Die wilden Figuren-70er

Im Rahmen der TACTICA 2017 wird es einen Themenraum mit dem Titel „Wie alles begann – Die / Deine Anfänge des Wargamings“ geben. Dabei geht es in erster Linie um die Geschichte der Figuren und die Entwicklung des Wargamings. Wie der Titel schon sagt, wollen wir aber auch auf den persönlichen Anfang eines jeden zurückblicken. Das ist natürlich eine sehr individuelle Geschichte und wurde vermutlich vor allem dadurch beeinflusst, wo und wann man aufgewachsen ist. Meine Hobby-Geschichte beginnt in Hamburg, inmitten der wilden Jahre der Figuren-70er.

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Spielzeugwelten

Meine großartigsten Kindheitserlebnisse der 1970er Jahre waren immer die Besuche von Spielzeug-Rasch und dem Spielzeug-Paradies in der Hamburger Innenstadt. So ein Besuch hatte Event-Charakter, war also ein absoluter Höhepunkt und brannte sich tief in mein Figurengedächtnis ein. Natürlich gab es auch in meinem Stadtviertel Harburg Spielwarengeschäfte, wobei ich im Rückblick jedes dieser Geschäfte mit anderen Produkten in Verbindung bringe. In der Eißendorfer Straße gab es am Samstag mit meinem Opa immer einen Besuch in einem Laden, wo ich mir eine Airfix-Figurenpackung aussuchen konnte. In Harburg habe ich bei Stauffenbiel Timpo und Modellbausätze gekauft, bei Andersen wurden später Preiser Figuren erworben, bei Brinkmann gab es Wiking-Autos, beim kleinen Modellbauladen am Sand hatte ich die Multi-Pose Samurai von Tamiya entdeckt und in der damals neuen Passage am Lüneburger Tor bekam man die „neuen“ Atlantic Figuren. Und nicht nur die Spielwarengeschäfte verkaufen die begehrten Figuren, nein auch der Kiosk um die Ecke hatte ein recht gutes Sortiment.

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Doch zurück zu Spielzeug-Rasch in die Innenstadt von Hamburg. Der Laden auf zwei Etagen verkaufte nicht nur die tollsten Sachen, es gab auch immer große Ausstellungsbereiche oder Dinge zum Ausprobieren. Gleich am Eingang, der schon in den 70er aus einer automatischen Glasschiebetür bestand, begrüße mich ein 2 Meter großer Bär der Firma Steiff. Rechts neben dem Eingangsbereich war eine große Glasvitrine in der Wiking-Autos und Hansa-Schiffsmodelle aufgereiht waren. Das Erdgeschoss beherrschte eine für damalige Verhältnisse riesige Märklin-Modellbahnanlage. Die Teddys, Puppenhäuser und Holzspielzeugsachen waren zwar nett, aber für mich natürlich nicht von geringstem Interesse. Meine Priorität war schon damals klar definiert…FIGUREN. Soweit ich mich erinnere gab es in Grabbelkisten (oder waren es Schubladen in einem Schrank?) meine heißbegehrten Timpo Toys und Britains Figuren. Das war meine Welt 🙂 Im zweiten Stock angekommen, hörte man schon das Geräusch der Carrera Elektromotoren und das Rauschen der dort aufgebauten Rennstrecke. Die Carrera-Bahn führte um einen Deckendurchbruch herum, durch welchen man ins Erdgeschoss schauen konnte. Natürlich gab es hier auch Spielzeugautos (kann aber auch sein, dass die im Erdgeschoss standen), wie den Austin Martin von James Bond, mit drehbaren Nummernschildern, Maschinengewehren in den Scheinwerfern, Kugelfang für die Heckscheibe und natürlich den Schleudersitz. Ziemlich angesagt war gerade die Fernsehserie Mondbasis Alpha 1 und ich brauchte selbstverständlich das passende Raumschiff dazu. Und natürlich standen hier auch meine absoluten Favoriten, die Figuren und Modellbausätze von Airfix, Matchbox und Revell. Modelleisenbahn war damals nicht mein Ding. Ich glaube mich aber zu erinnern, dass der Verkauf und eine Art Werkstatt von Modellbahnen im hinteren Bereich des Obergeschosses untergebracht waren.

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Der andere große Laden in Hamburg war das Spielzeugparadies. Das Geschäft war enorm verwinkelt und führte über Treppen bis in den 3. oder 4. Stock. Auf halber Höhe an einer der Stufen standen hinter Glas ein großes Diorama mit Elastolin Figuren und einer Burg von Hausser, dazu Wild West Figuren. Hammer! Im obersten Stockwerk wurde sogar Zinnfiguren verkauft. Auch bemalte 54mm Exemplare und 30mm Flachfiguren. Für mich damals aber alles unerschwinglich. Der Laden war für mich deshalb auch eher was zum Gucken und aus diesem Grund nicht ganz so spannend.

Später wurde Spielzeugrasch durch Karstadt Spiel und Sport abgelöst. Hier gab es sogar für „meine“ Nürnberger Meisterzinn-Serien einen extra Raum in Form einer Burg, die man über eine Art Zugbrücke (glaube ich) betrat. In Raum stand außerdem ein Diorama mit Zinnfiguren. Die Zeiten dieser Spielzeug-Erlebniswelten sind längst vorbei. Das im Jahr 1896 gegründete Unternehmen Spielzeug-Rasch schloss Ende der 80er Jahre seine Pforten, das Spielzeug-Paradies machte nach 125 Jahren bestehen 2007 dicht und auch die Spielwarenabteilung von Karstadt Spiel & Sport gibt es leider nicht mehr. Einzig der Modellbauladen Stauffenbiel und natürlich die Hamburger Modellbaulegende Rettkowsky, heute geführt von Jonny Kliesch, haben überlebt.

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Hersteller

Natürlich musste ich schon damals für Figuren nicht unbedingt in einen Laden gehen, die Figuren und Gebäude gab es natürlich auch frei Haus zu Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag …und das reichlich! Den Anfang machten die günstigen und unverwüstlichen Cowboy und Indianer Figuren der Firma Jean Höfler aus Fürth. Dazu gab es das legendäre Fort Laramie. Die bekannte Ritterburg Arthurs Castle samt Figuren durfte ich allerdings nie mein eigenen nennen. Dafür lagen am nächsten Heiligabend die komplette Serie der Britain’s detail Ritter und Sarazenen sowie der Burg „Schaffhausen“ von Hausser und die Belagerungsgeräte von Elastolin unter dem Tannenbaum. Die Ritter und Belagerungsgeräte, allen voran der fantastische Belagerungsturm, waren toll. Mit der Burg bin ich allerdings nie richtig warm geworden. Die war für die Britain’s Figuren einfach viel zu klein und ohne Bespielbare Innenräume oder sonstige Gimmicks. Nachdem diese Truppen gewaltig durch Timpo Toys und Airfix verstärkt worden waren, ging es 1974 in eine andere Richtung, denn da lagen plötzlich die ersten Playmobil Figuren unter dem Weihnachtsbaum. Natürlich wieder Ritter und natürlich gleich die komplette Serie. 1977 wurde meine Playmobil-Ritter Sammlung dann deutlich erweitert. Es gab die Ritter-Söldner und jetzt auch Gebäude und eine Burg. Zwischenzeitlich wurden die Playmobil Sachen durch die Konkurrenz von Play Bic verstärkt. Meine all time favorites waren hier die Wikinger, die zunächst durch meine Lieblingszeitschrift YPS im Jahr 1978 geteasert wurden (YPS 154 / Der Wikinger-Häuptling, YPS 155 / Der Wikinger-Krieger mit dem Falken, YPS 156 / Das Belagerungs-Katapult der Wikinger, YPS 157 Das Streitroß der Wikinger). Mit den YPS Gimmicks gab es ab und zu auch passendes Gerät für die Figuren, wie das Katapult aus YPS Nr. 1, welches ich mir 1975 von meinem Taschengeld im Zeitschriftenladen in der Jägerstraße gekauft hatte. Schließlich entdeckte ich 1978 auch die extrem günstigen Atlantic Figuren. Ich glaube, die hat man für 2 Mark die Packung bekommen. Hier war natürlich die Antike-Serie mein absoluter Favorit. Ich bemalte sogar meine erste Plastikfigur, einen griechischen Hopliten. Der Grundstein war gelegt!

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Elastolin
Die tollen und extrem teuren Elastolin Figuren der deutsche Firma O. & M. Hausser will ich an dieser Stelle nur kurz erwähnen. Sie stammen nämlich vorwiegend aus den 1940er bis 1960er Jahren. Ich hatte nur eine einzige Figur, einen Indianer-Häuptling. Und bei dem waren schnell sämtliche Waffen und auch die Hälfte des Federschmucks abgebrochen. Später kamen noch ein paar 4cm Römer dazu und natürlich die bereits erwähnten Belagerungsgeräte. Die Figuren, vor allem die Serie Prinz Eisenherz und die Karl May habe ich mir aber immer wieder gern in den Geschäften und in Katalogen angeschaut.

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Jean Höfler / BIG
Die Firma Jean Höfler war ein deutscher Spielwarenhersteller mit Sitz in Fürth. Das 1923 errichtete Familienunternehmen produzierte zunächst Blechspielzeug, später Kunststoffspielzeug wie das Bobby-Car und die Play-Big-Figuren. Bekannt wurde die Firma in den 70er mit ihrer Western und vor allem der Ritter-Serie mit der Ritterburg Arthurs Castle und den Arthurs Knights. Die Einteiligen Weichplastikfiguren waren teilweise auch bemalt und gehörten zu den ersten Figuren, die ich besessen habe.

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Timpo Toys
Der technische Direktor des britischen Unternehmens Timpo Toys entwickelte in den 1960er Jahren ein Spritzgussverfahren, bei dem verschiedenfarbige Kunststoffe in einer Figur verarbeitet wurden. So waren die Figuren mehrfarbig und wirken praktisch wie bemalt. In den 70er wurden dann diese Timpo Figuren der Verkaufsschlager. Schwerpunkt waren die Themen Mittelalter und der Wilde Westen. Es gab aber auch kleine Serien wie Araber, Fremdenlegion, Figuren aus dem 2. Weltkrieg, Römer, Britische Garde und einer meiner Lieblingsserien, die Eskimos. Insgesamt wurden rund 40 Millionen Plastikfiguren hergestellt. Die sogenannten Steck-Figuren bestanden aus verschiedenen Teilen. So waren beispielsweise bei den Cowboys der Hut, Kopf, Halstuch, Oberkörper, Pistolenhalter, Waffen und der Standfluss separate Elemente, die dadurch auch unter den verschiedenen Figuren getauscht werden konnten. Natürlich gingen mit der Zeit viele Teile, vor allem die teilweise winzigen Waffen verloren. Vermutlich war dies ein Grund, warum die Firma 1980 Konkurs anmelden musste 😉 Timpo hatte aber auch 1/32 Figuren im Programm, die sogenannten Timpo Action Packs, welche Airfix Konkurrenz machten. Meine ersten Sets waren die preußische Infanterie und französische Garde der Napoleonischen Kriege. Die Preußen hielt ich übrigens damals immer für Franzosen (wegen des Tschakos) und die Franzosen für britische Garde (wegen der Bärenfellmütze).

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Britains Detaail
Die Britains Deetail Figuren der britischen Firma W. Britain waren deutlich teuer als die Timpo Männchen. Das lag zum einen an der Bemalung der Figuren und zum anderen an dem charakteristischen Metallstandfuß. Dieser Metallfuß sollte übrigens ein umkippen der Figur verhindern. Die Britains waren außerdem lebensecht modelliert und erinnerten stark an die 1/32 Airfix Figuren. Sie bestanden jedoch aus einem anderen Material, dass auch geklebt werden konnte. So konnten auch komplizierte Figuren und Posen aus mehreren Teilen hergestellt werden. Es gab sogar einige Figuren mit einem beweglichen Arm. Die Epochen, die von Britains herstellt wurden, waren mehr oder weniger mit denen von Timpo identisch. Es gab natürlich wieder eine Wild West und eine Mittelalter-Serie. Der 2. Weltkrieg durfte nicht fehlen, aber auch Araber und die Fremdenlegion waren wieder dabei. Ungewöhnlich fand ich die Serie der Napoleonischen Kriege, mit wirklich großartigen Figuren, wie dem französischen reitenden Jäger der Garde.

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Airfix
Zu Airfix und seinen Figuren brauche ich wohl kaum etwas schreiben. Die kennt eigentlich jeder. Bekannt sind vor allem die „kleinen Soldaten“, also die 1/72 Figuren dieser legendären britischen Firma. Neben den Figuren sind mir vor allem die großartigen Gebäude in Erinnerung, wie die Waterloo-Farm, das Fort Sahara und das römische Fort. Vor allem die Serie des 2. Weltkrieges und die der Napoleonischen Kriege sind der Kassenschlager gewesen. Erste Sets waren übrigens die British Guards im Jahr 1960. Es gab aber auch ungewöhnliche Sets, wie die Astronauten. Klasse war natürlich, dass der Hersteller auch noch passsende Modellbausätze, wie Flugzeuge, Panzer und Schiffe lieferte.

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Playmobil
Ein völlig anderes Konzept waren die Playmobil Figuren. Das Ganze hatte nicht nur einen deutlich größeren Maßstab, es wurde auch kindgerechter. Die Figuren stark vereinfacht, kamen immer freundlich lächelnd daher und die wirklich düsteren Themen, wie der 2. Weltkrieg wurden ausgespart. Man setzte jedoch zunächst auch auf die klassischen Themen, also Ritter, Cowboys und Indianer. Später waren aber auch Alltagsthemen, wie Bauarbeiter, Polizei, Feuerwehr und Krankenhaus angesagt. Das große Plus diese Figuren war das extrem robuste Anziehpuppen-System. Die Grundfigur konnte mit wechseln Waffen und Kleidungsstücken ausgerüstet werden und sogar Reittiere besteigen. Das schaffte natürlich neue Möglichkeiten in den Kinderzimmer-Gefechts-Szenarien.

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Play Big
Ganz kurz möchte ich noch die Play Bic Figuren erwähnen. Play Bic war ein Systemspielzeug der Big Spielwarenfabrik. Das Ganze war ein damals noch ein harter Konkurrent für Playmobil. Die Figuren waren zwar etwas unförmig und größer, es konnten aber die Beine und Füße separat bewegt werden. Punkten konnten Play-Bic Figurenreihe vor allem durch das detailreiche und umfangreiche Zubehör der Figuren. Außerdem hatte Play Big auch modernes Militär (Bundeswehr), Waffen und Fahrzeuge im Programm. Irgendwie waren die Themen auch einfallsreicher als beim Konkurrenten, wie die Olympia-Mannschaften und die Taucher. Unerreicht waren und sind für mich die Wikinger, die bei Playmobil erst viel später ins Programm gehievt wurden. Meine Lieblingsfigur war der Wikinger mit dem abgerichteten Falken auf dem Arm.

Epochen

Wie man und auch ich jetzt feststelle, lag mein Fokus auf den klassischen, historischen Themen und das war kein Zufall. Wie auch heute, wurde in den 70er nicht durch Spielzeugwerbung zum Kauf animiert, sondern durch die Einflüsse von Büchern, Comics und vor allem durch die Filme und Serien im Fernsehen, durch die man praktisch zum Kauf gezwungen wurde (zumindest aus meiner damaligen Sichtweise). Science Fiction und Fantasy gab es zwar schon, doch das stecke, wie auch ich, noch in den Kinderschuhen. Somit waren es Action und Abenteuer mit „historischem“ Hintergrund, mit denen die Kinder der 70er aufwuchsen. Zusätzlich wurde das Ganze durch eine Bildungsinitiative der Medien unterstützt, wie zum Beispiel der Comic-Fernsehserie „Es war einmal der Mensch“ von 1978. In dieser Serie wurde uns in unterhaltsamer und leicht verständlicher Art und Weise die Entwicklung und die Geschichte der Menschheit näher gebracht. Running-Gag waren die immer gleichen „Hauptdarsteller“, die in jedem Zeitalter in eine andere Rolle schlüpften.

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Der Wilde Westen
Indianer und Cowboys waren in den 70er selbstverständlich allgegenwärtig. Es war die Zeit, in der all die tausend Wild West-Kinofilme und Serien als Wiederholung im Fernsehen liefen. Legendär war „Western von gestern“ im Jahr 1978, meine absolute Lieblingsserie, in der Zorro und Fuzzy Jones den Bösewichten zeigten wo der Hammer hängt. Eine weitere „meiner“ Western-Serien der 70er war „Rauchende Colts“ in der Hilfssheriffs Festus Haggen durch die Straßen von Dodge City patrouillierte. Von dieser Serie wurden übrigens unglaubliche 635 Folgen in 20 Staffeln gedreht! Und natürlich gab es zu dieser Zeit die Helden der damaligen deutschen Nation, die Blutsbrüder Winnetou und Old Shatterhand. Das Indianerehrenwort war schon lange mehr wert als ein Schur auf die Bibel und auch in der Mode hatte die Fransenweste ihren Einzug gehalten. Die von mir bevorzugten Wild-West Comics waren damals „Lucky Luke“ und „Leutnant Blueberry“. Dementsprechend waren die Figurenregale der Geschäfte prall gefüllt und die Auswahl, auch an Gebäuden und Zubehör, waren riesig. Meine Favoriten waren die Figuren von Britain’s detail und auch die 1/32 Airfix Figuren. Noch heute beide die vielleicht schönsten Figurenserien. Leider gab es bei Airfix wirklich nur eine sehr kleine Serie. Die 1/72 Airfix Indianer und Fort hatte ich natürlich ebenfalls im Regal. Die fand ich aber immer ziemlich öde und erst mit der Far West Serie von Atlantic wurde mein Wilder Westen auch mit 1/72 Figuren bevölkert.

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Das alte Rom
Das Thema Römer hatte seltsamerweise schon immer eine starke Bedeutung für mich. Obwohl ich mein Wissen zunächst nur aus meinem WAS-IST-WAS Band Nr. 55 bezog, war ich von den Legionären und ihrer Heeresstruktur total fasziniert. Weiteres gefährliches Halbwissen erhielt ich natürlich durch Asterix und Obelix bzw. durch Claudius Speculatius, der der 1. Legion, 3. Kohorte, 1. Zenturie des 2. Manipels angehörte. …warum es kein Alesia gab, erschloss sich mir jedoch erst Jahre später. Die alte Monumental-Filme der 50er und 60er habe ich natürlich ebenfalls verschlungen und sogar mit meinen Eltern Ben Hur im berühmten Hamburger Streits Kino auf Großbild-Leinwand gesehen (natürlich nicht die Premiere von 1959!). Das Wagenrennen hat natürlich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ein Nachbarsjunge besaß außerdem einen Super-8 Projektor mit Tonspur. Da habe ich zum ersten Mal „Der Untergang des Römischen Reiches“ (in stark verkürzter Fassung) gesehen. Vor den Videokassetten gab es nämlich schon Super-8 Spielfilme, die man kaufen und auf sein Bettlacken zu Hause projizieren konnte. Die Antike lernte ich übrigens schon recht früh durch das Buch „Die Sagen der Römer und Griechen“ kennen, dass mir von meinen Eltern schon mit 5 Jahren vorgelesen wurde. Wir hatten damals halt noch kein „richtiges“ Fantasy.

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Ritter + Römer = Wikinger?
Das alte Rom und das Mittelalter waren für mich damals übrigens nicht strikt getrennt. Und ich war da nicht der einzige, der so dachte! Wikinger gehörten seit Prinz Eisenherz sowieso zum Mittelalter und da bei „Asterix bei den Normannen“ der Brückenschlag in die Antike vollzogen wurde, sah ich mich in meiner Ansicht bestätigt. Ich war übrigens immer felsenfest davon überzeugt, dass die Britannier von Airfix Wikinger waren. Die Jungs hatten Hörnerhelme! Was sollten die denn sonst darstellen? Das haben vermutlich auch die Verantwortlichen bei Revell gedacht und ihre 1/72 Gallier mit ein paar „Wikingern“ von Elastolin-Kopien garniert. Auch bei Wickie und die starken Männer, der damals brandneuen TV-Serie von 1974 und natürlich der Comic-Reihe Hägar der Schreckliche von 1973 ging es in den Epochen bunt durcheinander. Ein Meilenstein meiner Wikinger-Begeisterung war übrigens das Buch „Tausend Schiffe trieb der Wind“ von Barbara Bartos-Höppner, welches ich zum meinem achten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Im Bayern- und Österreich-Urlaub ging es dann in Sachen Burgenkunde ins Eingemachte. Es wurde praktisch jede erreichbare Festung besucht und bis in den hintersten Winkel erkundet.

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Napoleonische Kriege
Das Thema Napoleonischere Kriege wurde mir unglaublicher Weise durch eine Hörspiel-Schallplatte nähergebracht. Bei EUROPA, dem größten Produzenten von Hörspielen, waren damals übrigens nicht nur Kinderbücher, sondern vor allem die klassischen Romane der Renner. Ob nun Meuterei auf der Bounty, 20000 Meilen unter dem Meer, Sindbad der Seefahrer, Moby Dick, , Kapitän Hornblower, Siegfried Die Nibelungensage, Robin Hood, Die Schatzinsel, Das Gespensterschiff (fand ich extrem unheimlich!), Die drei Musketiere, Klaus Störtebeker, Krieg im All, und natürlich Winnetou & Co, ich hatte sie alle. Die passenden Napoleonischen Figuren gab es von Airfix, Timpo und Britains. Nur seltsamerweise keinen Napoleon :-(. Generäle oder gar Persönlichkeiten waren damals eh Mangelware. Das höchste der Gefühle war mal ein Offizier.

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Dies und das
Durch das erste Buch, dass ich je in meinem Leben selbst und komplett (und mehrfach!) gelesen hatte, nämlich „Umi wird Jäger“ im Jahr 1974, war und bin ich ein echter Fan der Eskimos oder besser gesagt der Inuit, wie ich die Bewohner in der Arktis korrekt genannt werden. Glücklicherweise dachten auch die Figurenentwickler von Timpo an mich und brachten eine wirklich großartige Serie mit Eskimos, Kajak und Hundeschlitten auf den Markt. Durch die „Zinnfiguren“ in den Kinder-Überraschungseiern lernte ich außerdem, dass die Samurai auch ziemlich cool waren und durch diese Figurenserie wanderten nun endlich auch die 3 Musketiere in meine Figurensammlung.

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2. Weltkrieg
Obwohl zum Thema 2. Weltkrieg fast jeder namhafte Hersteller eine Figurenserie auf den Markt brachte, und ich diesen natürlich ebenfalls in meinem Besitz hatte, war das Thema für mich in den 70er noch ziemlich uninteressant. Es gab halt weder Filme, noch Comics, Hörspiele oder Bücher, die mich als Kind erreichten. Das kam erst in den 80er Jahren.

Science Fiction und Fantasy
Das Thema Science Fiction und Fantasy war in den 70er noch nicht so richtig entdeckt. Ein echtes Juwel war die 6-teilige Hörspiel-Serie Commander Perkins, die von 1974 bis 1978 bei Europa erschien. Mein erste Buch in dieser Richtung war „Der Fürst von Morgen“, da muss so um 1977 gewesen sein. Dann gab es natürlich die Fernsehserie „Time Tunnel“ (bei der es aber auch nur wieder um Geschichte ging) und selbstverständlich „Raumschiff Enterprise“. Im Jahr 1975 kam dann „Mondbasis Alpha 1“ ins deutsche Fernsehen. In Sachen Fantasy war es zu dieser Zeit noch sehr mau. Figuren gab es auch kaum, meist nur welche, die wie langweilige Astronauten aussahen und das war es schon. Dann folgte jedoch ein Ereignis ungeheurer Tragweite… Krieg der Sterne kam 1978 in die deutschen Kinos!!! Im nächsten Jahr folgte die Comic-Verfilmung von „Der Herr der Ringe“. Damit endete dann erst einmal die legendäre Zeit der wilden Figurenjahre für mich und die fantastischen Welt des Science Fiction und des Fanatsy Genres waren entdeckt. Doch das ist eine andere Geschichte…

6 Kommentare zu “Die wilden Figuren-70er”

  1. Lustig, wir hatten den gleichen Dealer in unserer Kindheit. Rasch war schon ein kleiner Urlaub als Kind. War immer die Belohnung nach langen Einkäufen für Kleidung und Schuhe in der Stadt. Leider gibt es heute kaum noch solche Oasen für Kinder.

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  2. Hallo und Gruß aus dem Neandertal.
    Meine Kindheitserinnerungen und der Start ins Hobby gehen zwar nicht bis in die Steinzeit zurück, aber immerhin bis in die 60er Jahre. Und zwar genau bis in den März 1967 als ich zu eben diesem Anlass auf eigenen Wunsch das Spiel „Römer gegen Karthager“ geschenkt bekam. Damals konnte ich meinen Vetter auch dafür begeistern und unsere Sammlungen in 40mm wuchsen unabhängig voneinander stetig an, ergänzt um Figuren aus den Afrika-Wundertüten (Landesmeister im Erfühlen der Inhalte) und von Merten. Bei Merten in Berlin habe ich sogar mal die Produktion besichtigt. Rund 10 Jahre lang wurden Regeln erweitert, neue Spielbretter gebastelt und Rohlinge bemalt, bis wir die 25mm Minis und die ganze Wargames-Szene in England kennen und schätzen lernten. Dann wurde es ganz schnell international mit eigenen Conventions und Kontakten besonders nach Holland und Belgien aber auch England, Frankreich und in die USA. Natürlich spielten in der Frühzeit auch Airfix- und Britain-Minis eine Rolle und auch Ausflüge in die Rollen- und Brettspielszene konnten nicht ausbleiben. Seit Jahren (bzw. Jahrzehnten) gibt es bei meinem Vetter in Wuppertal und bei mir in Erkrath regelmäßig Treffen und wir beide tauschen uns auch untereinander rege aus. Mein eigentlicher Schwerpunkt hat sich aber wieder auf die Historie rückverlagert mit Besuchen von Museen, Ausstellungen, Schlachtfeldern und Festungen, sowohl im In- und Ausland als auch bei uns in heimischen Gefilden (Rheinland und Bergisches Land). Den Grundstein dafür hat bereits mein (damals noch) Volksschullehrer gelegt, imdem er unsere Klasse quer durch Köln die ganze römische und mittelalterliche Geschichte vor Ort erklärte. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar!

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  3. Zu flott getippt:
    „eben dieser Anlass“ war meine Konfirmation (einzugegeben etwas merkwürdiger Start für so ein Hobby).

    PS: Freut mich, dass Ihr diese Thematik überhaupt mal aufgeriffen habt. Falls ich zur Ausstellung etwas beitragen kann (Anschauungsobjekte, Texte …) braucht Ihr mich nur anzusprechen, ich bin ja eh zusammen mit unserem Team (THS) dabei.

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  4. Hallo Kalle, danke für deinwn großartigen und spannenden Bericht. Wir würden uns natürlich riesig freuen, wenn du ein paar Ausstellungsstücke beisteuern könntest. Ich schreibe dich noch einmal per Mail an.
    Beste Grüße
    Frank

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  5. Ich heiße Andreas und sitze am 26.5.17 wartend beim Friseur in Garbsen und lese gerade die schönen Kindheitserinnerungen wo ich mich auch genau einreihen kann. Dazu kommt bei mir noch die ehemalige DDR die ich als Westbesucher mit meinen Eltern erleben durfte und mit den Ostspielzeug. Lisanto Figuren und anderes Spielzeug/Spiele welches auch im Ostpaket auch zu Weihnachten war. Danke für alles.

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