Die Belagerung von Sinkat – IM SUDAN 1883 / 1884

Der kleine Ort Sinkat liegt in den Bergen im Hinterland von Suakin. Im 19. Jahrhundert bestand er nur aus einigen wenigen Gebäuden. Eine Baracke mit 8 Räumen und 2 Eingängen dienten als Unterkunft für die kleine Garnison. Der Ort ist von Bergen umgeben und auf der westlichen Seite verläuft es ein kleines Trockental, ein so genanntes Khor.

Die Provinzhauptstadt Suakin ist rund 30 Kilometer entfernt und war zur Zeit des Mahdi-Aufstandes mit Sinkat nur durch eine unwegsame Straße verbunden, die auf ihrem Weg durch die Berge einige tiefe Täler durchlief. Trinkwasser war an dieser Verbindungsstraße Mangelware, nur zwei kleine Brunnen waren am Rande des Weges zu finden. Eine zweite, deutlich längere Route, zweigte von der Suakin – Berber Karawanenstraße in Richtung Sinkat ab. Der Ort hatte keine strategische oder wirtschaftliche Bedeutung, da er abseits der üblichen Handelsrouten lag und Landwirtschaft auf Grund der Wasserknappheit kaum lohnend war. Da der Ort in einer Höhe von fast 900 Metern siedelt, wurde er im Sommer von den reichen Einwohnern Suakins als Zufluchtsort vor der erdrückenden Hitze der Küste genutzt.

Der Kommandant Sinkats war bei Ausbruch der Mahdiya der in Kreta geborene Muhammad Tawfiq Bey, der als einer der fähigsten und tapfersten Offiziere der Ägyptischen Armee galt. In Suakin und der gesamte Ostküste genoss er unter Einheimischen und Ausländern das höchste Ansehen. Er hatte zur Zeit der Belagerung Sinkats den Rang eines Qa’immaqam (Colonel) erreicht und war als Gouverneur von Suakin eingesetzt.

 

Sinkat wurde, trotz seiner geringen Bedeutung, Schauplatz für den Auftakt des Mahdi-Aufstandes im Osten des Sudans. Osman Digna, der vom Mahdi zum Emir und Anführer im Osten ernannt wurde, vereinigte sich am 5. August 1883 mit den Kräften des Sheik al-Tahir al-Tayyib al-Majdhub vor Sinkat und rückte mit seinen Anhängern bis auf Schussweite an die Garnison heran. Hier fanden zunächst Verhandlungen statt, die mit Hilfe einigen Sheiks der Khatmiyya als Unterhändler geführt wurden. Osman forderte die Garnison auf, sich dem Mahdi anzuschließen. Tawfiq Bey, für den Ehre und militärischer Rang mehr als nur Worte waren, verweigerte natürlich dieses Ansinnen. Er versuchte außerdem die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, um seinen Männern Gelegenheit zu geben, die Türen zu verschanzen und in Stellung zu gehen, außerdem wurden die Räume der Baracke mit Durchbrüchen verbunden und Schießscharten in die Wände gebrochen. Als Osman diese Taktik durchschaute, entschloss er sich zu handeln und führte seine Anhänger vom westlichen Khor, über einen kleinen Friedhof hinweg zum Angriff auf das befestigte Gebäude. Osman ist zwar mit rund 1.500 Männern nach Sinkat gekommen, die meisten von ihnen bleiben jedoch zunächst nur abwartende Zuschauer. Nur 300 Beja kann Osman Digna zum Sturm auf die Garnison bewegen. Die Angreifer sind außerdem nur mit Speeren und Schwertern bewaffnet. Die Ägypter der Garnison, die zu diesem Zeitpunkt mit nur rund 100 Männern besetzt ist, feuerten erst, als die feindlichen Beja auf ein paar Meter herangekommen waren. Es gelang so nur einigen wenigen Männern, geführt von Osmans Bruder, Ahmad Digna, die Verteidigung zu durchbrechen. Ahmad wurde zwar bei diesem Sturmlauf getötet, die Angreifer konnten aber durch die Tür der Baracke brechen. Auch Osman schaffte es durch die Verteidigungsanlagen und befand sich sogar kurzfristig im selben Raum mit Twafiq Bey, hier wurde er jedoch schwer verwundet. Eine Kugel traf ihn und zerschmetterte seinen linken Arm. Er wurde von seinen Männern vom Schlachtfeld getragen und der Kampf war nach nur einer Stunde beendet. Nach Schätzungen wurden 120 Beja verwundet und 80 getötet, während die Verteidiger 7 Männer verloren und 11 Verwundete beklagen mussten. Bei dieser Gelegenheit war Osman Digna das erste und letzte Mal direkt an den Kampfhandlungen beteiligt.

Der nächste Angriff am 9. September, den Osman befahl und den er aufgrund seiner Verwundung nicht mehr selbst führen konnte, wurde ebenfalls abgewehrt. Nach diesen Misserfolgen verließen viele Männer den glücklosen Anführer und nur ein kleiner Haufen von 150 Männern stand weiter treu an der Seite Osman Dignas. Kurz nach diesen Überfällen erhielt Tawfiq Bey Verstärkung in Form von weiteren 70 Soldaten und einem Geschütz, welche ihm aus Suakin geschickt wurden. Tawfiq Bey standen zu diesem Zeitpunkt rund 500 Mann und 2 Geschütze zur Verfügung. Bei den Truppen handelte es sich um 150 Bashi Bazouk, 300 Ägyptische Infanteristen und 32 Artilleristen. Nun konnte auch die Ägyptische Garnison einige Ausfälle wagen und versuchen Osman Digna zu stellen und gefangen zu nehmen. Mit 200 Soldaten und 2 Geschützen, unterstützt von Sheik Mahmud Ali Bey und seinen Beja, marschierte Twafik am 10. September ins Umland, um das Versteckt des Osman Digna aufzuspüren. In Reaktion darauf schickte Osman seinen Neffen Muhammad Musa Digna mit einer kleinen Streitmacht aus, um sich den Truppen um Twafik entgegen zu werfen. Am Abend des 17. September ließ Twafik ein Zariba in der Nähe von Ghabbat anlegen, wo er in der Nacht von Muhammad und seinen Männern umzingelt wurde. Am nächsten Morgen griffen die feindlichen Beja an. Sie schafften es jedoch nicht den Zariba zu durchbrechen und mussten sich unter großen Verlusten zurückziehen. Auch Muhammad wurde bei diesem Angriff verwundet. Twafik konnte die Gunst der Stunde jedoch nicht nutzen und der fliehende Feind entkam. Es blieb ihn nichts weiter übrig, als wider mit seinen Truppen auf Sinkat zurück zu fallen. Die Aufständischen Beja kontrollierten also auch weiterhin das gesamte Umland.

Sinkat wurde nun stark befestigt. Ein Graben, der die Baracken vollständig umgab, wurde angelegt. Zusätzlich gab es einen Erdwall und aufgeschichtete Sandsäcke. In jeder Ecke der Befestigung brachte man außerdem ein Geschütz in Stellung. Schließlich befahl Twafik Bey, dass um den gesamten Komplex eine dornige Zariba aufgeschichtet werden sollte. Die Ausfälle und die anfänglichen Misserfolge sorgten dafür, dass die feindlichen Beja sich zunächst ruhig verhielten. Ende September besuchte der neue General-Gouverneur des Ostsudan, Farik Sulaiman Pasha Niyazi die Garnison. Er befahl, alle offensiven Maßnahmen einzustellen und sich ausschließlich auf die Verteidigung Sinkats zu konzentrieren. Er hoffte, dass die verbündeten Stämme Osman aufspüren und gefangen nehmen würden. Nachdem Sulaiman wieder nach Suakin zurückgekehrt war, befahl Osman seinem Heerführer Ali Tallab ibn Muhammad, den Ort erneut zu belagern. Sulaiman ließ daraufhin 150 Gendarmen unter der Führung des Bimbashi Muhammad Effendi Khalil nach Sinkat marschieren. Am 16. Oktober 1883 wurden die Gendarmen und Khalil von 200 Kriegern der Gar’ib, geführt von Ali Tallab, im Khor Abint überrascht und niedergemacht. Nur wenige Männer konnten entkommen und die Beja erbeuteten 150 Gewehre und 30.000 Schuss Munition. Der erste große Erfolg der Aufständischen.

Trotz dieses Misserfolges und einem weiteren Desaster in der Nähe von El Teb, bei dem dreiviertel der Garnison Suakins bei einem Befreiungsversuch Tokars, einer anderen wichtigen Garnison, die auf der Route zwischen Küste und dem Fluss Atbara liegt, vernichtet wurden, beschloss der unfähige Sulaiman Pasha Nyazi erneut zu handeln. Der Gouverneur erhielt die Nachricht, dass Baker Pasha mit Truppen auf dem Weg nach Suakin war und hier den Oberbefehl übernehmen sollte. Um sein Gesicht zu waren und die zurückliegenden Niederlagen vergessen zu machen, befahl er eine weitere Truppe als Verstärkung nach Sinkat marschieren zu lassen. Er wollte und musste endlich einen Erfolg verbuchen können. Am Morgen des 1. Dezember 1883 wurde unter dem Kommando von Kassim Bey ein gerade aus Massowa eingetroffenes sudanesisches Bataillon von 13 Offiziere und 500 Mann, zusammen mit weiteren 100 Männer der altern Garnison, 200 unberittenen Bashi Bazouk, 30 berittenen Bashi Bazouk und einem Berggeschütz in Richtung Sinkat geschickt. Die Truppe traf zunächst nur auf vereinzelten Widerstand und es kam zu einigen Schusswechseln. Schließlich erreichten die Männer um Kassim Bey das Khor Ghob, ein weites Tal, durch welches das Regenwasser der Berge in Richtung Rotes Meer fließt. Als die Männer mittags in diesem Tal rasteten, wurden sie plötzlich aus allen Richtungen von schätzungsweise 3.000 Beja angegriffen. Sofort befahl Kassim Bey den Soldaten ein Karree zu bilden. Drei Seiten dieser Formation konnten den Angriff zunächst abwehren. Die Rückseite jedoch, die mit den unerfahrenen Ägyptern besetzt war, erwies sich als Schwachstelle und es gelang einigen Beja hier in die Formation einzudringen. Zu allem Überfluss ritten die Bashi Bazouk in wilder Panik durch die Reihen der standhaften Sudanesen, um den Schutz des Karrees zu erreichen. Durch das entstanden Durcheinander drangen nun weitere Beja ein, woraufhin die Bashi Bazouk durch die andere Seite des Karree wider hinaus stürmten und so zu einem völligen Chaos beitrugen. Kassim Bey versuchte verzweifelt die Formation wieder herzustellen, doch innerhalb der nächsten Augenblicke entstand ein wildes Handgemenge, in dessen Verlauf Kassim Bey und der größte Teil seiner Männer getötet wurden. Nur 2 Offizieren, 15 Kavalleristen und 18 Infanteristen, teils schwer verwundet, konnten entkommen. Dieses Gefecht fand übrigens ziemlich genau an der Stelle statt, an der wenige Wochen später die britischen Soldaten ihre Schlacht von Tamai ausfochten.

Sinkat war jetzt vollständig von der Außenwelt abgeschnitten und nur unter großen Gefahren konnten einige Nachrichten nach Suakin geschmuggelt werden. In diesen Briefen beschrieb Tawfiq Bey die aussichtlose Lage und die Entbehrungen in der eingeschlossenen Garnison. Die letzte Mitteilung, die der Gouverneur von Suakin aus der Feder von Tawfiq Bey erreichte lautete:

„Ich war gezwungen die Rationen der Soldaten auf das allernotwendigste zu reduzieren, gerade genug, um das Risiko des Hungertodes so gering wie möglich zu halten. Falls unsere Proviantreserven aufgebraucht sein sollten bevor Verstärkungen eintreffen, was Gott verhindern möge, werden wir einen gemeinsamen Ausbruch wagen, um Suakin zu erreichen. Wir bevorzugen den Tod vor der Kapitulation. Ich hätte leicht mein eignes Leben retten können, aber die militärische Ehre macht es mir zur Pflicht das Schicksal derjenigen zu teilen, die unter meinem Kommando stehen. Wir vertrauen auf Gott und erwarten seine Entscheidung- Leben oder Tod.“

Am 8. Februar 1884, nach 6 Monaten Belagerung und nachdem alle Tiere geschlachtet und verzehrt waren, ließ Tawfiq Bey die Geschütze vernageln und den Ort niederbrennen. Er gab Befehl Sinkat zu verlassen und sich nach Suakim durchzuschlagen. Doch schon nach wenigen Kilometern wurden die nunmehr 400 tapferen Verteidiger von Sinkat, die sich auch in Begleitung ihren Frauen und Kindern befanden, angegriffen und bis auf 6 Männer und 30 Frauen niedergemetzelt. Auch der heldenhafte Tawfiq Bey fand hier den Tod.

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