Zitadelle Spandau 1813

Bei meinem letzten Besuch in Berlin hatte ich endlich einmal Gelegenheit, einen Ausflug nach Spandau zu unternehmen. Bei Recherchen zu anderen Themen hatte ich auch von den Kämpfen um die Festung im Jahr 1813 gelesen und da mich die militärischen Ereignisse dieser Zeit sehr interessieren, wollte ich mir das Ganze einmal vor Ort ansehen.

Geschichte der Zitadelle

Die erste befestigte Siedlung im heutigen Spandau stammt aus slawischer Zeit. Um das Jahr 1180 ist an dieser Stelle eine askanische Burg errichtet worden, deren ältestes erhaltenes Zeugnis der Juliusturm ist.

Ab 1560 wird aus der Burg nach und nach eine Festung in neuitalienischer Bauweise. Die Vorarbeiten zum Bau der Zitadelle werden im Jahr 1557 begonnen. Der eigentliche Baubeginn und die Bestückung der Festung mit Geschützen finden im Jahr 1560 statt. 1580 zieht die erste Garnison ein, 1594 wird der Festungsbau schließlich vollendet. Im Jahre 1620 beginnen die Umbauarbeiten der Stadt Spandau, die jetzt mit Wallanlagen versehen wird. Im Jahr 1636 zieht der Statthalter Graf Adam zu Schwarzenberg mit der Kriegskanzlei auf die Zitadelle.

Vor den Napoleonischen Kriegen sind nur zwei wesentliche Ereignisse zu vermelden. Schwedische Truppen lagern 1675 vor der Zitadelle und im Jahr 1691 ereignet sich eine Explosion auf der Bastion Kronprinz, woraufhin diese Bastion 1692 neu erbaut wird.

Leichenzug Gustav Adolfs. Der schwedische König Gustav Adolf war einer der berühmtesten Heerführer im 30-jährigem Krieg. Durch Androhung von Gewalt erreichte er, dass der Kurfürst von Brandenburg ihm die Festung Spandau übergab. Gustav Adolf wurde 1632 in der Schlacht von Lützen getötet. In einem feierlichen Trauerzug brachte man ihn zuerst nach Spandau, ehe er in seine Heimat überführt wurde.

Die Stadt sowie die Zitadelle Spandau lagen zur Zeit der Napoleonischen Kriege rund 15 Kilometer westlich von Berlin, da wo die Spree in die Havel mündet. Die Stadt bestand aus rund 500 Häuser, hatte 6.000 Einwohner, eine große Gewehrfabrik und eine Bierbrauerei. Die quadratische Festung mit ihren 4 Bastionen (Königin, König, Kronprinz und Brandenburg), die durch Kurtinen verbunden sind, lag ungefähr 100 Meter von der Stadt entfernt und war mit zwei Wassergräben umgeben, wodurch sie eine Insel in der Havel bildete.

Plan der Festung Spandau von 1813

Belagerung von 1813

Am 14. Oktober 1806 unterliegen die preußischen Truppen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt, und zehn Tage später ziehen die Franzosen in Berlin ein. Nach der Einnahme der preußischen Hauptstadt zogen französische Soldaten nach Spandau. Die Festungswerke waren in einem schlechten Zustand, so dass man sich am 25. Oktober zur kampflosen Übergabe entschloss. Einen Tag danach inspizierte Napoleon die Festungsanlagen von Stadt und Zitadelle und ordnete deren umgehende Wiederherstellung und Verstärkung an. Die Franzosen halten Stadt und Festung bis 1808 besetzt.

Biwak französischer Soldaten. Am 23. Oktober 1806 erschienen die ersten französischen Truppen vor Berlin und schlugen ihr Lager südlich der Stadt, auf dem Tempelhofer Feld, auf. Zwei Tage später zogen sie nach Spandau und schlossen Stadt und Zitadelle ein. Der Kommandant der Festung hisste die weiße Fahne und übergab die Zitadelle kampflos.

Danach wird die Zitadelle zwar wieder preußisch, aber 1812 richten die Franzosen erneut eine starke Garnison in Spandau ein. Nach dem gescheiterten Russlandfeldzug marschieren preußische und russische Verbände in Richtung Berlin. Der französische Kommandant in Spandau, General von Bruny lässt daraufhin die Häuser vor dem Stresow, die Potsdamer und Oranienburger Vorstädte und die Gebäude hinter der Gewehrfabrik niederbrennen, um so ein freies Schussfeld für seine Festungsgeschütze zu erhalten.

Am 31. März 1813 rückt eine preußische Division unter dem Kommando von General Bülow in Berlin ein. Vor ihm sind bereits die Korps Wittgenstein und York in Berlin eingetroffen, wodurch die preußische Hauptstadt wieder von den Franzosen befreit wurde. Am folgenden Tag gibt General von Bülow dem General von Thümen den Befehl, um die immer noch durch die Franzosen besetzte Festung Spandau eine Blockade zu legen. Für diese Aufgabe wird das 1., 2. und 3. Bataillon des 4. Ostpreußischen Infanterie-Regiments, die 12pfündige Batterie Nr. 1, zwei Kompanien des Ostpreußischen Jäger-Bataillons (vom Korps York), ein freiwilliges Jäger-Detachement des 1. Ostpreußischen Infanterie-Regiments, die Pionier-Kompanie Nr. 1 und die 6pfündige Fuß-Batterie Nr. 6 abgestellt. Insgesamt rund 2.000 Mann. Hinzu kommen von der russischen Armee 500 Mann Linien-Kavallerie und Kosaken, 3 schwere Einhörner (Geschütze) sowie sechs eiserne 10pfündige Mörser. Die Leitung der Belagerungsarbeiten wird von Major Markoff und Kapitain Meinert vom Ingenieurs-Korps übernommen. Die Franzosen verfügen über rund 2.000 Mann an Besatzungstruppen.

Porträt des Generals August von Thümen (von Anna von Baensch)

Am 12. April kann General von Thümen mit den Franzosen eine Übereinkunft treffen. Diese beinhaltet, dass die Franzosen ab dem 1. Mai die Stadt Spandau räumen und sich nur auf die Besetzung der Zitadelle beschränken sollen. Die Stadt selbst soll neutral bleiben und von keiner der Kriegsparteien besetzt werden. Durch diese Konvention gedachte von Thümen die Stadt vor der Zerstörung zu bewahren und gleichzeitig die Franzosen von der Versorgung mit Hilfsmitteln abschneiden zu können. Die Zitadelle vermochte außerdem nur rund 1.000 Mann in ihren Kasematten Unterkunft zu bieten, wobei ein Teil dieser Räumlichkeiten auch für Vorräte benötigt wurde. Aus diesen Gründen würden rund zweidrittel der Bestatzungstruppen im Freien kampieren müssen und so auch dem Beschuss der preußisch-russischen Artillerie ausgesetzt sein. Hinzu kam, dass nun ein Ausfallversuch nur in eine Richtung erfolgen konnte, was dem kleinen Belagerungs-Korps, welches außerdem durch die angrenzende Spree und Havel geteilt war, ein weites auseinanderziehen der Truppen ersparte.

Das Torhaus befindet sich in der Südkurtine und besitzt eine Zugbrücke. Es ist aus Gründen der besseren Verteidigung aus der Mitte nach Westen verschoben.

Doch sowohl Bülow als auch der preußische König sind gegen diese Vereinbarung, da beiden glauben, dass die Franzosen nur Zeit gewinnen wollen, um die Instandsetzung der Zitadelle abschließen zu können. General Bülow und der König fordern stattdessen General von Thümen auf, unverzüglich mit der Beschießung der Festung zu beginnen. Am 17. April sind 3 Wurfbatterien in Stellung gebracht und beginnen um 7 Uhr morgens mit dem Bombardement.

Die Wurfbatterien verschießen in den ersten 24 Stunden 393 Bomben und eine weitere Batterie bei Ruhleben 154 Kugeln. Durch den Beschuss flammen einige Brände in der Zitadelle auf, die jedoch schnell wieder gelöscht werden können. Am 18. April ist eine weitere Batterie aus 4 Haubitzen gegen die Spree-Schanze in Stellung gebracht worden und eröffnet das Feuer. Dem Bombardier Schulze gelingt von hier aus ein Treffer in das Pulver-Magazin, woraufhin die Spree-Schanze bzw. die Bastion Königin komplett zerstört wird.

In der Zitadelle wurden mehrfach Ausgrabungen durchgeführt.

Ein Spandauer Bürger beschreibt das Ereignis: „Bald nach 12 Uhr mittags verspürte man in allen Häusern eine gewaltige Erschütterung, so dass Türen aufgerissen, Fenster zerschmettert, Dächer heruntergeworfen und wir von dem Erdboden in die Höhe geworfen wurden. Viele Einwohner glaubten anfänglich, dass im Nachbarhaus oder in ihrem eigenen Haus eine Bombe eingeschlagen und dort geplatzt wäre. Aber bald sahen wir an den Rauchwolken, dass die Pulverkammer in der Bastion Königin in die Luft geflogen war“

 

Während der Arbeiten an der Südkurtine der Zitadelle im Jahre 1970 stieß man auf die Reste des alten Magazins, das durch die Beschießung von 1813 zerstört worden war. Beim Ausheben des Brandschuttes fanden Archäologen neben ausgeglühten Werkzeugen, Kanonenkugeln, einigen Weinflaschen und zerbrochenem Geschirr auch die im Bild zu sehenden Brustpanzer. Es handelt sich um Rohlinge, die von der nahegelegenen Schmiede zur Festung geschafft worden sind. Hier wurden sie beschossen, um die Qualität des Panzers zu prüfen.

Um 11 Uhr lösen zwei Bomben, verschossen aus der Wurfbatterie bei den Schüler-Bergen, zwei schwere Brände aus, wodurch das ehemalige alte Magazin-Gebäude komplett herunterbrennt. Auch das Gouverneursgebäude und der Julius-Turm stehen in Flammen, wodurch auch die französische Flagge verbrennt, die auf dem Turm aufgezogen worden war. Doch nun antworten die Franzosen mit ihren Geschützen, wodurch auf preußischer Seite zwei 12pfünder demontiert, 2 Artilleristen getötet und 2 Infanteristen schwer verwundet werden. Die französischen Besatzungstruppen hat man nun bis auf die Bedienungsmannschaften der Geschütze in die Stadt zurückgezogen. Durch diese Maßnahme befürchtet General Thümen nun, dass er, sobald die Zitadelle komplett zerstört sein würde, auch die Stadt beschießen müsste. Er beschließt aus diesem Grund Parlamentäre zu entsenden und den französischen Kommandanten zur Übergabe zu bewegen.

Museums-Modell der Zitadelle

Durch den dichten Rauch der brennenden Zitadelle entdeckt General Thümen erst am 19. April, dass die Bastion Königin explodiert und so eine Bresche entstanden war. Man erhält außerdem Nachrichten aus Spandau, die besagen, dass ein großer Teil des Walles in den Graben gestürzt war und die beiden Flanken der Bastion Königin sowie die einzige Brücke über den Graben völlig zerstört sein sollen. Aufgrund der Ereignisse werden auch die Einwohner von Spandau mutiger und vernageln in der Nacht einige französische Kanonen auf den Wällen. Doch trotz der Bresche zögern die Belagerer mit einem Angriff auf die Zitadelle, denn noch sind alle Außenwerke durch die Franzosen besetzt und diese durch Wassergräben geschützt.

Die Kurtine im Westen

Doch als am 20. April die Franzosen nicht bereit sind, die Festung zu annehmbaren Bedingungen zu übergeben, beginnt man mit den Vorbereitungen für einen Angriff. Den ganzen Tag über erfolgt nun der Beschuss durch alle verfügbaren Geschütze, mit dem Zweck, die französischen Besatzungen von den Wällen zu vertreiben. Gegen 19 Uhr wird die Kommunikationsbrücke an der Mühle, welche sich zwischen Stadt und Zitadelle befand unter Feuer genommen. Der Angriffsplan sieht vor, dass der Sturm auf die Festung bei Einbruch der Nacht um 22 Uhr in vier Abteilungen erfolgen soll. Die erste Truppe unter dem Kommando von Major von Sagern erhält den Auftrag, den eigentlichen Angriff auf die Zitadelle einzuleiten. Unter der Führung von Ingenieur-Kapitain Meinert und einigen früher auf der Zitadelle wohnhaften Offizieren, soll sich das 3. Bataillon des 4. Ostpreußischen Infanterie-Regiments auf 3 kleinen und 3 großen Kähnen beim Holzhofe einschiffen. Die kleinen Kähne will man mit Plänklern beladen zum Glacis führen, dort entladen, die Stellungen der Franzosen unter Feuer nehmen und so den großen Kähnen das anlanden an der rechten Seite der Bastion Brandenburg ermöglichen. Hier sollen die Truppen dann zur Bresche laufen und die Zitadelle stürmen. Die zweite Abteilung unter Major von Clausewitz erhält den Auftrag, mit dem 1. Bataillon des 4. Ostpreußischen Infanterie-Regiments einen Angriff auf das Hornwerk vor dem Plan zu unternehmen. Der ortskundige Kapitain Ludwig von der Artillerie soll der Truppe als Führer dienen, die außerdem von Pionieren mit Leitern unterstützt wird. Den Angriff der dritten Abteilung gedachte man gegen die Vorstadt Stresow zu richten. Geplant war, dass Kapitain Schmidt sich mit einigen Plänklern in Pichelsdorf einschiffen, die Havel bis hinter die Verteidigungsanlagen von Stresow hinauffahren und dort ein Angriff von hinten durchführen solle. Zeitgleich will Major von Hegener mit 2 Kompanien vom 2. Bataillon des 4. Ostpreußischen Infanterie-Regiments einen Frontalangriff über die große Straße von Ruhleben versuchen. Die vierte Abteilung soll schließlich einen Scheinangriff auf das Potsdamer Tor richten und dort auf einen möglichen Vorteil warten. Auch die Kavallerie will man einsetzen, mit den Reitern gegen die Stadt vorgehen und so auch dort für Unruhe sorgen.

Doch es kommt anders als geplant. Die Kähne für den Hauptangriff treffen nicht wie versichert um 21 Uhr, sondern erst um 2 Uhr nachts ein, also erst, als bereits alle anderen Angriffe erfolgt und zurückgeschlagen sind. Die erste Abteilung bleibt also an Ort und Stelle. Die zweite Abteilung, die eigentlich den Angriff auf das Hornwerk führen solle, verirrt sich und erreicht nur eine zerstörte Brücke, die ihr weiters Vordringen verhindert. Und auch der Angriff der dritten Abteilung über die Havel auf Stresow ist ein Misserfolg. Die Truppe verlässt ihre Kähne an einer falschen Stelle und gerät in einen Morast, wodurch der Angriff in den Rücken der Verteidiger nicht durchgeführt werden kann.  So muss auch der Frontalangriff scheitern und die Männer ziehen sich nach einigen Verlusten an Toten und Verwundeten zurück. Der gescheiterte Angriff kostet nicht nur 10 Tote und 43 Verwundete, durch den Beschuss gerät auch die Stadt Spandau in Brand und 60 Häuser werden zerstört.

Das Gebäude geht auf die erste Bauphase der Festung zurück, wurde aber im Laufe der Zeit mehrmals teilzerstört und wiedererrichtet.

Am 21. April nimmt man die Verhandlungen zur Kapitulation wieder auf. Der französische Kommandant General Baron Bruny schickt eine Abordnung von Spandauer Bürger vor die Tore, um die Belagerer um Schonung der Stadt zu bitten. Die Franzosen versuchen noch die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, aber schließlich einigt man sich am 24. April auf die Kapitulation und den freien Abzug der Besatzer. Am 27. April 1813 erfolgen die Übergabe der Festung und die Franzosen, 244 Offiziere, 2.985 Unteroffiziere und Gemeine, marschierten mit abgenommen Bajonetten aus der Zitadelle und vorbei am den Belagerern. Zurück in der Festung verbleiben 500 Kranke und Verwundete, 115 Geschütze, 5.400 Gewehre, 985 Pistolen sowie 550 Zentner Pulver und Munition.

Abmarsch französischer Truppen aus Spandau am 27. April 1813 (von C. Röhling 1913)

Um Mittel für einen Wiederaufbau der stark zerstörten Festung zu erlangen, hatte sich das preußische Militär etwas Besonderes einfallen lassen. Für 2 Groschen konnte man die Stadt, für 4 Groschen die Zitadelle besichtigen. Und die Berliner kamen in Scharen, so dass der Erlös am Ende 4.335 Taler, 10 Groschen und 3 Pfennige betrug.

Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert war für die Exerzierübungen der stationierten Soldaten bestimmt. Heute werden hier historische Kanonen gezeigt.

Heute ist die Zitadelle ein Museum sowie Ort für Konzerte und Veranstaltungen: http://www.zitadelle-berlin.de/

5 Kommentare zu „Zitadelle Spandau 1813“

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