Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Wesermündung

Bei einer meiner Fahrradtouren im letzten Jahr habe ich Bremen und auch die Region der Wesermündung erkundet. Beim Besuch des Stadtmuseums in Bremerhaven bin ich auf ein Thema gestoßen, welches ich schon in einem anderen Bericht angekratzt hatte. Hier der Link:

Wie ich jetzt festgestellt habe, ist die Geschichte umfangreicher und soll an dieser Stelle nun in aller Ausführlichkeit geschildert werden.

Vorgeschichte

Bevor 1827 Bremerhaven gegründet wurde, war Lehe, später auch Bremerlehe genannt das bedeutendste Markt- und Handelszentrum in der Wesermündung. Schon um 1600 hatte Lehe einen fast städtischen Charakter und der Ort war von einem Wall und einem Graben umgeben. Südlich von Lehe schlängelte sich der Flusslauf Geeste durch das Sietland, an deren Mündung später die Carlsburg gebaut wurde.

Am Ufer der Weser befand sich im Süden von Lehe die Ortschaft Geestendorf. 1753 wurde zwischen den beiden Orten Lehe und Geestendorf eine hölzerne Brücke über die Geeste gebaut, die später den Namen Franzosenbrücke erhielt und bis in die 1950er-Jahre existierte.

Leher Schanze

Im Dreißigjährigen Krieg entstand 1639 an der Flussmündung die erste Festungsanlage, die Leher Schanze. Nachdem die Schweden 1648 die Unterweserregion im Westfälischen Frieden zugesprochen bekommen hatten, besetzten sie 1653 auch Lehe, das zu diesem Zeitprunkt noch zu Bremen gehörte. In der Geestschleife errichteten sie die Leher Schanze, eine kleine Befestigungsanlage, um von dort aus den Schiffsverkehr auf der Weser kontrollieren zu können.

Im Verlauf des schwedisch-dänischen Krieges besetzen dänische Truppen 1657 die Unterweserregion. Am 3. Juli 1657 eroberten sie auch die Leher Schanze. Daraufhin wurde der schwedische Feldmarschall Karl Gustav Wrangel mit der Rückeroberung beauftragt. Einen Monat nach der dänischen Besetzung konnte Wrangel die Leher Schanze einnehmen. Nach viertägiger Belagerung war der alte Status wieder hergestellt.

Carlsburg

1672 wurde die kleine Leher Schanze durch die größere Carlsburg, benannt nach dem schwedischen König Carl XI., ersetzt. Die Festung und Stadtanlage der Carlsburg bestanden aus einem Oval mit 10 Bastionen mit 72 Kanonen, 2 vorgelagerten Redouten und schachbrettartig verlaufenden Straßen. Außerdem hatte man einen Kanal mit einer Zufahrt zur Geeste als Binnenhafen vorgesehen. In der Festung stationierte Schweden eine Brigade mit einer Stärke von 600 Soldaten.

In den Jahren 1675–1676 wurde die unvollendete Anlage von Land- und Seeseite von Truppen aus dem Herzogtum Braunschweig und Lüneburg, Kurfürstentum Brandenburg, Hochstift Münster, den Vereinigten Niederlande und dem Königreich Dänemark belagert. Schweden hatte sich durch Ludwig XIV. in die französischen Eroberungskriege hineinziehen lassen. Dem misslungenen schwedischen Einfall in Brandenburg folgte 1675 eine brandenburgisch-holländische Gegenoffensive. In alle Eile wurden in der Carlsburg im Sommer Vorräte an Munition, Holz und Lebensmitteln angelegt. Am 16. September bezogen neun holländische und brandurgische Kriegsschiffe auf der Weser Stellung. Am 19. September nahmen sie die Beschießung der Carlsburg auf. Die Kriegsschiffe konnten jedoch nichts ausrichten, da die Anlage besonders auf der Weserseite sehr gut befestigt war.

Die Belagerer erhielten Verstärkung durch Truppen aus Braunschweig-Lüneburg, Münster und Dänemark, die die Carlsburg auch auf der Landseite blockierten. Nach fast viermonatiger Belagerung mit wechselvollem Kampfgeschehen musste die Carlsburg schließlich kapitulieren. Am 12. Januar 1676 übergab der Kommandant Johann Mell die Festung. Die Carlsburg wurde von den Siegern teilweise zerstört und von den Dänen schließlich besetzt.

Die Festung wurde 1683 teilweise zerstört und um 1700 wurden die letzten Kanonen nach Stade transportiert. Lehe verblieb noch bei den Schweden, aber 1711 siegten die Dänen in den Nordischen Kriegen und besetzen auch Lehe. 1719 verkaufte Dänemark das Herzogtum Bremen an das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, aus dem später das Königreich Hannover wurde. Es folgte eine längere Friedenszeit, bis die Region im Siebenjährigen Krieg für kurze Zeit von Frankreich besetzt wurde.  Da der englische König gleichzeitig Kurfürst von Hannover war, geriet das Kurfürstentum immer wieder zum Austragungsort von Konflikten zwischen England und den übrigen europäischen Mächten. Als Einschiffungshafen erlebte Lehe viele Truppendurchmärsche und Einquartierungen. Auch nach dem Siebenjährigen Krieg blieb der Ort ein wichtiger Schiffslandeplatz für Truppentransporte. Der Bau eines Hafens wurde aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht verfolgt.

Franzosenzeit

Zur Durchsetzung der Kontinentalsperre gegen die britischen Inseln, führte Napoleon 1803 einen Krieg gegen Großbritannien und gegen das im gemeinsamen Herrscherhaus verbundene Kurfürstentum Hannover. Im Jahr 1803 besetzen die Franzosen die Region und am 10. Juni erreichten erste französische Soldaten die Ortschaft Lehe. Die Arbeiten an der Wiederherstellung der Carlsburg wurde von den Franzosen bereits im Oktober 1803 wieder begonnen.

Im November 1805 landeten die Engländer in Cuxhaven und besetzten auch Lehe, was für kurze Zeit zum Hauptwaffenplatz wurde. Am 29. November traf dort auch ein britischer General und am 1. Dezember eine britische Flotte von 70 Schiffen ein. Von den Schiffen aus wurde eine kleine Armee an Land gebracht, die im Dezember noch verstärkt wurde. Doch nach Bekanntwerden der Niederlage der Österreicher und Russen bei Austerlitz zogen die Briten Ende 1806 wieder ab.

Außer einer kurzzeitigen Besetzung im Jahr 1806 durch das mit Frankreich verbündete Preußen, blieb das Elbe-Weser-Dreieck bis 1813 nun unter französischer Herrschaft. Es gab lediglich einige Störaktionen der Engländer, die dadurch versuchten, die französischen Truppen unter Druck zu setzen und den Einheimischen zeigten sollten, dass England bereit zu militärischen Aktionen war. So marschierten am 7. Juni 1809 englische Truppen von Cuxhaven nach Lehe, beschossen die französische Batterie in der ehemaligen Carlsburg und zogen wieder ab. Am 17. Juni 1809 liefen zwei englische Schiffe in die Jade ein, wovon eines am Ahndeich vor Anker ging. Soldaten wurden in Booten ausgesetzt und ruderten an Land. Die britische Truppe wurde zwar von den französischen Zöllnern beschossen, aber das englische Kriegsschiff eröffnete das Feuer mit seinen Kanonen und vertrieb die Douanen. Das zweite Schiff segelte bis Eckwardersiel und beschoss dort das Kirchdorf Eckwarde. Am folgenden Tag landeten 60 Soldaten und der Kommandant. Diese Soldaten eroberten die Kirche und darin gelagerte Konterbande. Die erbeuteten Waren bestanden unter anderem aus 863 Sack Kaffee, 217 Pfund Indigo, 756 Pfund Tabak, 4921 Pfund Färbeholz und waren zuvor von französischen Zöllnern von englischen Schiffen beschlagnahmt worden. Nach dieser Aktion setzten die beiden Schiffe Segel und stachen wieder in See. Am 26. August 1810 kam es zu einem weiteren Übergriff, als zwei englische Kriegsschiffe und mehrere Schmugglerschiffe die Insel Arngast besetzten.

Am 13. Juli 1809 vereinigte man das Kurfürstentum Hannover mit dem Königreich Westfalen. Die Unterweser gehörte nun zum „Norddepartement“. Schließlich wurde am 13. Dezember 1810 der nördliche Teil Hannovers direkt ins französische Kaiserreich eingegliedert. Der Ort Lehe wurde am 4. Juli 1811 Hauptort des Arrondissement Bremerlehe.

Butjadinger Schanzen

Um die Nordseeküste gegen die englischen Angriffe zu sichern, wurden neben Zollstationen auch Befestigungen und Geschützbatterien im Auftrag der Franzosen angelegt. Im November 1810 begannen umfangreiche Arbeiten an fünf Festungswerke in Butjadingen, einer Halbinsel, die im Südwesten an den Jadebusen, im Westen und Nordwesten an die Innenjade sowie im Osten und im Nordosten an die Weser und deren Mündung grenzt. Die Region war Teil des Herzogtums Oldenburgs, welches 1808 dem Rheinbund beigetreten war und am 28. Februar 1811 schließlich Teil des französischen Kaiserreiches wurde. Die fünf Schanzen befanden sich in Blexen, Großwürden, bei der Waddenser Pumpe, in Groß-Fedderwarden und auf den Oberahnschen Feldern.

Lage der Schanzen

Bei Eckwarden wurden eine Batterie bei Großwürder, den Oberahnschen Feldern und Ahne zum Schutz der Jademündung angelegt. Die Großwürder Batterie lag genau auf der Landspitze die heute als Eckwarderhörne bezeichnet wird, hier diente der südlich und westlich liegende Seedeich als Wall der Batterie. Die Landseite der Anlage wurde durch einen aufgeschütteten Wall und Graben abgesichert. Sowohl die Batterie in Großwürden als auch die Batterie auf den Oberahnschen Feldern hatte man mit einem stark befestigten Blockhaus und einem Pulvermagazin bestückt. Eine Karte aus dem Jahr 1812 zeigt drei Gebäude im Zentrum der Anlage. Die Batterien verfügten jeweils über eine Bewaffnung von acht Geschützen und zwei Mörsern, von denen sechs nach Westen und vier nach Süden ausgerichtete waren. Auf der anderen Seite des Jadebusens wurde im Jahr 1811 eine weitere Batterie von 17 Geschützen in Heppens angelegt, die zusammen mit der Großwürder die Einfahrt in die Bucht kontrollierte. Die Batterie Ahne hatte einen rechteckigen Aufbau und war an allen Seiten von Festungswällen umgeben. Zwischen 1812 und 1813 wurde die Batterie auf der Südostseite mit einem keilförmigen Wall erweitert. Es gab hier vier Gebäude. Drei kleinere Gebäude, vermutlich Proviant- und Pulvermagazine, waren innerhalb des nördlichen Walls angelegt, zentral befand sich ein Blockhaus. Im Jahr 1812 verfügte die Batterie über 12 Kanonen. Die Geschütze der Batterie waren nach Norden, Westen und Süden ausgerichtet.

Zum Schutz der Wesermündung hatten die Franzosen drei Schanzen auf der Ostseite der Halbinsel Butjadingen angelegt. Die Batterie Fedderwarden lag auf einem Flügeldeich östlich von der Einfahrt des Fedderwarder Hafens. Sie verfügte über fünf Geschütze. Die Batterie Waddens befand sich in einem vorgelagerten Fort, das durch einen Damm an den Seedeich bei der Waddenser Pumpe angeschlossen war. Die Blexer Schanze, nahe der Ortschaft Blexen, lag gegenüber der Festungsanlage Carlsburg, wodurch ein Kreuzfeuer auf einfahrende Schiffe möglich wurde. Die Blexer Schanze befand sich 750 Meter nordöstlich von der Blexer Kirche, direkt an der Weser. In der ersten Ausbauphase schütze eine Palisade, sowie ein Wall und ein Graben die Batterie von zehn 24-Pfündern und zwei Haubitzen. Später erhielt die Schanze einem etwa 7,2 Meter breiten und 4,5 Meter tiefen Graben. Die Anlage hatte einen nahezu quadratischen Aufbau und drei Bastionen schützten die Festung zur Landseite. Die mittlere Bastion verfügte über eine Brücke, die einen Zugang über eine Zugbrücke von Westen aus ermöglichte. Außerhalb des Grabens gab es Glacis. Ein historischer Plan der Anlage zeigt ein Pulver- und ein Proviantmagazin, die in den inneren Wall eingelassen sind, sowie ein zentrales Blockhaus. Das Blockhaus wurde in einer zweiten Bauphase erweitert und konnte bis zu 80 Mann aufnehmen. Das Tor der Anlage wurde durch einen direkt dahinterliegenden Wall zusätzlich geschützt. Das Fort war nun mit sechs Geschützen ausgestattet, vier davon waren Kanonen, zwei davon waren Mörser. Ständig besetzt war die Schanze nur mit ca. 30 Mann. Die restlichen Soldaten und Offiziere hatte man im Dorf einquartiert.

Alle Schanzen hatte man mit Öfen ausgestattet, in denen Kanonenkugel rotglühend erhitzt wurden, mit denen man die Segel von feindlichen Schiffen in Brand setzen konnte. In den Schanzen an der Küste wurden rund 330 Soldaten stationiert. Weitere 300 Mann wurden im Hinterland in drei Kasernen als Reserve einquartiert. Durch den Russlandfeldzug 182 wurde ein Großteil dieser Soldaten jedoch aus der Region abgezogen und teilweise durch einheimische Miliz-Kanoniere ersetzt.

Aufstand

Die vielen norddeutschen Aufstände des Jahres 1813 gegen die französische Herrschaft lassen sich nicht so sehr durch Nationalbewusstsein erklären, sondern viel mehr durch die seit 1806 wirksame Kontinentalsperre. Sie hatten in den Jahren zuvor vielen Menschen die Lebensgrundlage entzogen oder zumindest erschwert. Auch durch die Eingliederung in das französische Kaiserreich fühlten sich die Bewohner zusätzlich bedroht und ohne Perspektive auf Besserung der Lage. Es gibt außerdem Hinweise, dass englische Agenten die Aufstände in Norddeutschland von langer Hand geplant hatten. Der Erhebung der Bevölkerung sollte an verschiedenen Orten gleichzeitig beginnen, die so die französischen Besatzer unter Druck setzten. Später sollte der Volksaufstand dann durch britische Truppen unterstützt werden und so zum dauerhaften Erfolg führen. Doch ein Volksaufstand lässt sich meist nur entzünden, aber nicht kontrollieren. So wurde aus den Aufständen ein kurzer Flächenbrand, der von den Franzosen im Frühjahr 1813 wieder niedergeschlagen werden konnte.

Lehe

Im März 1813 begann der Aufstand in Lehe, Blexen und dem Land Wursten. Als am 15. März 1813 die Briten von Helgoland Truppen in Cuxhaven ausschifften, sollte dies die Verstärkung für die britischen Agenten vor Ort sein. In Lehe waren dies Johann Rickweg, genannt Jan Grön, weil sein Anzug eine grüne Farbe hatte, und Anton Biehl aus Dingen im Land Wursten. Beide gehörten einem Geheimbund an, der „Schwarzer Fisch“ genannt wurde und der seinen Treffpunkt im Imsumer Ochsenturm, dem Überrest einer mittelalterlichen Kirche, hatte. Hier wurden auch Waffen gelagert, die mit Booten aus Helgoland eingeschmuggelt worden waren.

Imsumer Ochsenturm

Rieck und Biehl hatten bereits Anfang Februar 1813 Hamburg und Bremen aufgesucht und dort Informationen und Geld für den geplanten Aufstand beschafft. Am 15. Februar trafen sich die Mitglieder des „Schwarzen Fisches“ und besprachen einen detaillierten Aktionsplan für den Aufstand, welcher am 3. März 1813 stattfinden sollte. Es wurde genau festgelegt wann und wo sich die Aufständischen versammeln und angreifen sollten. Das Ganze wurde allerdings noch um eine Woche verschoben, aber am 12. März zogen Jan Grön und einige seiner Männer mit einer englischen Fahne durch den Ort Lehe und rissen die französischen Adler von den Amtsstuben. Zunächst flohen die französischen Douanen und Gendarmen, kehrten aber am 14. März mit Verstärkung zurück. Doch als dann Anton Biehl an der Spitze der Aufständischen aus Wursten anrückte, flohen die Franzosen erneut und verschanzten sich in der Carlsburg. Im Morgengrauen des 17. März setzten sich 2 Kolonnen Aufständischer aus Lehe in Richtung Carlsburg in Bewegung. Biehl versuchte den Kommandanten des Forts zur Aufgabe zu überreden, der lehnte jedoch ab. Allerdings kam es am nächsten Tag doch zur Kapitulation, da die einheimischen Miliz-Artilleristen übergelaufen waren und man kaum Proviant in der Festung hatte. Die Festung wurde nun von der Kolonne des Kommandanten Hinrich Nonnes und den einheimischen Kanonieren besetzt. Am 22. März trafen auch endlich englische Truppen aus Cuxhaven ein. Es handelte sich aber zunächst nur um 10 Mann unter dem Kommando von Leutnant Burmester, die auf Befehl von Major Kenzinger zusammen mit einigen Wagen entsandt worden waren. Am nächsten Tag stießen zwei russische Offiziere und am 24. März noch einmal 20 weitere englische Soldaten und auch Major Kenzinger hinzu.

Blexen

Nachdem man Anfang März von den ersten Aufständen in Norddeutschland hörte, wurden in Blexen die Amtshäuser geschlossen und die französischen Zöllner zogen ab. Zurück blieben nur der Kommandant Major Detrita, der Hauptmann Carlier sowie zwei Unteroffiziere. Bis zum 16. März blieb es jedoch ruhig im Ort und das trotz der Ereignisse, die sich auf der anderen Seite der Wesermündung in Lehe abgespielt hatten. Doch nun wollten einige Landarbeiter die Gunst der Stunde nutzen und plünderten das Zolllager, in dem Kaffee und Tabak gelagert wurden. Am nächsten Tag kamen Aufständische aus Wursten über die Weser, um auch die Einwohner von Blexen für „ihre Sache“ zu gewinnen. Da aber die Blexer Batterie immer noch durch Franzosen besetzt war und einige der Geschütze auch auf das Dorf gerichtet waren, befand man sich in Blexen plötzlich zwischen den Fronten und verhielt sich deshalb eher abwartend.  Am Morgen des 17. März fürchtet der französische Kommandant der Schanze, dass Aufständische aus der Umgebung die Festung angreifen könnten. Aus diesem Grund gab er an seine Mannschaft einen Schießbefehl aus. Doch die Kanoniere, die in den letzten Monaten in der Oldenburger-Region als Miliz ausgehoben worden waren, verweigerten den Gehorsam, allen voran der Geschützführer Lübbe Eylers aus Zetel, der dem französischen Kommandanten sogar Hut und Degen abnahm und aus der Festung jagte.

Nachdem die Kanoniere die Franzosen vertrieben hatten, forderten sie sich Verstärkung aus Blexen an, um die Verteidigung der Schanze einzurichten. Die Kanoniere feuerten auf die Carlsburg auf der anderen Seite der Weser und trafen diese sogar zweimal. Entgegen der Hoffnung der Aufständischen kamen die Engländer jedoch nicht auf die andere Weserseite und auch die Kanoniere der Blexer Schanze schlossen sich nicht den Aufständischen an, sondern verfolgten etwas unklare, eigene Ziele. Die Bürger in Blexen hoffen nun, dass das Ganze unbeschadet an ihnen vorbeigehen würde.

Gefecht an der Geestebrücke

Nach den ersten Unruhen Mitte März 1813 verhängt der Divions-General Jean Francois Saint-Cyr am 20. März über Bremen den Belagerungszustand. Die Generäle Dominique Joseph Vandamme als oberster Kommandeur sowie Saint-Cyr und Joseph Morand befehligen im Raum Bremen vier Divisionen. In der Stadt lagen zu dieser Zeit 1.500 und in der Umgebung 2.000 französische Soldaten. Um die Aufstände an der Wesermündung niederzuschlagen, sendete Vandamme am 23. März sowohl gegen Lehe, als auch gegen Blexen eine fliegende Kolonne von je 1.200 Mann. Die Truppen bestanden aus dem 152. Linienregiment, Douanen, Gendarmen, einiger Kavallerie und Artillerie.

Am 25. März traf die erste französische Kolonne vor Lehe ein. Hier stießen sie auf eine Ansammlung von 1.500 bis 1.800 Menschen, von denen aber nur rund 100 Gewehre besaßen, während der Rest mit Heugabeln und anderen Landwirtschaftsgeräten bewaffnet war. Trotzdem hatte Anton Biehl versucht die Aufständischen geordnet zu positionieren. An die besten Schützen hatte man die Gewehre verteilt und die Truppen in Einheiten nach Kirchspielen geordnet und so aufmarschieren lassen. Hinter dem kleinen Wasserlauf Geeste aufgestellt, versuchen die Aufständischen nun, den Franzosen das Eindringen in den Ort zu verwehren. Zum Schutz ihrer Stellung hatten sie zwei Kanonen aus der Carlsburg in Stellung gebracht und außerdem die Bretter des Fahrweges der Holzbrücke entfernt, den Übergang vernagelt und die Zugbrücke hochgezogen.

Die Gewehr-Schützen hatten man in zwei Flügeln, eine unter dem Kommando von Lehrer Werner und die andere unter dem Müller Sammje, links und rechts der Brücke und hinter dem Deich positioniert. Die englischen Soldaten wurden als Bedienungsmannschaft der Geschütze abgestellt und der Rest ging an der Brücke in Stellung. Zusätzlich wurde auch das Gasthaus „op’n Toll“ (Zollhaus) mit einigen Schützen besetzt. Ein Großteil der restlichen Truppe hatte in der Nähe der alten Ziegelei Aufstellung genommen.

Die Franzosen rückten nun in mehreren Treffen vor, wobei sie versuchten, die Brücke zu erreichen. Es kam zu einem heftigen Feuergefecht, bei dem zunächst vor allem Franzosen getötet und verwundet wurden, da diese ohne die Deckung des Deiches vorstürmten. Die Franzosen mussten zunächst zurückweichen, formieren sich aber sofort wieder und griffen erneut an.

Der neue Verstoß wurde nun auch von zwei abgeprotzten Geschützen unterstützt. So langsam machte sich Unruhe in den Reihen der Aufständischen breit, denn die Franzosen rückten immer dichter heran und das Gewehrfeuer sowie das nun einsetzen Geschützfeuer verursachten nun auch bei den Verteidigern Verluste. Als schließlich auf Leher Seite die Munition ausging, versuchten die Aufständischen aus der Gewehrschussweite des Gegners zurückzuweichen.

So gelang es schließlich einigen Franzosen, gedeckt durch das Feuer der am Ufer der Geeste stehenden Infanterie, schwimmend das andere Ufer zu erreichen. Die Franzosen schafften es, die Zugbrücke herunterzulassen, während weitere Soldaten auf den Brückenbalken balancierend dazustießen. Gemeinsam legten sie die Bretter des Fahrweges wieder über das Brückengestell und sofort rückte die Infanterie geführt von ihrem Kommandanten (Chack?) über die Geeste.

Doch beim Übergang über die Brücke schoss der Lehrer Arnold Werner den französischen Anführer von seinem Pferd. Nach einem einstündigen Kampf wurde die Menge schließlich auseinandergetrieben. 150 Landsturmmänner waren gefallen, 80 von ihnen wurden als Rebellen erschossen. Von den Engländern waren 1 Offizier und 19 Mann gefallen sowie 1 Offizier und 14 Mann gefangen genommen worden. Auch die Franzosen hatten erhebliche Verluste, denn 150 bis 200 Soldaten lagen tot oder verwundet am Boden. Nun drangen die Franzosen in die Stadt ein, in der mehrere Häuser geplündert wurden und stürmten gegen die Befestigung der Carlsburg, die schließlich eingenommen und deren Besatzung, bestehend aus einigen Briten und 12 Küsten-Kanonieren, niedergemacht wurden.

Anton Biehl konnte jedoch auf einem Pferd fliehen und entkam seinen Verfolgern. Nach dem Krieg verlor Biehl durch Schulden seinen Hof und starb 1835 als armer Lohnarbeiter. Begraben wurde er auf dem Friedhof am Ochsenturm in Imsum. Zu seinem Gedenken sind noch heute drei Straßen, eine in Bremerhaven, eine an der Wurster Nordseeküste und eine in Geestland nach ihm benannt.

Ereignisse in Blexen

Am 24. März traf die Botschaft ein, dass eine französische Kolonne, bestehend aus Infanterie, Zöllnern und Gendarmen auf dem Weg nach Blexen sei. Infolge dieser Nachricht wurden die Frauen und Kinder aus Blexen evakuiert und die Schanze weiter befestigt sowie einige Geschütze neu ausgerichtet. Die französischen Truppen forderten auf ihrem Weg nach Blexen 12.000 Reichstaler von der Stadt Oldenburg, dieser Betrag sollte innerhalb von einem Tag gezahlt werden. Die Gleiche Forderung von 12.000 Reichstalern ging auch an das Dorf Blexen, das aber mit großer Not nur 1.000 Reichstaler aufbringen konnte. Auf dem Marsch nach Blexen nahmen die Franzosen aus diesem Grund Einheimische als Geiseln. Es mussten die angesehensten Einwohner von Oldenburg, Blexen, Brake, Elsfleth, Waddens und Berne dafür zur Verfügung gestellt werden.

Unter dem Kommando von Major Alouis marschierten die Franzosen gegen Mittag des 25. März auf dem Deich auf Blexen zu. Als die französischen Soldaten in den Graben der Schanze sprangen und die Palisade überwinden wollten, kapitulierten die 28 Artilleristen mit Lübbe Eylers und ließen die Zugbrücke herunter. Eylers wurde sofort nach der Kapitulation vor die Schanze geführt und vor den Augen seiner Männer erschossen. Die übrigen Artilleristen wurden in der Schanze festgesetzt, während gleichzeitig das Dorf geplündert wurde. Am nächsten Tag führte man die Gefangenen an die Kirche von Blexen, wo vor dem Eingangsportal jeweils zwei von ihnen willkürlich ausgewählt und erschossen wurden, bis zehn von ihnen tot waren. Anschließend vernagelten die Franzosen die Geschütze und stürzten die Kirchglocken aus dem Turm der Blexer Kirche.

Am 28. März rücken die Franzosen mit den Gefangenen wieder ab. Zwei der Gefangenen wurden bei Ovelgönne und zwei weitere vor dem Heiligengeisttor in Oldenburg erschossen. Am 5. April erschoss man fünf weitere Gefangene in Bremen. Nur einer der Männer wurde schließlich begnadigt. Noch am 29. März erschien eine englische Brigg bei Blexen, ein paar Soldaten ruderten zur Schanze und zerstörten die Anlage, bevor sie wieder abrückten und die Segel setzten.

Das Ende

Am 9. April 1813 kamen 50 Zollsoldaten sowie mehrere Tausend französische Truppen zurück nach Blexen, von denen aber nur ungefähr 600 im Ort blieben. Die Schanze wurde nun zu einem Fort ausgebaut. Ein halbes Jahr später rückten am 20. November 1813 schließlich russische Truppen unter dem Kommando von Oberst Rüdiger in Lehe ein, vertrieben die Franzosen und setzten eine provisorische hannoversche Regierung ein. Am 21. November „öffneten“ russische Truppen das Tor der Blexer Schanze mit einem Kanonenschuss. Die Besatzung wurde gefangen genommen. Die Russen besetzten das Fort bis zum 5. Dezember des Jahres 1813 und so endete die Franzosenzeit in dieser Region.

2 Kommentare zu „Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Wesermündung“

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