stadtgraben geöffnet. Indessen ist und bleibt das Wasser noch immer ein kostbarer Artikel in der Neustadt, welcher sich in einer mäßigen Haushaltung wohl auf vierzig bis fünfzig Thaler jährlich belaufen kann. Manche Leute lassen sich doch das Wasser lieber tragen, weil es reinlicher ist, als in den Tonnen, welche mehrentheils einen Bodensatz enthalten und daher fleißig gereinigt werden sollten. Da die Wägen nummeriert sind, so stehen sie vermutlich unter einer gewissen Aufsicht der Polizei, welche den Fuhrleuten die Reinlichkeit zur Pflicht machen könnte.

Die Schellfischfrau

Der Ausruf „farische Schellevisch“ wird von den Hamburgern eben so sehnlich erwartet, als der Ausruf der Erdbeeren. Wirklich gehört auch der Schellfisch zu den wohlschmeckenden Bewohnern des Meeres. Seinen deutschen Namen hat er vom Schälen, weil sich sein Fleisch leicht abschälen oder eigentlich abblättern lässt, besonders wenn er recht frisch ist. Sonderbar ist es, dass der Schellfisch eben si wenig die Nordsee, als der Dorsch die Ostsee verlässt. Jener wird, wie bekannt aus Helgoland, and den Küsten von Holland, Ostfriesland und England, zuweilen in großen Mengen gefangen. Zu uns bringen ihn vorzüglich die Helgoländer in Fahrzeugen, welche Schniggen genannt werden. Wenn der Wind zur Auffahrt auf der Elbe nach Hamburg günstig ist, und also Fischerfahrzeuge erwartet werden dürfen, so begibt sich eine große Zahl von Fischweibern nach dem Hamburger Berge und lässt sich an Bord des Fahrzeuges setzen, wenn der Fischer nicht anlegen will. Hier wird er Handel versucht und oft schon geschlossen, ehe das Fahtzeug in den Hafen kommt. Indessen müssen es schon bekannte Käuferinnen von gutem Kredit sein, wenn sich der Helgoländer mit ihnen einlassen soll. Denn die ganze Zahlung geschieht selten bar, sondern erst nach dem Verkauf. Die Helgoländer haben daher oft bedeutende Summen ausstehen und werden manchmal betrogen. Deswegen pflegen auch wohl einige der Fischweiber, die, wenn es erlaubt ist, sich bei Schellfischen eines Börsen-Ausdrucks zu bedienen, gut sind, eine größere Menge zu kaufen und an die anderen von geringerem Kredit zu überlassen, aber sich für dieselben zu verbürgen. Ist nun das Fahrzeug in den Hafen und bis an die Holzbrücke, den eigentlichen Schellfischmarkt gekommen, so strömt alles hinunter, als ob die Fische verschenkt würden. Je geringer der Vorrat, desto größer das Drängen, desto mehr Anlass zu Streitigkeiten, desto mehr Zunder, um die so leicht feuerfangenden Leidenschaften der Fischweiber in helle Flammen zu setzen. Hundert Stimmen erheben sich auf einmal. Es ist unmöglich, diese Chaos zu entwirren. Es scheint ein Krieg Eines gegen Alle, Alles gegen Eine und Alles gegeneinander zu sein. Der Verkauf ist die gewöhnliche Veranlassung des Streites. So widerlich das verworrene Gekreisch dem Ohr ist, so interessant ist der Anblick der mannigfaltigen Schattierungen des Affekts auf den Gesichtern. Höhnische Trotz aus Gefühl von Wohlhabenheit verbissene Wut über versagten Kredit, empörtes Gefühl über Zurücksetzung, giftiger Neid, ohnmächtige Rachsucht, übermütige Schadenfreude. Hier ist eine Schule für Zeichner. Wie sehr kontrastiert dagegen der ruhige, nicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden goldhaarige Helgoländer. Ruhig langt er die Fische aus dem Boden des Schiffes, während sein Maat die Hand ausstreckt, um die Zahlung zu empfangen, aber auch den Namen der Schuldnerin mit gigantischem Bleistift in seine Brieftasche einträgt. Sehr selten kommt es bei diesen Zänkereien, wobei die Scheltworte nicht gespart werden, zu Tätlichkeiten. Der Kampfplatz ist zu gefährlich. Auf einen Fehltritt würde die Abkühlung von der Hitze des Kampfes zu schnell und zu stark sein. Auch mischt sich die Wache selten in diese Händel, obgleich sie geschworen hat, der Stadt zu Wasser und zu Lande zu dienen. Aber oft sucht der beleidigte Teil, welcher sich in seiner moralischen, bürgerlichen oder kaufmännischen Ehre gekränkt glaubt, sein Recht vor Gericht. Die Anwälte dieser Streitlustigen Damen sollen sich gut dabeistehen, aber auch für den Auftritt vorausbezahlen lassen, weil sich die Parteien oft eher vertragen, als sie vor Gericht kommen. Um den übriggebliebenen Schellfischen bei warmem Wetter ein gutes Ansehen zu erhalten, werden sie oft abgewischt und die Kiemen, welche bei frischen Fischen hochrot sind, mit Blut gefärbt. Allein der Geruch ist ein Verräter.

3 Kommentare zu „Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Leben in der Stadt“

  1. hallo und guten morgen,

    es war super interessant das alles über die gebrüder suhr und vieles mehr zu lesen um mal in die welt von 1800 bis 1850 reinzuschnuppern, wie geht es uns doch heute so gut im gegensatz vor 200 jahren. wie ist den der name vom autor, der dies alles beigetragen hat, das würde ich gerne mal wissen. einen schönen sonntag aus köln nach hamburg von thomas

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  2. Hallo Thomas, vielen Dank für dein Lob. Freut mich, dass dir Bericht gefällt. Mein Name ist Frank Becker (s. auch das Impressum dieser Seite). Du findest hier auch weitere Berichte zur Stadt Hamburg und auch zum Umland dieser Zeit (im Menü unter Historisch, Napoleonische Kriege und Norddeutschland schauen). Viele Grüße Frank

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