Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Dorfleben um 1800 / Teil 1

Da die Dörfer südlich von Hamburg und Harburg während der Belagerung der beiden Städte in den Jahren 1813 / 1814 eine gewisse Rolle spielten, aber vor allem, weil diese Region meine Heimat ist, will ich diese Gegend ein wenig näher beleuchten.

Geest und Marsch 05

Das Gebiet über das ich hier spreche war grob gesagt früher das Amt Harburg sowie Teile der angrenzenden Ämter Winsen und Moisburg sowie Wilhelmsburg. Heute umfasst das Gebiet im Wesentlichen den nördlichen Teil des Landkreises Harburg. Die Region gehörte einst zum Fürstentum Lüneburg. Durch welfische Erbteilungen kam es 1705 an das Kurfürstentum Hannover. In den Jahren 1803 bis 1805 rückten erst Franzosen, 1806 dann Preußen sowie im selben Jahr wieder die Franzosen als Besatzer ins Land. Ab dem 1. März 1810 gehörte das Gebiet zum Königreich Westfalen, welches erst 1807 gegründet worden war und von Jérôme Bonaparte, dem jüngsten Bruder Napoleon regiert wurde. Schon im Jahr darauf gab es eine erneute Änderung. Ab dem 1. Januar 1811 war man nun Teil des neu geschaffenen, französischen Departements der Elbmündung, gehörte also offiziell zu Frankreich. Im Jahr 1814, nach der Kapitulation Frankreichs, fiel das Gebiet dann wieder zurück an das Königreich Hannover.

Das Amt Harburg gliederte sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in die sechs Marschvogteien Finkenwerder, Altenwerder, Lauenbruch, Kirchwerder, Over und Neuland sowie die vier Geestvogteien Höpen, Hittffeld, Jesteburg und Tostedt. Insgesamt umfasste das Amt damit sieben Elbinseln, eine Stadt (Harburg), 90 Dörfer und 12 eigenständige Höfe (insgesamt 1913 Höfe).

Nördlich davon, im Stormspaltungsgebiet der Elbe, lagen die Elbinseln des Amtes Wilhelmsburg mit den Vogteien Neuhof, Reiherstieg, Georgswerder und Stillhorn.

Das Amt Winsen unterteilte sich in die Stadt Winsen, die Amtsvogteien Marsch und Neuland sowie die Vogteien Amelinghausen, Bardowick , Garlsdorf, Pattensen und Ramelsloh. Das Amt Winsen umfasste 131 Dörfer mit 18 Kirchen, 1667 Höfen (615 Vollhöfe, 218 Halbhöfe / Großkötner, 557 Kleinkötner und 277 Brinksitzer).

Das Amt Mosiburg war der kleinste Verwaltungsbezirk, er gliederte sich im 18. Jahrhundert in die Vogteien Moisburg, die Vogtei Hollenstedt und die Vogtei Elstorf. Insgesamt gab es nur 292 Höfen (70 Vollhöfe, 87 Halbhöfe /Großkötner, 81 Kleinkötner, 54 Brinksitzer).

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Geest (weiß) und Marsch (grün) im Raum Hamburg-Harburg

Die südliche Grenze dieser Region bildet die Lüneburger Heide mit ihren kargen und damals nahezu menschenleeren Flächen, im Norden lag die Elbe mit der kleinen Stadt und Festung Harburg, sowie das Stromspaltungsgebiet der Elbe mit seinen zahlreichen Inseln, im Westen grenzte die Region an den heutigen Landkreis Stade und im Osten an den Landkreis Lüneburg. Drei Flüsse, die Este, die Seeve und die Luhe durchziehen die Landschaft von Süden nach Norden, wo sie schließlich in die Elbe münden. Die gesamte Region teilt sich in die flachen und fruchtbaren Marsch- und Moorlande (der Name Marsch stammt aus dem niederdeutschen Wort für Weideland, und dem englischen „marsh“ für Morast, Sumpf) entlang der Elbe und die hügelige, wenig ertragreiche Heide und Geest (leitet sich von dem friesischen Wort „güst“ ab, was so viel bedeutet wie unfruchtbar und karg) gleich südlich davon. Bedingt durch diese zwei Landschaftsformen haben sich auch unterschiedliche Dorftypen in dieser Region gebildet. In den kleinen Talauen der Geest findet man die ungeordneten Haufendörfer, an den geraden Straßen, Gräben und Deichen der Marsch entstanden sogenannte Reihendörfer bzw. Marschhufendörfer. Größere Ortschaften waren Buxtehude in der westlichen Marsch und Winsen in der östlichen Marsch. Die gesamte Geest war zu dieser Zeit ausschließlich mit kleinen Dörfern durchsetzt, größere Ortschaften suchte man vergeblich. Von Harburg aus führten Poststraßen nach Stade, Bremen, Celle und Lüneburg. Eine neuere Poststraße hatte ihren Anfang an der Fährstelle von Hoopte und führte durch die Marsch bis nach Lüneburg. Die Elbe überquerte man mit Fähren zwischen Hoopte und Zollenspieker, zwischen Neuland und Blankenese oder auf den Fährkähnen, die zwischen Harburg und Hamburg pendelten. Dank der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1767 bis 1784 kann man sich ein sehr detailliertes Bild von der Landschaft und den Dorfgrößen dieser Zeit machen. Offiziere des Hannoverschen Ingenieurskorps hatten im Rahmen dieser Landesaufnahme insgesamt 172 einzelne Karteblätter im Maßstab 1:20.000 vermessen und kartiert.

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Das Geestdorf

Wie alt die Dörfer der Geest und Heide sind, ist nicht genau zu bestimmen. Das erste namentlich erwähnte Dorf (Hollenstedt) taucht im 9. Jahrhundert in Schriften auf. Zu diesem Zeitpunkt ist es aber schon erheblich älter. Vermutlich sind viele der Dörfer schon Gründungen der Langobarden, wenn auch nicht unbedingt am exakt gleichen Standort.

Fleestedt 12

Die Haufendörfer Fleestedt, Glüsingen und Emmelndorf

Ein durchschnittliches Dorf in der Geest umfassten um das Jahr 1800 meist 15 bis 25 einzelne Höfe und Katen, hinzu kam manchmal eine kleine Schule oder seltener eine Kirche. Einige Höfe betrieben außerdem Nebengewerbe, wie einen Krug, also eine Gaststätte oder einen kleinen Laden, den Höcker. Die meisten Dörfer lagen an den Geesträndern der Talauen, in denen auch immer ein Wasserlauf oder zumindest Grundwasser in geringer Tiefe zu finden war. Außerdem bot dieser Standort eine bequeme Lage zwischen den Großviehweideflächen, dem Ackerland und dem weitläufigen Trockengebiet der Schafweiden. Reine Höhensiedlungen, wie Klecken und Raven bildeten also die Ausnahme. Neben den Dörfern gab es sogenannte Vorwerke, die direkt zum Amt gehörten und von diesem betrieben und verwaltet wurden. Dazu zählten Mühlen, Schafställe und Amtshäuser, die einem Dorf vorgelagert waren. Am Dorfrand findet man außerdem Siedlungen, an die noch heute der Straßenname „Holzhäuser“ (so beispielsweise in Rönneburg und Meckelfeld) erinnern. Bei diesen Siedlungen handelte es sich um kleine Häuser, die von Söhnen und Schwiegersöhnen der Bauer am Dorfrand auf Gemeinbesitz, also im „Holz“ von Wald- und Heideflächen errichtet wurden.

Hallenhaus 204

Undeloh mit seinem umzäunten Höfen

Bis zu den Agrarreformen im 19. Jahrhundert waren die Dörfer in drei Elemente untergliedert. Das waren die Siedlung (Gemeinheit), die Feldmark (Anger) und die genossenschaftliche Flächen (Mark). Die Siedlung des Dorfes wurde aus den Höfen, Häusern und Plätzen gebildet. Ein Dorf unterteilte sich im 18. Jahrhundert in Höfe von ganz unterschiedlicher Größe und bildete so auch ein Art soziales Kastensystem. Im Zentrum des Dorfes standen meist die Gebäude der Vollhöfner, das waren die Familien, die bei Landnahme die ersten Siedler gestellt hatten. Weiter am Dorfrand fand man die Halbhöfner und Großkötner. Dies waren Familien, die durch Erbteilung von Vollhöfen neue Häuser bauen mussten. Der Name Kötner leitet sich vom Wort Köte ab, also einer Kate, die im Verhältnis zum Hallenhaus des Vollhofes als kleineres Gebäude galt. Der Kötner hielt ab dem 16. Jahrundert Einzug in die Dörfer, es waren neue Siedler, die zunächst in den kleineren Katen (Köte) der Vollhöfer untergebracht waren. Die Kötner müssten in den Anfangszeiten für die Nutzung des Bodens zahlen und Tagelohn zur Verfügung stellen. Ende des 17. Jahrhunderts gab es schon zwei verschiedene Kötnergruppen. Die Großkötner, teilweise auch Brinkkötner genannt, hatten durch Erbteilung und den dadurch möglichen Landzukauf eine größere Wirtschaftsfläche erlangt. Die Kleinkötner sind die Gruppe, welche ihre Wirtschaftsfläche nicht vergrößern konnten. Die nächste Stufe bildeten die Brinksitzer (als Brink wird der Dorfrand bezeichnet), die nur über ein kleines Grundstück beim Haus und einen Anteil an der Gemeinheit verfügten, also oft kein Alleinrecht auf Ackerflächen hatten. Bei dieser Art von Höfen handelte es sich um neu zugezogene Siedler. Die Kleinkötner und Brinksitzer konnten in den seltensten Fällen allein von der Landwirtschaft leben. So wurde meist ein Nebengewerbe, wie das eines Tagelöhners, Handwerkers oder Gastwirts betrieben. Die kleinsten Gebäude im Dorf hatten die Häuslinge. Diese besitzlosen Dorfbewohner lebten oft in Nebengebäuden der Höfe oder in Hütten, ernährten sich durch Lohnarbeit, durften ihr Vieh aber auf der Gemeinheit weiden lassen. Auf der untersten Sprosse in diesem Sozialgefüge standen die Mägde und Knechte, die über kein eigenes Haus verfügten, sondern in einer zugewiesenen Kammer auf einem der Höfe wohnten. Bei diesen Mägde und Knechte handelte es sich aber oft um Mitglieder der Großfamilie.

Im Jahr 1810 gab es beispielsweise in Fleestedt 7 Vollhöfnern, 1 Halbhöfner, 5 Größkötnern und 4 Kleinkötner bzw. Häuslinge mit insgesamt 184 Einwohnern. Im selben Jahr wurde das Dorf Rönneburg von 205 Personen, davon 75 Kindern unter 14 Jahren, bewohnt, die sich auf 25 Höfe und Koten sowie 8 Häuslinge verteilten. Auf den Vollhöfen arbeiteten in Rönneburg 10 Knechte und 9 Mägde. Im Ort gab es außerdem einen Schneider, vier Schuhflicker, einen Gastwirt, einen Schäfer und zwei Kuhhirten. Ebenfalls im Jahr 1810 hatte Emmelndorf 98, Metzendorf 38 und Woxtorf 22 Einwohner. Im gesamte Canton Hittfeld (District Harburg / Departements der Elbmündung) lebten im Jahr 1810 insgesamt 5.256 Menschen. Übrigens war der größte Teil der Landbevölkerung der damaligen Zeit nicht verheiratet, denn wer heiraten wollte, der brauchte Geld, ein eigenes Haus und die Erlaubnis des Bauern. Statt eines Bürgermeisters, wie in den Städten üblich, stand einem Dorf ein gewählter Bauermeister vor, der entweder gewählt oder einfach reihum im Jahreswechsel benannt wurde. Während der Zeit als die Gegend zu Frankreich gehörte, nahm diese Stellung ein Maire ein, der meist für mehrere Dörfer gleichzeitig zuständig war. Es gab außerdem eine jährliche Versammlung, dass sogenannte Holting (Holzgericht), wo Nutzungsrechte und Streitfälle besprochen wurden.

Landwirtschaft

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Bauer nicht Besitzer ihres Ackerlandes, sondern der Landesherr, der Adel oder sogar die Kirche. Die Bauer mussten für das Recht der Bewirtschaftung Abgaben in Form von Naturalien, Geld und Dienstleistungen entrichten (der Zehnte). Dieses Nutzungsrecht konnte jedoch auch an die Nachkommen weitergegeben werden, war also erblich. Auch in anderen Fragen des Lebens waren die Bauern stark von ihren Lehnsherren abhängig. Beispielsweise musste bei Heirat die schriftliche Erlaubnis eingeholt werden. Die Ackerflächen rund um die Dörfer waren in viele kleine, schmale Parzellen aufgeteilt, die teilweise auch als Gemeinbesitz bewirtschaftet wurden. Feldwege zwischen den Ackerflächen und Viehweiden, wie wir sie heute kennen, waren noch unbekannt. Zur Gemeinheit, Allmende (von Allgemeinheit) genannt, zählten umliegende Wiesen und Waldstücke, die zur Mast von Vieh und zur Holzgewinnung (alles natürlich streng geregelt) dienten, sowie Moore in denen Torf gestochen werden durfte.

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Torfsoden-Vorrat, als Brennmaterial für den Herd

Das Vieh, welches oft nur zur Eigenversorgung diente, wurde zumeist gemeinschaftlich von Hütejungen und Schweinhirten auf Wiesen und in Wäldern getrieben. Die Flächen dafür wurden dem Dorf mit der Hüte- und Weideberechtigung (Hude und Drifte) zugewiesen. Neben 5 bis 10 Kühen gehörten durchschnittlich 15 Schafe und ein Dutzend Hühner zu jedem Vollhof. Meinst wurde darüber hinaus nur ein Mastschwein (Dehlzucht, bezeichnet die Menge an Schweinen, die ein Bauer auf der eignen Hof-Diele großziehen kann) für die Hausschlachtung gehalten. Ganze zwei Arbeitspferde stemmten damals die heutige Leistung eines Traktors auf dem Feld und dienten außerdem als Gespann für die Kutsche, den Erntewagen sowie zum Transport von Holz.

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Prägend für die Geest und vor allem für die Heide sind und waren die trockenen und sandigen, nährstoffarmen Podsolböden, die sich überwiegend aus Schmelzwassersanden entwickelt haben. In der Zeit um 1800 war noch die Dreifelderwirtschaft üblich, bei der die gesamte Anbaufläche in drei Teile geteilt wurde. Jeder dieser Teile lag ein Jahr brach, das heißt er wurde nicht bearbeitet und sein natürlicher Wuchs als Weide genutzt. Der restliche Boden wurde im Wechseln für den Anbau von Getreide, in der Geest meist Roggen, Hafer sowie Buchweizen und ab dem 18. Jahrhundert für den Anbau von Kartoffeln genutzt. Diese Fruchtfolge sollte die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig erneuern und erhalten. Kunstdünger gab zu dieser Zeit natürlich noch nicht, stattdessen diente in der Geest der Plaggenhieb als Düngemittel. Dabei wurden Heide- und Grassoden ausgestochen (Plaggen) und im Stall als Einstreu genutzt. Anschließend wurden die mit tierischen Ausscheidungen angereicherten Einstreuböden auf den Feldern als Dünger eingesetzt.

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Bentheimer Schweine

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Heidschnucken

Als Bauernhof war man in erster Linie Selbstversorger, nahezu sämtliche Nahrung, Kleidung, Werkzeuge, Möbel und auch das Haus wurden aus eigenen Rohstoffen hergestellt. Geld spielte nur eine sehr untergeordnete Rolle und wurde hauptsächlich zum Erwerb von Metallwaren und amtlichen Belangen benötigt. Die Ernte und die Viehhaltung brachten kaum einen Überschuss, denn was nicht sofort verbraucht wurde, benötigte man als Wintervorrat. Aus diesen Gründen gab es auf jedem Hof auch einen Nebenerwerb. Zu einem der wichtigsten Nebeneinkünfte der Landbevölkerung der Geest zählte das sammeln von Bickbeeren (Blaubeeren bzw. Heidelbeeren). Jede Familie zog mit 3 bis 5 Personen in den Wald, wo jeder täglich etwa vier Kiepen Beeren sammelte. Für jede dieser Kiepen bekam man in Hamburg 9 bis 12 Pfennige, also 36 bis 40 Pfennige je Person und Tag oder 216 bis 240 Pfennige die Woche. Bei einer Erntezeit von 4 Wochen und durchschnittlich 3 Personen machte das einen Saisonverdienst von rund 10 Reichstalern.

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Zu weiteren Nebenerwerben zählte, vor allem in der Heide, die Haltung von Immen (Bienen) oder bei verkehrsgünstiger Lage auch das Frachtfahren. In den Dorfteichen und Bächen fischte man Forellen und in einigen der Flüsse gab es wertvolle Flussperlmuscheln. Im Winter wurde von den Frauen Wolle gesponnen und Leinenstoffe gewebt. Aus Bienenwachs, Rinder- und Schafstalg wurden Kerzen gezogen. In der Geest wurde auch häufig das Strumpfstricken mit Schafswolle ausgeübt. In den Dörfern rund um den Höpenwald tischlerte man Stühle und Schubkarren aus Holz.

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Agrarreformen

Durch die erwähnten, unproduktive Nutzung und Aufteilung der Böden, konnte die Landwirtschaft Ende des 18. Jahrhundert nicht mehr die Ernährung der wachsenden Bevölkerung sicherstellen. Außerdem führten die teilweise gemeinschaftliche Nutzung und das Fehlen von Koppelwegen zu ständigen Auseinandersetzungen zwischen den Bauern. Auch lagen die einzelnen Felder, die zu einem Hof gehörten oft weit auseinander. Ab dem Jahr 1802 erfolgte daraufhin eine Agrarreform (Gemeinheitsteilung), bei welcher der Grundbesitz von den Bauern erworben werden konnte. Der nächste Schritt war die sogenannte Verkoppelung (1842), bei der die kleinen Ackerflächen zu großen Felder verbunden und außerdem Wege zwischen den Feldern angelegt wurden, welche nun freien Zugang zu den eigenen Flächen ermöglichten. Dieser Prozess vollzog sich natürlich nicht über Nacht, sondern dauert bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und leitete damit die heutige „moderne“ Landwirtschaft ein.

Mühlen

Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts galt in dieser Region der Mühlenzwang bzw. Mühlenbann, welcher seit dem 12. Jahrhundert den Grundherren das alleinige Recht zum Bau und Betreiben einer Mühle gestattete. Bei den Mühlen der Geest handelte es sich ausnahmslos um Wassermühlen. Die Windmühlen dieser Region entstanden erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Mühle für die Geest-Dörfer rund um Harburg lag am Mühlenteich vor den Toren der Stadt und wurde deshalb Butenmühle, also aus dem Plattdeutschen übersetzt „Außenmühle“ genannt. Die Schlossmühle, auch Binnenmühle genannt, war das Gegenstück zu Harburgs Butenmühle. Sie lag am Schlossmühlendamm, also innerhalb der Stadt und wurde vom eigens dafür gegrabenen Seevekanal gespeist. Sie war für die umliegenden Marschdörfer und Harburg selbst zuständig. Weiter südlich lagen die Mühle in Karoxbostel (Bostelmühle) und in Horst (Horster Mühle), im Westen in Ovelgönne und Moisburg sowie im Osten im Dorf Wulfsen.

Moisburger Mühle

Die Wassermühle in Moisburg

Kirchen und Schulen

Natürlich hatte damals nicht jedes kleine Dorf seine eigene Kirche. Die Kirche in Sinstorf (die älteste der Gegend und heute das älteste Gebäude auf Hamburger Boden) und die Kirche in Hittfeld „versorgten“ den Großteil der Geestdörfer südlich von Harburg. Das Kirchspiel in Hittfeld umfasste fast 40 Dörfer, von Over im Norden, bis Bendesdorf im Süden, von Maschen und Horst im Osten, bis Buchholz im Westen. Eine Kirche stand hier schon seit dem 9. Jahrhundert auf einer kleinen Geestinsel, einem sogenannten Härtling, der sich in Mitte der Talaue des Baches Göhlbeck erhob. Auch die Kirche in Sindtorf steht auf einer solchen Erhebung. Zum Sinstorfer Kirchspiel gehörten bereits im Mittelalter 14 umliegende Dörfer. Beide Kirchen waren ursprünglich aus Feldsteinen gebaut, die teilweise aus Hünengräbern der Umgebung stammten. Die Kirche in Pattensen stammt aus dem Jahr 1629 und ist im Gegensatz zu Hittfeld und Sinstorf in Backstein und Fachwerk errichtet. Die drei Kirchen verfügen außerdem über einen separaten, hölzernen Glockenturm, was typisch für die Heidedörfer war (so auch in Jesteburg und Ramelsloh). Noch heute zeigen Straßennamen an, auf welchen Wegen die Dorfbewohner jeden Sonntag zu ihrer Kirche pilgerten (z. B. Rönneburger Kirchweg).

Sinstorf 01

Kirche in Sinstorf

Ramelsloh

Alter Glockenturm von Ramelsloh

Die Schulen von einst darf man natürlich nicht mit den heutigen vergleichen. Eine Dorfschule um 1800 war, wie beispielsweise in Wilstorf oder Rönneburg, in einer kleinen Kate untergebracht, wo eine der Dönzen, ein Zimmer von kaum mehr als 4 mal 4 Metern, den Klassenraum bildete. Der Lehrer wurde vom Dorf angestellt und unterrichtete vor allem im Winter, wenn die Kinder nicht bei der Feldarbeit helfen mussten.

Der Geesthof

Das Wahrzeichen der Geest-Dörfer waren die großen Eichen, welche die Höfe umgaben. Jeder Hof war durch eine Umzäunung mit nur einer Zufahrt abgeschlossen. Die Umzäunung bestand aus einem sogenannten Stakentun, einem Zaun aus Ästen und dünnen Stämmen oder aus Feldsteinen, die zu einer 1 Meter hohen Mauer aufgeschichtet waren. Das Hauptgebäude des Hofes, das Hallenhaus, lag meist mit seiner Längsseite parallel zur Dorfstraße. Zum Hof gehörte außerdem eine Vielzahl von weiteren Wirtschafts- und Wohngebäuden. Der Hof in der Geest bildete so eine geschlossene Gemeinschaft, zu welcher der Bauer, seine Frau, seine Kinder, die Großeltern, Knechte, Mägde und Lohnarbeiter gehörten.

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Hallenhaus

Das Niederdeutsche Hallenhaus, bei uns im Norden einfach Niedersachsenhaus genannt, war einst das typische Wohnhaus der Dörfer dieser Gegend. Die Bauform wird auch als Einhaus bezeichnet, da es Wohnung, Stall und Erntelager in einem Gebäude zusammenfasst. Schon in der Frühgeschichte und Antike standen solche Langhäuser in Norddeutschland. Zu dieser Zeit wurde jedoch noch Pfosten, die im Erreich verankert waren für die Grundkonstruktion des Hauses verwendet. Da diese Pfosten im Boden schnell verrottenden, mussten die Häuser häufig erneuert werden. Ab der Epoche des Mittelalters wurden die Pfosten aus diesem Grund durch sogenannte Ständer ersetzt. Diese waren nicht mehr im Boden verankert, sondern standen auf Feldsteinen, die sie vor Nässe und anderen Bodeneinflüssen schützten. Die Haltbarkeit der Häuser verlängerte sich damit auf einen Schlag um rund 300 Jahre. Die Häuser konnten nun außerdem einen belastbaren Dachboden erhalten, da die Pfosten nicht mehr wie früher im Boden einsanken. Der Abstand zwischen diesen Ständern wurde als Fach bezeichnet. Sie bildeten zusammen mit der Dielendecke und den Dachsparren eine stabile Konstruktion. In einigem Abstand zu den Ständern im Gebäudeinnerem, lagen die nichttragenden Außenwände des Gebäudes. Sie waren immer in Fachwerk ausgeführt, wobei die Zwischenräume (Gefache) ursprünglich mit einem Weidengeflecht sowie Lehmbewurf und später mit einem Mauerwerk aus Backsteinen ausgefüllt wurden. Die Lehmwände waren zum Schutz vor Regen häufig mit Farbe gestrichen.

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Lehmverputzte Flechtwand

Backsteine waren um 1800 aber in der Geest noch ein Zeichen von Wohlstand und eher in der Marsch zu finden, wo die Bauern sprichwörtlich als „steinreich“ galten. Oft sah man in den Wänden Backsteinmuster von Sonnenrädern, sogenannte Donnerbesen, Mühlen und Kornehren. Mit diesen Zeichen sollte böser Zauber und Blitze abgehalten oder Glück und Wohlstand beschworen werden.

Hallenhausa 02

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Hallenhausa 01

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Hallenhaus 203

Schon von weitem erkennt man ein solches Hallenhaus an dem großen Einfahrtstor an der Giebelseite, der Fachwerkbauweise und an dem weit heruntergezogenen, großflächigen Dach, welches meist stroh- oder reetgedeckt ist. Das eigentliche Erkennungsmerkmal liegt jedoch im Inneren des Hauses, es ist die bereits erwähnte Ständerbauweise. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen dem Zwei- und dem Vierständerhaus. Zu erwähnen ist noch die Übergangsform des Dreiständerhauses. Beim ursprünglichen Zweiständerhaus sind zwei Reihen Ständer aufgestellt, auf denen die Deckenbalken ruhen und die Dachsparren sowie das Dach selbst tragen. Die Ständerreihen sind der Länge nach im Haus angeordnet und bilden die für den Haustyp charakteristische Diele, auch als Halle bezeichnet, woraus sich der Name des Gebäudetyps herleitet. Das Zweiständerhaus besitzt an den Seiten flachere Anbauten, Kübbungen genannt, welche die Grundfläche des Innenraums vergrößern. Diese Anbauten werden durch Dachteile, sogenannte „Auflanger“ und „Aufschieblinge“ gebildete, den Dachraum darunter nennt man „Hille“. Die Hille diente als Lagerraum und zur Aufbewahrung von Viehfutter, manchmal auch als Schlafstätte für die Knechte. Die kleinen Ständer der Außenwand lagen nicht auf Steinen, sondern waren in Holzschwellen eingezapft, welche auf Feldsteinen ruhten. Diese seitlichen Raumerweiterungen mit nicht-tragenden Seitenwänden dienten vor allem als Ställe für das Vieh, sie gaben diesem Haustyp auch den Namen Kübbungshaus. Durch diese Konstruktion wird auch der Dachboden nicht von den Außenwänden getragen, sondern nur von den zwei Ständerreihen, die außerdem Teil der Dielenwände sind. Von der Giebelseite aus gesehen, lassen sich die Kübbungen des Zweiständerhauses an der leicht abgeknickten Linie des Daches erkennen. Anders bei Vierständerhaus, wo das Dach eine gerade Linie hat. Das Vierständerhaus gilt als Weiterentwicklung des Zweiständertyps. Es wurde meist von den wohlhabenden Bauern errichtet. Die Konstruktion beruht auf vier Ständerreihen in Längsrichtung, von denen zwei Reihen Teil der Dielenwände, zwei Reihen Teil der Außenwände sind. So haben die Außenwände hier, im Gegensatz zum Zweiständerhaus, ebenfalls eine tragende Funktion. Außerdem besteht bei diesem Haustyp meist eine deutlichere Trennung zwischen Wohnräumen und Stallungen. Das Vierständerhaus ist in der hier behandelten Region jedoch sehr selten zu finden, oft nur bei Bauern mit einem Nebengewerbe, wie einem Krug oder einer Kornbrennerei, wodurch mehr Platz im Haus benötigt wurde. Während die alten Hallenhäuser des Vollhöfners vor 1700 meist 5 Gefache lang waren, hatten die Häuser der Halbhof- und Größkötner 4 und die Koten meist zwei oder drei Gefache. Im 18. Jahrhundert und Anfang des 19. Jahrhunderts erreichten Hallenhäuser stattliche Ausmaße von bis zu 50 m Länge und 15 m Breite.

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Kate und Häuslinge

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Hallenhaus und Scheune in „moderner“ Backsteinvariante                 (Bild Oben/Unten)

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Typisch für die Region der Geest war das Krüppelwalmdach, welches meist mit Roggenstroh, mit Hilfe von Weidenruten zu Schöfen gebunden, gedeckt wurde. Bei dieser Dachform gibt es auf einer Giebelseite eine Dachschräge, die aber nicht so weit hinabreicht, wie auf den Traufseiten. Durch diese Konstruktion konnte ein besonders hohes Tor, das Dielentor (Grotdör) in die Giebelfront eingebaut werden. Durch dieses Tor konnte ein voller Wagen direkt in das Haus fahren und hier Ernte und Viehfutter abladen. In der Mitte der Diele, in der Dielendecke befand sich eine Luke, durch welche die Ernte auf den Dachboden verbracht werden konnte. In der Geest war die Schauseite des Gebäudes also die des Dielentores. Aus diesem Grund gab es auch hier den meisten Zierrat, wie den großen Torbalken, der fast immer mit Inschriften und Verzierungen versehen war. Bei den Sprüchen auf den Türbalken handelte es sich meist um Bibelverse oder kündeten von Glück und Schicksalsschlägen des Hofes. Vor allem bei den Neubauten unmittelbar nach den Napoleonischen Kriegen findet man Inschriften des letzteren Sorte: „ Das Kriegswetter ist Fürbey, Durch Dich o Gott sind Wir Nun frey, Der Krieg zerstörte unseren Ort, Wir bauen ihn jetzt wieder auf Dein Wort, Anno 1815, Margarte Magdalena Albers, Hans Hinrich Albers“.

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Damit das Strohdach seitlich vor Windböen geschützt war, brachte man Windbretter an, die sich an der Spitze überkreuzten. Die Windbretter in der Geest waren an den oberen Enden mit Pferdeköpfen geschmückt, die meist einander zugewandt waren. Einfache Häuser und Katen hatten statt der Pferdeköpfe oft nur einen senkrechten Balken, den sogenannten Wendenknüppel, der vor Naturgewalten schützen sollte. Unter der Spitze saß das sogenannte Eulenloch (Ulenlock). Durch diese Öffnung konnte der Rauch des Herdes abziehen und es konnten Eulen zum Mäusefangen auf den Dachboden gelangen.

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Der Dachfirst war abschließend mit Heideplaggen belegt, welche durch Holzpflöcke mit dem Dach verbunden wurden. Eine der größten Gefahren für dieses Strohdach war der natürlich der Blitzschlag, weshalb man sich durch eine Vielzahl von „Schutzmaßnahmen“, wie die Donnerbesen im Mauerwerk, dem Hauswurz (Donnerwurz) auf dem Dach, den Himmelsbrief in der Schublade und der Donnerkeil (Belemniten) in der Hosentasche absicherte.

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Die Diele mit gestampftem Lehmboden und den Viehställen

Der größte Raum des Hallenhauses war die Diele (Deel), die über das Dielentor (Grotdör) betreten wurde. Hier in der Diele konnte der Erntewagen einfahren, es konnten Vorräte getrocknet oder sonstige Arbeiten verrichtet werden, bei denen man vor Wind und Regen geschützt sein musste. Die Diele diente außerdem als Raum für Feiern und Beerdigungen. Rechts und links der Diele lagen die halb offenen Stallungen (Kübbungen) für das Vieh und die Arbeitspferde sowie kleine Kammern für die Mägde und Knechte. Das Dielentor hatte zwei Flügel und einer der Flügel war meist zweigeteilt. Der obere Teil wurde geöffnet, wenn man Licht ins Hausinnere lassen wollte, denn Fenster gab es in der Diele, zumindest bei den älteren Häusern, nicht.

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Bäuerin und Mägde bei der Arbeit im Flett

Die Diele ging dann ohne Trennung in den offenen Wohn- und Küchenbereich über, das sogenannte „Flett“. Um die Tiere daran zu hindern das Flett zu betreten, gab es zwischen den beiden Bereichen ein Holzgatter mit einer kleinen Pforte. Das Flett war zumeist zwei „Fach“ breit, reichte von einen Längswand zur anderen und besaß keinen Ständer, weshalb hier die Deckenbalken durch eine spezielle Dachkonstruktion gehalten wurden. An den Längsseiten gab es eine, manchmal zwei Außentüren, die sogenannte „Blängendör“ (Seitentür). In der Mitte des Fletts lag der mit Feldsteine eingefasste, offene Herd, der zum Kochen, Braten und als Heizung diente. Der Rauch zog frei durch das Haus und half so Schinken und Würste unter der Decke zu räuchern, die Ernte auf dem Dachboden zu trocknen und das Ungeziefer zu vertreiben, bis er schließlich durch das Eulenloch im Dach nach draußen gelangte. Über der Feuerstelle hing ein Rahmen aus Balken (Rähm), der verhinderte, dass Funken zur Decke aufsteigen konnten. Am Rähm war außerdem der Kesselhaken befestigt, der eine ganz besondere Bedeutung besaß. Der Kesselhaken bildete den Mittelpunkt des Hauses. Oft liefen Grenzen durch die Position des Hakens. Am Herd und Haken wurde außerdem Verlobungen, Hochzeiten und Hofübergaben vollzogen. Ein Versprechen bei brennendem Herdfeuer und Berühren des Kesselhakens war ein bindender Eid. Am Kesselhaken hing ein Eisen mit sägeartigen Einschnitten, die es erlaubten den Kessel höher oder tiefer zu hängen, um so die Hitze zu regulieren. Das Sprichwort „einen Zahn zulegen“ erinnert an diese Konstruktion. Da am Kesselhaken nur Platz für einen Kessel war, stellte man an das Feuer sogenannte Grapen. Dieses Tongefäß hatte drei Füße, wodurch die Hitze gleichmäßig das Gefäß umspielen konnte. Im Laufe der Zeit setzten sich aber auch Wandherde, sogenannte „Diggn“ durch, also seitlich und oben ummauerte Feuerstellen, welche halfen die Brandgefahr im Haus zu verminderten. In der her behandelten Region, war der obere Abschluss des Diggn als halbrunder „Swibbogen“ gemauert. Die beiden niedrigen Bereiche an rechten und linken Außenseite des Flett hießen Lucht. Hier war auf der einen Seite der Wasch- und Arbeitsplatz der Frau und auf der anderen Seite der große Esstisch platziert. Seitlich am Flett war auch der Treppenaufgang zum großen Dachboden.

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Die ursprüngliche Herdstelle

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Beim Feuer machen am „modernen“ Diggn

Den letzten, dritten Abschnitt des Hauses bildeten die durch eine Wand abgetrennten Stuben (Dönzen) und Kammern. In diesen Räumen standen Tische, Stühle, Schränke und Truhen sowie die in den Wänden eingearbeiteten Schrankbetten (Bützen), die mit Schiebetüren verschlossen werden konnten. Kleiderschränke waren noch nicht überall verbreitet, die meisten Dinge, wie Kleidung und Stoffe wurden in Truhen aufgebwart. Beheizt wurden die Stuben durch Öfen (Bilegger), welche vom Flett aus befeuert wurden. Die Öfen waren oft mit reichverzierten, eisernen Ofenplatten, ein beliebtes Motiv war ein springendes Pferd, umschlossen. Der obere Teil der Öfen war meist mit blauen, holländischen Kacheln eingefasst. Der Fußboden der Diele bestand aus gestampftem Lehm, im Fleet oft aus Backsteinquadraten mit Kieselsteinfüllung, der Boden in den Kammern und Stuben war meist aus Holz.

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Die wenigen und kleinen Fenster besaßen häufig bemalte Glasscheiben. Groß in Mode um 1800 waren Motive aus dem Bauernalltag und Lebensweisheiten. Manche Häuser verfügten auch über einen Kellerraum, der unter den Dielen einer der Dönzen lag.

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Bettmachen unter der Aufsicht der Bäuerin

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Die Bützen wurden mit frischem Stroh ausgelegt.

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Nebengebäude

Neben dem Hallenhaus umfasste der Hof eines Vollhöfners noch weitere Wirtschaftsgebäude, wie beispielsweise ein Backhaus mit einem großen Lehm- oder Steinofen, weitere Ställe und Scheunen sowie kleine Katen (Häuslinge) für Lohnarbeiter und Handwerker. Diese Nebengebäude waren ebenfalls als Fachwerk gebaut, hier wurden die Gefache aber fast nie mit Backsteinen gefüllt, sondern aus Kostengründen mit Brettern verschalt oder durch Lehmwände geschlossen. Die Scheunen, in denen Heu gelagert wurde hatten lediglich ein Flechtwerk aus Weidenzweigen, durch welches der Wind hindurchstreichen konnte und so verhinderte, dass sich das Heu von selbst entzünden konnte. Das Wort Wand entstand übrigens einst aus dem Wort „winden“, womit natürlich die Flechtwand mit ihren gewundenen Weidenruten gemeint ist. Für die Kutsche und den Leiterwagen gab es den offenen Wagenschauer als Unterstand. Da die Bauern fast ausnahmslos Eigenversorger waren, wurden für den Winter große Lagerflächen benötigt. Typisch für die Region war der zweigeschossige Treppenspeicher, in dem es unterschiedliche „Klimazonen“ für die Vorräte gab. Die Heidschnucken oder die Bentheimer Landschafe, beides widerstandsfähige und genügsame Heideschafe, wurden im Schafstall, dem Schaapkaben untergebracht. Auffällig ist, dass nahezu alle Nebengebäude „echte“ Walmdächer aus Stroh und vereinzelt auch Reet hatten. Natürlich durfte auch ein Brunnen nicht fehlen, der in dieser Region meist als Ziehbrunnen zu finden war. Der Brunnenschacht war mit Feldsteine ausgekleidet und durch einen Holzrahmen verschlossen. Er lag, wenn möglich, neben der Blangendör des Hallenhauses, um ein langes Wasserschleppen zu verhindern.

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3-Ständer Scheune

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Im Schafstall

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Treppenspeicher

Geestdorf 32

Lehmofen im Backhaus

Hofnamen

Eine Besonderheit der Geestdörfer war die Verwendung von Hofnamen. Meist hatte ein Hof seinen Namen vom ersten Besitzer, was etwa bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen konnte. Der Name wechselte also nicht mit einem neuen Besitzer. Der Hofname wurde außerdem als Rufname für die Bewohner verwendet, so hieß z.B. Hermann Witt vom Meinshof dann Meins Hermann. Die Hofnamen wurden in sogenannten Dorfreimen überliefert. Hier sei beispielhaft der Dorfreim von Marmstorf aufgeführt:

Jördens an’n Urt, (Jördens am Ort,)
Nimmt Roths mit furt, (nimmt Roths mit fort,)
Flüggen anne Wisch, (Flügge an der Wiese,)
nimmt’n Brenner to Disch, (nimmt Brenner zum Tisch,)
Kauers an’n Gnatterbarg, (Kauers am Ärgerberg,)
Kassens anne prachter Harbarg, (Kassens am prächtigen Harberg,)
Schoolmester an’n Gelln, (Schulmeister an der Gelln?)
Mattens an’n Felln, (Mattens am Feld,)
Meins an’n Brook, (Meins am Sumpf,)
Karn is nich recht klock, (Karn tick nicht richtig,)
Heins schüttelt Plummen, (Heins schüttelt Pflaumen,)
Schüttelt Ekles inne Tunnen, (Schüttelt Ekles in die Tonne)
Witten an’n Hagen, (Witten am Gehölz)
Villens an’n Pfahl (Villens am Pfahl)
Fürkens groot Bunthund, (Fürkens großer bunter Hund,)
estimiert Meyer as’n lütten Schiethund (achtet Meyer als einen kleinen Scheißhund)

Kurz erklärt werden muss auch noch der Begriff Meierhof. Als Meierhof wird ein Bauerngehöft oder -gebäude benannt, in dem in seiner Geschichte einmal der Verwalter (der Meier) eines adligen Gutshofes gelebt hat. Der Meierhof war später auch ein verpachteter Gutshof. In Norddeutschland wird heute noch vielen dieser Gebäude der Zusatz Meierhof beziehungsweise Meyerhof vorangestellt.

Auch die Flure, also die landwirtschaftlichen Nutzflächen hatten früher Namen, die man heute noch häufig in Straßennamen findet. Als Beispiel seien „Zehntland“, „Binnenfeld“ und „Hanhoopsfeld“ genannt.

Ernährung

Die Grundnahrungsmittel und „Stattmacher“ waren Kartoffeln und schweres Roggenbrot, das je nach Jahreszeit alle 3 bis 6 Wochen frisch gebacken wurde. Die Kühe lieferten Milchprodukte, wie Käse, Dickmilch und Butter, der Garten am Haus sorgte für Saisongemüse. Hühner legten Eier und das geschlachtete Mastschwein wurde in Räucherspeck, Schinken und Wurst verwandelt. In den Wäldern suchte man außerdem nach Beeren und Pilzen. Allerdings kam frisches Fleisch in den bäuerlichen Familien um 1800 meist nur an Feiertagen auf den Tisch. Das Beste musste außerdem oft verkauft werden, damit der Hof überleben konnte.

Geestdorf 38

Typische Gerichte der Heide und Geest waren Suppen, wie kalte Buttermilchsuppe mit Brot im Sommer, in der Erntezeit dann Suppen mit Bohnen und Erbsen, im Herbst Kohlsuppe, die für eine Woche vorgekocht wurde. Aus Kartoffeln und Buchweizenmehl wurden Klüten (Klöße), aus Buchweizenmehl und Dickmilch die sehr beliebten Buchweizenpfannkuchen hergestellt.

Die Mahlzeiten wurden morgens und abends zusammen am großen Esstisch eingenommen. Gegessen wurde gemeinsam aus einer großen Schüssel oder Pfanne. Jeder hatte seinen eigenen Holzlöffel, Gabeln waren noch kaum verbreitet.

Marsch 207

Die meisten Gebrauchsgegenstände waren um 1800 aus Holz, so auch die Küchengeräte.

Geestdorf 37

Das Schlachten begann für gewöhnlich im November. Aus dem geschlachteten Schwein, seltener eine Rind oder Schaf, wurden Mettwürste, Grützwurst, Beutelwürste, Blutwürste und Sülze gekocht. Die Reste wurden zu „Schwarzsauer“ oder „Weißsauer“ verarbeitet. Der größte Teil des Fleisches lagerte schließlich 3 Wochen in Salzbrühe, bis er zum Räuchern aufgehängt wurde. Die Speckseiten und Mettwürste wurden dann auf den Boden verfrachtet, während der Schinken im Rauch hängen blieb.

Wie schon beim Fleisch, war auch das Haltbarmachen bei Milchprodukten und Obst und Gemüse unbedingt notwendig. War in den Sommermonaten die Milch sehr reichlich, wurde der Rahm verbuttert, die Butter eingesalzen und so für den Winter haltbar gemacht.

Hallenhaus 201

Am Esstisch im Flett

Schon damals war Kaffee eines der beliebtesten Getränke. Im ländlichen Haushalt war dieser allerdings meist nur dem Bauer und seiner Familie vorbehalten. Statt des teuren Kaffees wurde vom Gesinde eine Mischung aus Getreide- und Zichorie-Sud getrunken, der als Muckefuck gekannt wurde. Da das Wasser oft Keime enthielt war ein gekochtes Heißgetränk verträglicher. Zudem wurde oft selbst Bier gebraut. Es gab das „Hamburger Bier“ (ein Weißbier) und das rote Bier (ein trübes Braunbier). In der Heide war natürlich auch Honigbier, also Met weit verbreitet. Auch Branntwein floss, auch während der Arbeit auf dem Feld, in großen Mengen durch die durstigen Kehlen der Knechte.

Marsch 208

Sogenanntes irdenes Geschirr, also aus Ton gefertigt, oder Holzteller und Schalen waren um 1800 die Regel im ländlichen Haushalt

Kleidung

Die einfache Arbeitskleidung der Männer bestand aus einer Kniebundhose, Holz- und Lederschuhen, Hemd und Weste. Der Bauer war sofort an den prunkvollen Silberknöpfen seiner Weste, die auch Rump genannt wurde, zu erkennen. Alle anderen männlichen Mitglieder des Hofes hatten nur einfache Horn oder Holzknöpfe bzw. Haken und Ösen. Das Hemd besaß nur eine einfache, kleine Öffnung für den Kopf und Ärmel bis zum Ellenbogen. Oft wurde zusätzlich ein Halstuch (auch im Sommer) getragen, weil man sich so vor Erkältung schützen wollte. Gegen die Sonne wurde ein Hut mit breiter Krempe aufgesetzt.

Geestdorf 15

Die Frauen trugen einen Rock, darüber eine Schürze (Platen) und kurze Weste und sowie auf dem Kopf eine Haube. Auf dem Feld schützten sich die Frauen mit sogenannten Sonnenärmel und einem stoffbespanntem Strohhut gegen Sonnenbrand.

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Natürlich hatte auch jede Region seine ganz spezielle Tracht, welche bei festlichen Anlässen angelegt wurde. In der Geest war diese Tracht aber nicht so prunkvoll, wie sie beispielsweise im Alten Land zu finden war. Eine besondere Bedeutung hatten für die Frauen ihre prachtvollen Hauben, wie die Moppe, die mit Stirn- und Kinnbinde getragen wurden sowie die Schnabelmütze aus stoffbespannter Pappe.

Mahltiet!

Nach dem sensationellem Erfolg (na ja, was man halt so nennt 😉 meiner Rubrik „Hobbit Mahlzeit“ möchte ich an dieser Stelle nun mehr oder weniger regelmäßig ein paar Gerichte aus meiner Heimatregion vorstellen. Damit auch ein Bezug zu den Napoleonischen Kriegen besteht, werden es vor allem Rezepte aus dieser Zeit, also um 1800 sein.

Dickmilch mit Bickbeeren

Dickmilch ist heutzutage fast völlig aus den Regalen der Supermärkte verschwunden. Selbst herstellen kann man diese nur mit frischer, das heißt nicht pasteurisierter Milch. Jede Frischmilch wird nach ein bis zwei Tagen dick, was durch die Vermehrung der Milchsäurebakterien geschieht. Um 1800 (und auch noch lange danach), war Dickmilch noch ein weit verbreitetes Milchprodukte im bäuerlichen Haushalt. Oft wurde hartes Brot in der Dickmilch eingeweicht und das Ganze als eine Art Brei gegessen. Ich kenne Dickmilch mit Zucker noch aus meinen Kindertagen. Richtig gut passen auch Bickbeeren dazu. Die Bickbeere (Bick = Pech im Niederdeutschen, was sich die dunkle Farbe bezieht), besser als Blaubeere oder Heidelbeere bekannt, ist die klassische Beere des Nordens. Die Sorte, die man heute im Laden kaufen kann, kommt aus Nordamerika. Sie ist nur außen blau, größer und weniger aromatisch als unsere heimische Heidelbeere. Wer also denn Klassiker will, sollte selbst zum Pflücken in den Wald gehen. Wer Angst vorm Fuchsbandwurm hat, kann die Beeren vor dem Verzehr aufkochen, was zum Bickbeerenmus führt (passt auch zu Buchweizenpfannkuchen, doch dazu später mehr). Beeren und Dickmilch werden vor dem servieren außerdem mit Zucker bestreut (wer es authentisch will, muss Rohrzucker verwenden, denn der Zucker aus der Zuckerrübe war erst gerade auf dem Vormarsch) oder besser noch mit Heidehonig veredelt. LECKER!

Geest Essen 01

7 Kommentare zu “Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Dorfleben um 1800 / Teil 1”

  1. Hallo Frank,
    an sich ein schöner Artikel mit netten Bildern unserer Gelebten Geschichte, leider aber auch mit einer ganzen Reihe von Dingen, die ich so nicht stehen lassen würde. Ich wäre natürlich gerne bereit, bei der Korrektur behilflich zu sein.
    Mit besten Grüßen vom Kiekeberg
    Nils

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  2. Hallo Frank,
    Über die Websuche bin ich auf deinen Beitrag hier gelangt. Die Grundrissdarstellung eines Hallenhauses, die du hier veröffentlicht hast, entspricht nahezu 1:1 einem von mir dokumentierten Gebäude. Für den Bericht würde ich zum Vergleich also gerne den Grundriss heranziehen können, dies geht allerdings nicht ohne die Angabe einer Quelle. Könntest Du sie mir eventuell verraten?
    Beste Grüße,
    Marit

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Marit,

    in bin ziemlich sicher, dass ich diese Darstellungen im Museum Kiekeberg fotografiert habe. Vermutlich waren es Teile von Erklärungstafeln im oder vor dem Gebäude. Für die Originale musst du dich also an das Museum wenden. Die sind dort sehr hilfsbereit 🙂

    Viele Grüße
    Frank

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