Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Gefecht bei Lüneburg 1813

Die kleine Stadt Lüneburg im Nordosten des heutigen Niedersachsens, liegt am Unterlauf des Flusses Ilmenau, rund 50 Kilometer von Hamburg entfernt. Der wirtschaftliche Niedergang der einst im Mittelalter durch die Salzgewinnung reichen Stadt begann bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Erstmals wurde Lüneburg am 9. Juni 1803 von Franzosen besetzt. Im Jahre 1810, als Lüneburg vollständig von Frankreich annektiert worden war, hatte die einst bedeutende Hansestadt schon viel von ihrem Reichtum eingebüßt und so waren die Festungsanlagen, wie bei vielen anderen Städte der Region geschehen, nicht nach niederländischen Manier modernisiert worden.

Die Stadt Lüneburg von Süden aus gesehen.

Obwohl sich die historische Altstadt von Lüneburg bis heute sehr gut erhalten hat, ist von der Lüneburger Stadtbefestigung nur noch ein sehr kleiner Teil sichtbar.

Das lüneburger Denkmal zu Ehren von Johanna Steegen, wird von einem russischem Hussaren und einem preußischen Fülisier flankiert.

Stadtbefestigung Lüneburg

Auch zur Zeit der napoleonischen Kriege waren die Mauer, Türme und Gräben schon in einem schlechten Zustand. Das größte erhaltene Relikt der Stadtbefestigung ist der Wall und die 400 m lange Bardowicker Mauer im Norden der Stadt. Der bis zu 11 Meter breite Stallwall, der heute mit einer Baumallee bewachsen ist, besitzt eine 7,5 Meter hohe innere und eine bis 14 Meter hohe äußere Mauer.

Die Innere Mauer. Im Sockel sind noch die ursprünglichen Steine aus dem Mittelalter erhalten.

Unmittelbar vor der äußeren Mauer liegt der sogenannte Liebesgrund, der ehemalige Stadtgraben, der trockene gehalten wurde, um nicht durch sein Wasser den Salzgehalt der dort befindlichen Solequellen zu verringern. In der Stadtmauer sind noch Schießscharten und der Wehrgang sowie ein Tor erhalten. Vom Tor führte einst eine Brücke, die wegen Baufälligkeit abgerissen wurde, über den Stadtgraben zu einem Vorwerk auf der gegenüberliegenden Seite.

Die äußere Mauer vom Stadtgraben aus gesehen.

Weitere Reste der Stadtbefestigung sind der Graalwall im Westen von Lüneburg sowie einige Reste der Stadtmauer am Kalkberg. Die Stadtbefestigung aus Stein geht ungefähr auf das Jahr 1300 zurück. Nach und nach kamen weitere Mauern, Tore und insgesamt 60 Türme hinzu, welche den rechteckige Stadtgrundriss schließlich auf einer Länge von rund 4 Kilometern umschlossen.

Häuserzeile am Graalswall.

Der größte Turm, der Springintgutturm, stand im Westen. Er hatte einen Durchmesser von 14 Meter und markierte den Übergang von alter und neuer Stadtbefestigung. Heute ist sein Grundriss durch Pflastersteine markiert. Der einzige erhaltene Turm ist der aus dem 16. Jahrhundert stammende Wasserturm „Ratswasserkunst“ an der alten Ratsmühle.

Der Wasserturm „Ratswasserkunst“.

Vor dem Stadtwall erstreckte sich ein Wassergraben im Süden und Osten und ein Trockengraben im Norden und Westen. Es gab insgesamt sieben Stadttore, wobei das Grimmer Tor bereits im 14. Jahrhundert zugemauert wurde. Die Namen der Stadttore lauteten Bardowicker Tor im Norden, das Rote Tor und Sülztor im Süden, das Lüner- und Altbrücker Tor im Osten sowie das Neue Tor im Nord-Westen. Alle Toranlagen bestanden aus einem inneren und einem äußeren Torgebäude, wobei das größte und auffälligste das Altenbrücker Tor war. Ehemals führte ein Damm zum Altenbrücker Tor über den Lösegraben, in dessen Mitte ein kleines Torhaus stand. Hier erreichte der Damm das äußere Tor, das von zwei dicken Rundtürmen flankiert wurde. Hatte man den Wall durchquert, gelangte man zur Alten Brücke und schließlich zum inneren Tor, einen mächtigen 50 Meter hohen rechteckigen Bau mit Zeltdach und zusätzlichen runden Türmen an den Ecke des Gebäudes.

Das Altenbrücker Tor und die Ratsmühle.

Die Ostseite von Lüneburg, dort wo am 2. April 1813 der Angriff der Russen und Preußen auf das von den Franzosen besetzte Lüneburg erfolgte, war durch 3 Wasserhindernisse geschützt. Es handelte sich um den Lösegraben, der bei Hochwasser die Stadt vor Überflutung schützen sollte, den Stadtgraben und schließlich den Fluss Ilmenau, welcher sich hinter dem Stadtwall durch die Stadt schlängelte. Über diese Gewässer führten zwei Dämme mit Brücken durch das Lüner Tor und das Altenbrücker Tor und bildeten so die einzigen Zugänge für einen Angriff. Zwischen dem Löse- und dem Stadtgraben befand sich eine Lindenallee sowie einige Gärten und zwischen Stadtgraben und Ilmenau lag der Stadtwall. Auf dieser Seite von Lüneburg befanden auch die beiden Wassermühlen, die Abtsmühle und die Ratsmühle, sowie der kleine Stadthafen.

An der Bardowicker Mauer stehen noch heute einige aus dem Mittelalter stammende, ehemals einstöckige Buden. Diese sogenannten Fahrt- und Gerichtsknechtehäuser boten für einfache Bürger eine günstige Unterkunft.

Es gibt drei mittelalterliche Kirchen in Lüneburg. Dazu gehört die Nicolaikirche, eine dreischiffige Backstein-Basilika, die Kirche St. Johannis, eine fünfschiffige Hallenkirche aus dem 14.Jahrhundert und die St. Michaelis Kirche, deren Grundstein bereits im Jahre 1376 gelegt wurde.

Das Rathaus von Lüneburg entstand im Jahre 1230, wenig später wurde der Marktplatz vor dieses Gebäude verlegt.

Der Platz „Am Sande“, welcher noch heute von vorwiegend mittelalterlichen Bürgerhäusern umgeben ist, diente einst als Warenumschlagsplatz für Salz, Bier und Korn.

Noch heute findet man in der Lüneburger Altstadt ca. 1.400 Gebäude und Baudenkmäler aus dem Mittelalter.

Den Nachbau eines alten Ewers und eines alter Krahns findet man heute im Lüneburger Hafen am Stint.

Aufstand in Norddeutschland

Nach dem verlustreichen Russland-Feldzug der Armeen Napoleons im Jahr 1812, begann der langsame Vormarsch der Preußen und Russen, die den sich zurückziehenden Feind nach Westen verfolgten. Der Plan der verbündeten Preußen und Russland sah vor, in Norddeutschland einen Volksaufstand gegen die französischen Besatzer auszulösen. Man wollte durch diese Maßnahme französischen Truppen in dieser Region binden und Zeit für einen gemeinsamen Vorstoß auf die Elblinie gewinnen. Zu diesem Zweck gingen russischen Streifkorps, hauptsächlich aus Kosaken bestehend, unter dem Kommando von General-Major Dörnberg sowie General-Major Tschernitscheff und Oberst Tettenborn gegen Ende März 1813 von Berlin kommend über die Elbe.

Kosaken ziehen in Hamburg ein.

In Hamburg begann der Aufstand Norddeutschlands gegen die französischen Besatzer am 24. Februar 1813. Nach einigen Hinrichtungen, welche die Franzosen recht willkürlich durchgeführt hatten, weiteten sich die Tumulte am 2. und 3. März weiter aus, bis die Franzosen sich schließlich gezwungen sahen am 12. März Hamburg räumten. Am 18. März erschien Oberst von Tettenborn an der Spitze von 1.300 russische Kosaken, Husaren sowie zwei Geschützen und zog unter großem Jubel in Hamburg ein. Tettenborn sandte 500 Kosaken unter Oberst-Leutnant Benkendorf nach Lübeck, der die Stadt mit seinen Reitern am 22. März besetzte.

Streifkorps Oberst von Tettenborn

  • Kosaken Regiment Denisov VII.
  • Kosaken Regiment Sulima IX.
  • Kosaken Regiment Grebzov II.
  • Kosaken Regiment Komissarev I.
  • Nieroth Freiwillige
  • 2 Schwadronen Isumsche Husaren – Oberleutnant Gunderstrup
  • Kasansches Dragoner-Regiment – Oberleutnant Laschkareff
  • 2 Geschütze der Reitenden Don Kosaken-Batterie Nr. 1

Aufstand in Lüneburg

In Folge dieser Ereignisse wurden auch die Bürger in Lüneburg aktiv und am 18. März verließen auch hier die französischen Beamten fluchtartig die Stadt. Am 21. März um 1 Uhr mittags trafen schließlich auch in Lüneburg die ersten russischen Reiter ein. Es handelte sich zunächst um 50 Kosaken unter dem Kommando von Lieutenant Loffan vom Isumschen Husaren-Regiment, die Oberst Tettenborn aus Hamburg gesandt hatte. Schon am selben Tag begann man in Lüneburg mit der Aufstellung von Freiwilligentruppen. Am 26. März trafen weitere 100 Kosaken in der Stadt ein. Unter der Aufsicht von Lieutenant Langrehr wurde unterdessen ein Regiment Jäger zu Fuß und unter dem Kommando von Herrn von Estorff ein Husarenregiment aufgestellt. Am 28. März wurde die Sturmglocke geläutet, denn 180 Mann feindlicher Kavallerie von der französischen Division Wathier wurde aus Uelzen kommend gesichtet. Sofort bewaffneten sich die Bürger und zogen zusammen mit den freiwilligen Jägern und den Kosaken zwischen dem Sülztor und dem Roten Tor in einer langen Linie auf. Der anrückende Feind wurde beschossen und zog sich sogleich zurück. Nun besetzte man die Stadtwälle Tag und Nacht, aber in den folgenden Tagen blieb es zunächst ruhig. Am 1. April ertönte erneut der Alarm, denn man hatte erfahren, dass die französische Division Morand mit rund 2.500 Mann, darunter viele Sachsen, und 10 Kanonen aus Bremen und Tostedt kommend auf die Stadt vorrückte. Die Division bestand aus folgenden Einheiten:

Division Morand

Franzosen

  • 3 Kompanien Douaniers
  • 15 Gendarmen
  • 30 Reiter (Dragoner und Chasseurs vom 20. und 23. Regiment)
  • 1 Bataillon der 54. Kohorte der Nationalgarde (450 Mann) – Bataillons-Chef Palis
  • 1 Fußbatterie mit 3 Geschützen
  • 30 berittenen Douaniers

Sachsen

  • 2 Bataillone vom Regiment Prinz Maximilian (Oberst von Ehrenstein)
  • 1 Fußbatterie mit 6 Geschützen (Hauptmann Effenius)

Die Franzosen, die in Garlsdorf biwakiert hatten, marschierten aus Richtung Reppenstedt heran, brachten ein sächsisches und zwei französische Geschütze an der Heerstraße in Stellung und nahmen die bewaffneten Lüneburger und Kosaken, die sich den Angreifern entgegengestellt hatten unter Feuer. Die sächsische Infanterie marschierte in Zügen auf und bildete eine, auf halbe Distanz geschlossene Kolonne. So formiert und durch die französischen Douaniers (Zöllner) als Plänkler gedeckt, rückten die Angreifer vor. Schon die ersten Kanonenschüsse verscheuchten die Kosaken und auch die die Bürger sahen schnell die Zwecklosigkeit ihrer Bemühungen ein und ergriffen die Flucht. Unter ständigem Feuer der Kanonen drangen die Angreifer durch das Bardowicker Tor und über dem Wall zwischen dem Neuen Tor und dem Roten Tor in die Stadt ein. Die Franzosen marschierten zum Marktplatz wo sie ein Karree zur Verteidigung bildeten, von hier aus ging es schließlich zum Platz „Am Sande“, der als Sammelpunkt für alle Angreifer diente.

Der Platz „Am Sande“ und im Hintergrund die Nicolaikirche.

Bald war die Stadt wieder unter Kontrolle der Franzosen, wobei mehr als 20 Bürger getötet wurden. Zwei Lüneburger, die mit Waffen in der Hand aufgegriffen worden waren, erschoss man sofort standrechtlich am Altenbrücker Tor. Nach der Einnahme der Stadt besetzten die Franzosen alle Tore, mit Ausnahme des Sülztors, mit jeweils einem Geschütz, einem Offizier und 50 Soldaten.

Alliierte Truppen

Inzwischen waren die russischen Streifkorps unter dem Kommando von Dörnberg und Benckendorff sowie Tschernitscheff über Dannenberg, Luckau und Wustrow herangerückt und hatten sich am 1. April 1813 rund zwei Stunden südöstlich von Lüneburgs entfernt vereinigt. Die Infanterie wurde von Dörnberg, die Hälfte der Kavallerie von Benckendorff und die andere Hälfte von Tschernitscheff kommandiert. Zwei Kosaken Regimenter unter dem Kommando von Oberst Vlassov waren zur Sicherung der Truppen über Seehausen und dem Arendtsee bis Salzwedel gefolgt.

Verstärkt wurden die Streifkorps, die zum größten Teil aus russischen Kosaken- und einem Baschkiren-Regiment bestanden, durch ein preußische Füsilier-Bataillon, ein russisches Jäger Bataillon, 2 Schwadronen Husaren sowie einer halben preußischen Batterie, womit die Alliierten über rund 1.800 Mann Kavallerie, 740 Mann Infanterie sowie 8 Geschütze verfügten. Nachfolgend eine Aufstellung der beteiligten Einheiten. Es gibt wie immer eine große Anzahl an widersprüchlichen Angaben, um welche Regimenter es sich tatsächlich gehandelt hat und wie viele es waren. Auch die Schreibweise der russischen Namen variiert häufig in den Quellen. Hier also meine Vermutung, wie die Truppen zusammengestellt waren und wie ihre Namen lauteten:

Streifkorps General-Major und General Adjutant Tschernischeff

  • 2 Schwadronen Isumschen Husaren Regiment – Oberst Pedraga
  • Kosaken Regiment Efremov III.
  • Kosaken Regiment Grekov XVIII. – Major Puschkin
  • Kosaken Regiment Vlassov III.
  • 4 Geschütze der Reitenden Don Kosaken-Batterie Nr. 1

Im Gefecht von Oberst Baron von Pahlen kommandiert

  • Kosaken Regiment Ilowaiski XI
  • Kosaken Regiment Girova

Streifkorps General-Major Dörnberg

  • Zusammengesetztes Husaren-Regiment / Oberst Bedräga
  • Füsilier-Bataillon, 2. preußischen Infanterieregiment / 440 Mann / Major v. Borcke
  • Bataillon, 2. russischen Jäger-Regiment / 300 Mann / Major von Essen
  • 4 Kanonen, preußische Batterie Nr. 5 (Brigade Borstell) / Leutnant Retendorf

Kommandiert von General-Major von Benckendorff

  • Baschkiren Regiment /
  • Kosaken Regiment Oberst Andrev II.
  • Kosaken Regiment Oberst Melnikov IV.

Die alliierten Kommandeure hatten 2 Kosaken-Regimenter unter dem Kommando von Oberst Baron von Pahlen über den Fluss Ilmenau bei Bienenbüttel geschickt. Die Reiter sollten dort links der Ilmenau einen Scheinangriff von Süden her auf Lüneburg unternehmen, um so den Vormarsch der Infanterie von Osten zu verschleiern. Am 2. April um 9 Uhr morgens konnten die Franzosen von den Türmen der Stadt aus Kosaken erblicken, die auf Lüneburg vorrückten. An der Brücke bei Bienenbüttel hatte Oberst Pahlen vorsorglich eine starke Truppe Reiter zurückgelassen, um bei einem Rückzug nicht abgeschnitten zu werden. Zusätzlich beorderte Dörnberg ein Kosaken-Regiment nach Dahlenburg und eine Kompanie der preußischen Füsiliere sowie eine Kanone an den Übergang der Neetze an der Straße nach Dahlenburg, um die Rückzugslinie nach Dannenberg freizuhalten.

Gefecht bei Lüneburg

Die Franzosen hielten die beiden Kosaken-Regimenter unter dem Kommando von Oberst Pahlen südlich der Stadt zunächst nur für eine kleine Abteilung Plänkler und schickte ihnen deshalb lediglich eine kleine Truppe und zwei Kanonen entgegen. Doch die Kosaken konnten nicht vertrieben werden, den russischen Reitern gelang es sogar die Verteidiger auf die Stadttore zurückzuwerfen.

Der Stadtwall im Osten, mit dem Altenbrücker und dem Lüner Tor.

Dörnberg ließ nun 4 seiner Kanonen in Stellung gehen und das Lüner Tor sowie das Alterbrücker Tor im Osten beschießen, um so den Hauptangriff vorzubereiten. Diesem Beschuss begegnete Morand durch das Altenbrücker Tor mit seiner kleinen Kavallerie-Truppe und einer Kanone unter dem Kommando von Hauptmann Barrisett. Um das einsame Geschütz der Franzosen vor dem Altenbrücker Tor zu decken, wurden außerdem Schützen des sächsischen Regiments herangeführt. Auch alle anderen Tore verstärkte man durch Soldaten des 1. sächsischen Bataillons, während das 2. Bataillon auf dem Marktplatz als Reserve postiert wurde. Unter der Deckung der alliierten Kanonade griffen nun die Isumschen Husaren an, eroberten das Geschütz der Verteidiger, noch bevor die sächsische Verstärkung eingetroffen war, warfen die französische Kavallerie zurück und konnten diese schließlich gefangen nehmen. Die sächsische Verstärkung zog sich daraufhin zurück und vereinigten sich mit der Wache am Altenbrücker Tor.

Die Karte zeigt die Angriffskolonnen (rot) und die Stadttore mit ihren Besatzungen (blau).

Unmittelbar nach diesem Ereignis, es war mittlerweile 12 Uhr mittags, gab Dörnberg den Angriffsbefehl der Infanterie auf Lüneburg. Im Nordosten gingen die preußischen Füsiliere auf das Lüner Tor, im Osten die russischen Jäger auf das Altenbrücker Tor vor. Beide Infanterie-Kolonnen wurden von je drei Kanonen unterstützt. Zeitgleich erfolgte ein weiterer Angriff von Kosaken in zwei Abteilungen auf der Ostseite der Stadt unter dem Befehl von Tschernitscheff und Benckendorff. Morand erkannte nun, dass es sich doch um eine Angriff größeren Ausmaßes handeln musste und sandte seine französische Infanterie aus dem Neuen Tor im Nordwesten, um so einen eventuellen Rückzug decken zu können. Morand begab sich nun selbst zum Lüner Tor und ließ zwei Kompanien des 2. sächsischen Bataillons unter dem Befehl von Major von Lindenau heranführen. Diese trafen allerdings erst ein, als das Tor schon von den Preußen erobert und die Besatzung gefangengenommen worden war. Zuvor waren die Sachsen an diesem Tor den Preußen entgegengetreten und hatten sich mit den Angreifern ein halbstündiges Feuergefecht geliefert.

In einigen Gebäuden der Altstadt sind noch heute alte, eingemauerte Kanonenkugeln zu finden.

Im Nordosten waren die Kosaken unter Benckendorff und eine Kompanie preußische Füsiliere beim Kloster Lüne über den Lösegraben gegangen. Die Infanterie war von hier über Stege und Boote an den Wall herangerückt, überwand diesen mit einigen Leitern und gelangten so in den Rücken der Sachsen. Die Kosaken hatten mit ihren Pferden den Fluss Ilmenau durchschwommen und bedrohten nun im Norden der Stadt das Bardowicker Tor. Morand ließ die Sachsen zurücknehmen, wobei beinahe noch die Fahne des 2. Bataillons Regiment Prinz Maximilian in die Hände der Preußen fiel. Die Preußen drangen durch die Straßen der Stadt bis zur Nikolaikirche vor, während nun auch das Altenbrücker Tor von den russischen Jägern erobert wurde und Tschernitscheff an der Spitze der Isumschen Husaren in die Stadt stürmte. Beim Vorrücken in die engen Gassen nahm man viele der Sachsen gefangen. Bis zum Marktplatz wurden die Verteidiger in hartnäckigen Nahkämpfen zurückgedrängt.

Hier sammelte Morand seine Truppen und ließ eine von zwei verbliebenen Haubitzen in Stellung bringen, welche die Angreifer, die jetzt aus unterschiedlichen Richtungen auf den Marktplatz strömten, unter Beschuss nahmen. Nachdem Morand verletzt und sein Pferd unter ihm erschossen wurde, erbeuteten die Russen schließlich die Haubitze. Mit den restlichen Truppen und der zweiten Haubitze zog sich Morand aus dem Neuen Tor aus Lüneburg zurück und sammelte seine Truppen hinter einer Anhöhe.

Morand, der nun erkannte, dass die feindliche Infanterie kaum stärker als seine eigenen Truppen war, beschloss zwei Angriffskolonnen zu bilden, die zwei verbliebenen Geschütze davor zu positionieren und erneut auf die Stadt vorzugehen.

Zunächst erfolgte daraufhin ein erfolgloser Gegenangriff der Isumschen Husaren auf Morand, dann gerieten die Franzosen und Sachsen um ca. 3 Uhr am Nachmittag in das mörderische Kartäschenfeuer von Geschützen, welche die Alliierten am Neuen Tor postiert hatten. Vor dem Tor standen auch 150 Mann des preußischen Füsilier-Bataillons, welches jetzt in ein heftiges Feuergefecht mit den Angreifern verwickelt wurde. Zusätzlich bedrängten die Kosaken, die nun im Norden und Süden die Stadt umgangen hatten, die Franzosen und Sachsen in den Flanken. Schließlich wurde 4 weitere russische Geschütze im Rücken der Angreifer in Stellung gebracht, wodurch die Truppen Morands vollständig umzingelt wurde.

Das Gefecht vor dem Neuen Tor.

An dieser Stelle und zu diesem Zeitprunkt hatte sich auch die Anekdote ereignet, bei der das Dienstmädchen Johanna Stegen den Preußen dringend benötigte Munition in ihrer Schürze brachte. Die Patronen hatte sie aus einem von den Franzosen zurückgelassenen umgekippten Munitionswagen aufgesammelt. Ihr zu Ehren wurde am nördlichen Stadtwall das Johanna-Stegen-Denkmal aufgestellt.

Die Franzosen ließen sich zurückfallen und nur die Sachsen hielten zunächst dem Beschuss stand. Dann wurden auch die beiden letzten verbliebenen Geschütze unbrauchbar geschossen und General Morand sowie sein Adjutant schwer verwundet. Zudem rückten nun die Kosaken im Rücken und den Flanken immer heftiger auf den Feind vor. Oberst von Ehrenstein, der nach der Verwundung von Morand den Befehl übernommen hatte, schickte daraufhin Hauptmann Erdtel als Unterhändler zu Dörnberg. Doch der Kampf hat bereits seinen Höhepunkt überschritten und die Franzosen und Sachsen strecken noch während der Verhandlungen ihre Waffen. Um 5 Uhr war das Gefecht beendet und Morand und seine Truppe geschlagen. Es wurden 2.200 Sachsen und Franzosen gefangengenommen, 8 Kanonen, 3 Fahnen und 30 Fass Pulver erbeutet. Die Preußen verzeichneten 8 Tode und 42 Verwundete, die Russen 71 Tote und 103 Verwundete. Der verwundete Morand starb am 5. April in Boizenburg, wo er mit allen Ehren bestattet wurde. Das Gefecht war die erste größere Kampfhandlung nach dem Rückzug der in Russland geschlagenen Franzosen hinter die Elbe. Seine Bedeutung lag vor allem in der moralischen Wirkung auf die deutsche Öffentlichkeit als erster Erfolg der Verbündeten Preußen und Russen in den nun beginnenden Befreiungskriegen.

Johanna Stegen verteilt Munition.

Schon am 3. April mussten sich die Russen und Preußen mit ihrer Beute und den Gefangenen aus Lüneburg über die Elbe nach Boizenburg zurückziehen, da sich die Vorhut des Korps Davout unter dem Kommando von General Montbrun Lüneburg näherte. Am 4. April marschierte Montbrun mit 6.000 Mann in Lüneburg ein. Als Vandamme sich in den kommenden Tagen aus dem Gebiet zwischen Elbe und Aller zurückzog, besetzte Dörnberg am 11. April erneut Lüneburg. Erst als Vandamme im Mai zur Eroberung Hamburgs schritt, musste Lüneburg für längere Zeit von den Verbündeten geräumt werden.

Für das Gefecht bei Lüneburg verlieh König Friedrich Wilhelm III. die ersten Eisernen Kreuze des von ihm wenige Tage zuvor für den Befreiungskampf gestifteten Ordens. Major v. Borcke gilt allgemein als der erste Träger dieser Auszeichnung.

6 Kommentare zu „Napoleonische Kriege in Norddeutschland – Gefecht bei Lüneburg 1813“

  1. Glückwunsch zur detaillierten Darstellung, regt an zum Besuch von Lüneburg. ABER: die in Sprache und Geist des Beitrages sichtbare Parteinahme für die konservative preußisch-russische Sache gegen den französisch-modernen ökonomischen und politischen „Weltgeist“ verstimmt mich doch gewaltig, wenn auch vermieden wurde, von einem „Befreiungskrieg“ zu sprechen. D. Weigert, Berlin

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  2. Vielen Dank für euren Kommentar!
    @lliensternberlin: Da hast du vermutlich recht. Das liegt mit Sicherheit an den von mir verwendeten Quellen, die so einen Artikel natürlich auch prägen. Ich werde versuchen, das Ganze in Zukunft neutraler zu formulieren. Danke für den Hinweis!

    @Koppi: Ja, wäre schön, wenn Jens in Sachen Napoleonische Kriege (natürlich auch Norddeutschland) einen Kickstarter aufziehen würde.

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    1. Hallo Frank,
      herzlichen Dank für Deinen klasse recherchierten Bericht. Hat mir sehr gut gefallen, obwohl die Franzosen mal wieder nicht gut wegkommen bei Dir ;-)) Egal, Deine auch andere sehr lesenswerten Berichte über die Geschehnisse in Norddeutschland zeigen, dass in unsren Gefilden doch ganz gut was los war.

      Viele Grüße,
      Frank

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  3. Ein sehr schöner Bericht – wie immer sehr gut recherchiert und bebildert.

    An der Parteinahme stöhre ich mich gar nicht, von einem franz. Weltgeist war 1813 gar nichts mehr vorhanden, da galt der absolute Wille eines Diktators.

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