Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Stadt und Festung Hamburg / Teil 1

Schon Anfang des 17. Jahrhundert war Hamburg zur größten und bedeutendsten Stadt im norddeutschen Raum aufgestiegen. Aus diesem Grund bildete Hamburg natürlich auch das Zentrum der Napoleonischen Kriege in Norddeutschland. Als Franzosenzeit wird von den Hamburgern dabei die Periode unter französischer Besatzung und Eingliederung in das Französische Kaiserreich in den Jahren von 1806 bis 1814 bezeichnet.

Blick über Hamburg mit seinen Kirchen vom Stadtwall beim Millerntor zu Beginn der französischen Besatzungszeit. Auf dem Wall sieht man flanierende französische Soldaten zusammen mit Hamburger Bürgern.

Modell der Stadt Hamburg (Hamburger Museum) mit seinen Stadtbefestigungen, die noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts in Takt waren.

Stadt und Bevölkerung

Die Zahl der Einwohner Hamburgs erreichte im Jahr 1800 mit rund 130.000 einen vorläufigen Höhepunkt. Um das Jahr 1811 zählte man nur noch 106.983 Bewohner, eine Auswirkung der Kontinentalsperre, und nach dem Ende der Kampfhandlungen sowie dem Ende der französischen Besatzungszeit war die Bevölkerung auf nur noch 55.000 geschrumpft. Im Vergleich dazu zählte Hamburgs unmittelbarer dänischer Nachbar, die Stadt Altona um das Jahr 1800 rund 23.000 Einwohner, Amsterdam 217.000, Berlin 172.000, Kopenhagen 101.000, Paris 581.00, Moskau 250.000, Neapel 427.000, Wien 247.000. Nur London verfügten zu dieser Zeit schon über mehr als 1 Million Einwohner.

Dieses Bild und das nachfolgende zeigen Hamburger unterschiedlicher Berufe und die Landbevölkerung der Vororte in ihren typischen Trachten. Von links nach rechts sind zu sehen: Helgoländer und Helgoländerin, Zuckerprobenstecher, Dienstmädchen, Milchmann, Blankeneser und Blankeneserin, Tatenbergerin, Altländerinnen, Bardowiekerin, Vierländerin, Dienstmädchen.

Von links nach rechts sind zu sehen: Fischfrauen, Kleinmädchen, Vierländer Blumenmädchen, Köchin und Kleinmädchen, Elmshorner Torf-Schiffer, Vierländer, Störorterinnen mit Zuckerkringel-Handel, Vierländerin, Köchin, Vier Zuckerbäcker.

„Kurrende“ Knaben um 1800 gehen singend durch die Straßen und sammeln milde Gaben.

Sogenannte Kaffeeträger auf dem Weg von Altona nach Hamburg. Sie schmuggelten durch die Kontinentalsprerre begehrte Waren unter und in der Kleidung.

Waisengrün Prozession um 1800, bei dem Waisenkinder um Spenden bitten.

Die nahezu kreisrunde Alt- und Neustadt von Hamburg hatte im Jahr 1813 einen Durchmesser von rund 2,6 Kilometern in dessen ungefährem Zentrum sich die Nikolai-Kirche befand. Einst wie heute lag im Nordosten der Alsterlauf, welcher sich vor der Stadt als See verbreitet und so die Außen- und Binnenalster bildet, wobei die Binnenalster in die Stadt ragte und in 2 Kanälen durch das Zentrum in Richtung Hafen floss. Von den beiden Wasserarmen führte kleine Kanäle, Fleete genannt, in alle tiefergelegenen Teile der Stadt und ermöglichten so den Kaufleuten ihre Waren direkt von den Handelsschiffen in die Lagerhäuser zu befördern.

Blick auf die Binnen- und Außenalster sowie im Vordergrund die Kleine Alster zwischen dem Neuen und dem Alten Wall, auch Dreckwall genannt, im Jahre 1809. Heute würde der Blick vom Rathaus auf die Alsterarkaden (linke Häuserfront) gehen. Im Hintergrund ist die neue, 1747 fertiggestellte Heilige-Dreieinigkeits-Kirche, auch St.-Georg-Kirche genannt, der Vorstadt St.-Georg zu sehen.

Der Jungernstieg um 1800. Diese Promenade an der Alster war im Jahr 1796 verbreitert und mit Lindenbäumen bepflanzt worden.

Blick auf die Binnalster vom Jungfernstieg, im Hintergrund der Damm und die Außenalster. Auf dem Wasser sind Ausflugsboote, sogenannte Schüten zu sehen.

Die hölzerne Lombardsbrücke und die Binnenalster um 1810.

Die zum großen Teil krumm und schief verlaufenden kleinen Gassen der Stadt bildeten ein ungeordnetes Stadtbild. Bei dem Hamburger Gängeviertel handelte es ich um verschiedene Areale in Hamburg, die so dicht bebaut waren, dass in vielen Gängen nicht einmal ein Handwagen durchpasste. An der Hauptstraße stand oft ein großes Fachwerkhaus, von dem man mittels eines Durchganges, der auch Twiete genannt wurde, in den Hinterhof gelangte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in der Altstadt ein Massenwohnquartier mit mehrgeschossigen Mehrfamilien-Mietshäusern. Das erste Gängeviertel in der Altstadt entstand ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts rund um die Hauptkirche St. Jacobi. Durch einen Bevölkerungsanstieg im darauffolgenden Jahrhundert kam es auch zur Bebauung der kleinsten und lichtlosesten Hinterhöfe.

Dieses Foto, aufgenommen Anfang des 20. Jahrunderts, gibt einen guten Eindruck, wie das Gängeviertel vermutlich im frühen 19. Jahrhundert ausgesehen haben mag.

Das Gängeviertel in der Neustadt befand sich rund um die Hauptkirche St. Michaelis. Es entstand erst mit Vergrößerung der Stadt im 17. Jahrhundert und besaß teils systematisch geplante, teils labyrinthartige Gassen. Industrialisierung und Landflucht führen am Ende des 18. Jahrhunderts zu einer erneuten Steigerung der Einwohnerzahl. Nur durch Baumaßnahmen konnten man dieser neuen Situation kaum Herr werden. Die Menschen mussten noch enger zusammenrücken. Hauptmieter nahmen zusätzlich noch Untermieter auf. Auch wegen der stetigen Mieterhöhungen, die einmal jährlich bezahlt werden mussten.

Das Maria-Magdalenen Kloster im Jahre 1800. Wegen baufälligkeit musste diese 1808 abgerissen werden. Das Kloster stand auf dem Platz der heutigen Börse, der Name des Adolphsplatzes hält noch heute die Erinnerung an den Begründer des Klosters wach.

Die Heiligen Geist Kirche am Rödingsmarkt um 1800. Das Gotteshaus wurde 1814 von den Franzosen als Heumagazin genutzt,

Die Straßen waren nur unzureichend mit kleinen Granitsteinen gepflastert und in der Nacht lediglich durch Laterne spärlich erhellt. Unterbrochen wurden die Enge dieses Gassengewirrs nur von 11 kleinen Plätzen, wobei der Domplatz und der Großneumarkt zu den größten der Stadt zählten. Weitere große Plätze waren der Hopfenmarkt, der Gänsemarkt, Zeughausmarkt, Scharmarkt und Pferdemarkt. Die 5 Hauptkirchen hießen St. Petri. Nikolai, Katharinen, Jakobi und Michaeli.

Der Hamburger Domplatz mit der St. Petri Kirche im Hintergrund. Man erkennt noch die Ruinen des 1805 abgerissenen Hamburger Doms. Im Vordergrund ist die Hanseatische Legion bei ihrer Parade im Jahr 1815 zu sehen.

Die aus Italien übernommende Lotto-Ziehung auf dem Gänsemarkt.

Das Hamburger Stadtmilitär in Parade auf dem Großneumarkt im Jahre 1800. Der Platz war das Zentrum der im 17. Jahrhundert entstandenen Neustadt.

Dieses Bild zeigt das Wachhaus mit Schlagbaum vor dem Steintor gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Zu den wichtigsten Gebäuden der Stadt gehörten die Börse, die 1558 als erste ihrer Art in Deutschland entstand, und das Rathaus, welches damals an der Trostbrücke lag. Erbaut wurde das Rathaus um 1290 und im Laufe der Zeit wurden zahlreiche bauliche Veränderungen vorgenommen. So wurde neben dem Niedergericht zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch ein Renaissance-Anbau errichtet.

Dieses Modell im Hamburger Museum zeigt das Rathaus, das Niedergericht, die Börse, die Waage und Kran sowie die Randbebauung am Nikolaifleet zwischen Trost- und Zollenbrücke.

Westlich der Stadt lag der Hamburger Berg mit dem Pesthof und die dänische Stadt Altona. Der Pesthof war eine Einrichtung zur Aufnahme und Pflege von Kranken und Bedürftigen in Hamburg. Er wurde 1606 auf dem Hamburger Berg errichtet und beherbergte bis zu 1.000 Kranke. Damals war es üblich die „Krankenhäuser“ außerhalb der Stadt anzusiedeln, um die Bevölkerung vor Ansteckung zu schützen. Aus diesem Grund lag auch im Osten der Stadt das Vorgänger-Gebäude, das Hospital St. Georg, um welches herum sich eine Vorstadt mit Kirche und rund 500 Gebäuden entwickelte.

Allee die vom Dammtor zum Mittelweg führte.

Südöstlich von St. Georg befand sich das Überschwemmungsbiet mit Namen Hammerbrook. Im Süden floss die Elbe, die hier von vielen kleinen, teils eingedeichten Inseln durchsetzt war. Unmittelbar vor den Stadtwälle lag der Grasbrook, der bei Flut größtenteils unter Wasser stand.

Hier an der Elbe fand man natürlich auch den Hamburger Hafen. Der Hafen war und ist eine Grundlage für den Wohlstand der Stadt. Bereits mit Ausbau der Befestigungsanlagen der Stadt war der alte Binnenhafen vergrößert und der Baumwall verstärkt worden, doch schon am Ende des 17. Jahrhunderts musste er als Niederhafen in die Elbe hinein erweitert werden.

Der Hamburger Hafen im Jahr 1813.

Da aber auch diese Anlagen nach wenigen Jahren nicht mehr ausreichend waren, wurde 1767 eine Reihe von sogenannten Duckdalben in die Elbe gerammt, an der die großen Segler festmachen konnten. Der Umschlag fand zu Wasser statt, die Güter wurden auf kleinere Schiffe, Ewer und Schuten umgeladen und über die zahlreichen Fleete und Wasserwege zu den Speichern und Märkten der Stadt transportiert. 1795 folgte eine zweite Dalbenreihe, die bis zum Jonas reichte, der Bastion Johannes der damaligen Stadtbefestigungen.

Rummelhafen vor dem Blockhaus am geöffneten Baumwall, rechts die Bastion Georgius, um 1850.

Stadtbefestigung

Die zur Zeit der Napoleonischen Kriege bestehenden Befestigungsanlagen der Stadt Hamburg waren in den Jahren 1616 bis 1628 unter der Leitung von Johan van Valkenburg errichtet worden. Der niederländische Ingenieur Valkenburg handelte im Auftrag des berühmten Moritz von Oranien, denn die Niederlande waren zu dieser Zeit mit den Norddeutschen Hansestädten ein Bündnis eingegangen. Der Entschluss für den Bau dieser damals moderne Befestigung hatten seinen Ursprung im Dauerkonflikt mit dem benachbarten Altona, welches damals zum Königreich Dänemark gehörte. Der Bau der neuen Wallanlagen wurden schließlich als Reaktion auf die Gründung des Kriegshafens Glückstadt durch den dänische König Christian IV. im Jahr 1616 in Auftrag gegeben. Durch diese Maßnahme blieb Hamburg auch im 30-jährigen Krieg von Belagerung und Plünderung verschont.

Die ursprünglichen Stadtmauer von Hamburg in einer Abbildung von 1590.

Karte der Stadt Hamburg und der neuen Stadtbefestigung aus dem Jahr 1651

Bei den Befestigungen handelte es sich um Wallanlagen nach niederländischer Manier, also um Erdwälle, die durch Grassoden befestigt und durch Wassergräben gesichert wurden. Diese Konstruktion war zum einen kostengünstig und zum anderen absorbierten die Erdwälle den Beschuss durch Kanonenkugeln, während Steinmauern durch diese zerstört wurden.

Festungen erbaute man ab dem 15. Jahrhundert als Reaktion auf den Einsatz schwerer Pulvergeschütze. Als allgemein anerkanntes System der Anlage von Verteidigungswerken hatte sich das bastionäre Befestigungssystem etabliert. Je nach Region, Baumaterial und aufgewendeter Kosten entstanden individuellen Bauten, die man als Manieren bezeichnete. Grundriss und Profil einer Festung sollte sich dabei nach den Schusslinien der zur Verteidigung verwendeten Feuerwaffen richten, wobei jeglicher tote Winkel vermieden wurde und so ein sägezahnartiges Muster entstand, welches einen sternförmigen Grundriss bildete. Erstmals gebaut wurden solche Festungen in Italien. Diese sogenannte alt- und neuitalienische Manier zeichnete sich durch gemauerte Werke aus, die zumeist durch einen trockenen Graben gedeckt wurden. Bei der alt- und neuniederländischen Manier waren die Erdwerke das Markenzeichen. Die Böschungen waren weniger steil und oft zusätzlich mit Palisaden gesichert. Die fehlende Stabilität wurde durch mehrere Verteidigungslinien ausgeglichen, die aus nassen Gräben und Vorwerken gebildet wurden, wodurch ein deutlich breiterer Befestigungsgürtel entstand. Wichtig waren vor allem die abgeschrägten Wände der Werke, da so tote Winkel verhindert und der Beschuss durch Artillerie stark abgeschwächt wurde.

Eine heute noch vollständig erhaltene Festungsanlage nach niederländischer Manier ist Bourtange an der Niederländisch-Deutschen Grenze.

Im Allgemeinen setzte sich eine Festung aus unterschiedlichen Werken zusammen, worunter die einzelnen Bestandteile einer Befestigungsanlage, wie Bastionen oder Kurtinen zu verstehen sind. Ein Hauptbestandteil der damaligen Festungen nach niederländischer Manier waren die Bastionen. Diese meist fünfeckigen Festungswerke hatten eine flache, offene Rückseite, Kehle genannt, und sprangen in dreieckige Form aus dem Festungswerk heraus. Durch die abgeschrägten Facen und die geraden Flanken des vorderen Teils der Bastion konnten dort positionierte Geschütze seitlich und sogar parallel zum Verlauf der Wallanlage feuern. Da sich immer je eine Face und Flanke zweier Bastionen gegenüberlagen, war es außerdem möglich einen Angreifer von zwei Seiten zu beschießen, also unter Kreuzfeuer zu nehmen. Die einzelnen Bastionen waren durch die Kurtine, einem geraden Wall verbunden. Zur besseren Verteidigung des Grabens wurden die Wälle und Bastionen von einem Weg und einem zusätzlichen, niedrigeren Schutzwall umgeben, der Fausse-Braie. Vor den Kurtinen lagen häufig Ravelins, sogenannte Wallschilder, im Hauptgraben. Sie waren niedriger als die Bastionen und über ein Ravelin wurden häufig die Wege zu den Toren geführt, um so eine direkte Annährung oder Beschuss auf den Eingangsbereich zu verhindern. Vor den Bastionen und Kurtinen lag ein breiter, mit Wasser gefüllter Hauptgraben. Am äußeren Rand des Grabens gab es einen gedeckten Weg, der durch das vorgelagerte, leicht ansteigende Glacis gegen Feindsicht gesichert wurde. Der gedeckte Weg diente der Infanterie als Position, von der aus Angreifer unter Musketen-Feuer genommen werden konnten. Das Glacis sicherte nicht nur den gedeckten Weg, sondern schützten auch die dahinterliegenden Werke vor dem direkten Beschuss durch Artillerie. Um gegnerischen Truppen den Einsatz von Sturmleitern unmöglich zu machen, wurden außerdem spitze Holzpfähle in die Festungswerke gerammt, die so genannten Sturmpfosten. Oft verlief zusätzlich ein zweiter, schmalerer Wassergraben, die Avant-Fosse, vor dem Glacis. Hinzu kamen beim niederländischen Festungsbau zahlreichen Außenwerken, darunter Hornwerke und Kronwerke sowie Lünetten, also vorgeschobene Bastionen, die keine Verbindung zu den Kurtinen hatten. So bildeten die Kurtinen und Bastionen, die Ravelins und der gedeckte Weg drei Verteidigungslinien, welche die für eine effektive Artilleriebefestigung notwendige Tiefe des Kampfraumes gewährleisteten.

Diese Abbildung zeigt und benennt alle Bestandteile einer Festung.

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