Kastell Vindolanda

Nach etlichen Jahren bot sich in diesem Sommer die Gelegenheit ein paar der Orte am Hadrianswall, der ehemaligen römischen Grenze zwischen Britannien und den nördlichen Gebieten der Insel, zu besuchen, die ich bei meiner ersten Reise ausgelassen hatte.

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Zunächst machte ich kleine Wanderungen an lang des Walles in der Gegend von Greenhead. An dieser Stelle ist die Mauer gut erhalten und läuft auf und ab über einige Hügel und das am Rand der Whin Sills, vulkansicher Klippen, die eine tolle Aussicht auf die Gegend nördlich davon bieten. Nach einigen hundert Metern erreicht man die Grundmauern eines Wachturmes…man muss lediglich den Schafen und Kühen ausweichen. Folgt man der Mauer, gelangt man schließlich zum Kastell Housesteads, welches ich in meinem alten Bericht bereits kurz erwähnt hatte.

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Link zum Bericht „Hadrianswall“:

https://tabletopdeutschland.wordpress.com/2011/09/01/vor-ort-hadrianswall/

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Nach diesem kleinen Abstecher ging es direkt zum ehemaligen Kastell Vindolanda. Man findet das Museum und die Ausgrabungsstätte in der Nähe des Ortes Bardon Mill. Dieses ehemalige römische Kastell lag südlich des Walles und sicherte das Hinterland, sowie die Trasse des „Stanegate“, der Versorgungsstraße, die parallel zum Hadrianswall verlief. Die Anlage zählt zu den am besten erforschten in Großbritannien. Die Grundmauern sind sehr gut und nahezu vollständig erhalten. Neben dem Kastell sind vor allem die zahlreichen, gut erhaltenen Funde die Sensation dieses Kastells. Zu ihnen zählen viele, durch den Moorboden konservierte, organische Fundstücke, wie Lederschuhe, Kleidung und vor allem Holzreste. Die größte Sensation sind  allerdings die sogenannten „Vindolanda-Tafeln“. Über tausend dieser kleinen Holztafeln, die mit Tinte beschrieben wurden, bieten einen unschätzbar wertvollen Einblick in das Leben der damaligen Zeit.

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Das Holzkastell

Schon im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde an diesem Ort ein Kastell angelegt, welches mit einem Erdwall und Holzpalisade gesichert war. Auch die Wohngebäude wurden zunächst nur aus Holz errichtet. Eine Rekonstruktion (etwas windschief) zeigt, wie man sich das Ganze vorstellen muss. Es blieb nicht bei diesem ersten Holzkastell, man hat herausgefunden, dass bis zu vier weitere an gleicher Stelle folgten. Zunächst war hier die erste Kohorte der Tungrianer stationiert, die später von der neunten Kohorte der Bataver abgelöst wurde. Um das Jahr 100 n. Chr. wurde die Befestigung noch einmal ausgebaut und verstärkt. Um das Jahr 105 kam es zum einem erneuten Wechsel der Besatzung, die erste Kohorte der Tungrianer kehrte zurück und eine größeres Lager wurde errichtet. Als schließlich der Bau des Hadrianswall begann, verlegte man die Truppe an die Mauer und das neue Lager Housesteads.

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Das Steinkastell

Laut einer Bauinschrift im Jahr 163 n. Chr. entstand in dieser Zeit das erste Steinkastell. Es ist nicht ganz klar, welche Einheit zu dieser Zeit im Lager lebte, man vermutet jedoch, es hat sich um die zweite Kohorte der Nervier, einer kleinen Infanterie Einheit gehandelt. Nach dem Jahr 211 entstand ein neuer Bau. Dieser Mal für die vierte Kohorte der Gallier, die teilweise beritten war. Die noch heute sichtbaren oberen Überreste des Steinkastells stammen aus dem 3. und 4. Jahrhundert, der letzten Bauphase des Kastells. Es ist nicht ganz sicher, wie lange die Anlage noch militärisch genutzt wurde. Allgemein gilt jedoch das Jahr 410 n. Chr. als Zeitpunkt der Aufgabe dieser nördlichen Grenze.

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Das Kastell der vierten Kohorte ist besonders gut nachzuvollziehen. Es hatte eine rechteckige Form mit abgerundeten Ecken. Die Mauer wurde durch Wachtürme an den Ecken und durch die vier Tore gesichert. Das nördliche Tor war der Hauptzugang zum Kastell und verband die Anlage mit der Versorgungsstraße (Stanegate). Die Gebäude im Inneren bestanden aus den Mannschaftbaracken, der Principia (Stabsgebäude), den Getreidespeichern, dem Lazarett, den Werkstätten und schließlich dem Wohnhaus des Lagerkommandanten.

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Das Lagerdorf

Vor den Toren des Kastells hatte sich ein kleines Dorf (vicus) angesiedelt, in dem die Legionäre Tavernen, Handwerker und Läden finden konnten. Auch ein größeres Badehaus und ein kleiner Tempel fanden sich vor den Toren des Lagers.

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Interessant war, dass bei meinem Besuch noch umfangreiche Ausgrabungsabreiten durchgeführt wurden. Die gut einsehbare Ausgrabung zeigt erstaunlich guterhaltene Flechtzäune, den Grundriss eines Rundhauses und einen Mühlstein vor einem kleinen Gebäude mit einer rechteckigen Form. Die kleinen, steinernen Vorratskammern sind noch voll mit Haselnüssen! Fast hat man den Eindruck, als wäre die Siedlung über Nacht verlassen worden und die Einwohner hätte alles unverändert zurückgelassen. Diese Siedlungsreste stammen aber noch aus der Frühzeit des Kastells und zeigen, dass einheimische Bauformen (Rundhaus) und römische (eckiges Gebäude) gleichzeitig existierten.

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Die Vindolanda-Tafeln

Die ab 1973 gefunden Holztafeln stammen aus der Zeit zwischen 85 und 130 n. Chr., als in Vindolanda die 9. Bataverkohorte stationiert war. Es handelt sich um Dienstschreiben, Listen und private Schreiben der Soldaten.

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Um den Fund besser bewerten zu können, habe ich hier mal die Erläuterungen zu einer Tafel-Serie kopiert:

„Ein interessantes Schriftstück ist ein Stärkebericht der Cohors I Tungrorum milliaria Civium Romanorum (1. Doppelkohorte der Tungrer römischen Bürgerrechts) von einem 18. Mai in einem nicht genannten Jahr des ausgehenden ersten Jahrhunderts n. Chr. Er gibt einen Einblick in den Alltag einer römischen Auxiliareinheit. Die Gesamtstärke der unter dem Kommando des Kohortenpräfekt (Praefectus cohortis) Julius Verecundus, stehenden Truppe wird in der Akte mit 752 Mann inklusive ihrer Offiziere angegeben, wobei 456 Soldaten zu verschiedenen Kommandos abgestellt worden waren. Somit befanden sich noch 296 Mann unter einem Centurio in Vindolanda, wobei von den Anwesenden rund zehn Prozent (31 Soldaten) dienstuntauglich geschrieben waren: 15 waren krank (aegri), sechs verwundet (volnerati) und zehn litten unter entzündeten Augen (lippientes). Selbst bei voller Mannschaftsstärke besaß die Kohorte nur sechs Centurionen. Von den extern abgestellten Männern waren 46 Soldaten als Gardereiter des Statthalters (singulares legati) einem gewissen Ferox (officio Ferocis) überstellt worden. Die Person mit dem Cognomen Ferox bleibt im Dunkeln, doch sie muss eine wichtige, hochrangige Stellung innegehabt haben. Mindestens zwei Persönlichkeiten dieser Zeit tragen den Beinamen Ferox: C. Pompeius Ferox Licianus (alias Ferox Licianus?), ein Höfling und Gartenbesitzer zur Zeit des Kaisers Domitian (81–96), sowie Cn. Pompeius Ferox, Suffektkonsul des Jahres 98, der möglicherweise mit der genannten Person identisch ist. Er und Ti. Julius Ferox, designierter Konsul des Jahres 99, den Plinius in höchsten Tönen lobt, könnten mit dem in Britannien anwesenden Ferox identisch sein. 337 weitere Angehörige der Tungrerkohorte waren mit zwei oder drei Zenturien nach Coria (Corbridge) abgestellt und ein Centurio hielt sich in Londinium (London) auf. Von den anderen abwesenden Soldaten, die zu Einheiten von 6, 9, 11 und 45 Mann unterwegs waren, kann die Aufgabe nicht mehr festgestellt werden. Die vom klassischen Schema abweichende Anzahl der Soldaten dieser Kohorte könnte vermuten lassen, dass sie gerade von einer einfachen Kohorte Cohors quingennaria (500 Mann) zu einer Doppelkohorte Cohors milliaria (1000 Mann) umgestellt wurde. Nach einer anderen Auslegung könnte es möglich gehalten werden, das bisherige Bild einer Garnison in dieser Region in Frage zu stellen.“

Das Museum

In der Nähe des ehemaligen Tempels liegt das heutige Museumsgebäude. In der Ausstellung kann man viele der bereits erwähnten Fundstücke bestaunen und auch einige der Vindolanda-Tafel sind dort zu sehen.

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Link zur Homepage: http://www.vindolanda.com/

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