Die Boote der Nil Expedition (Teil 2) / Im Sudan

Die Mannschaft der Ruderboote

Vorgesehen war eine Besatzung bestehend aus 10 Soldaten und zwei Seeleuten (Kroomen) oder Kanadiern (Voyageur). Die Soldaten sollten an den Riemen arbeiten oder die Boote durch die Katarakte ziehen. Die Bootsführer hatten die Order am Ruder zu sitzen, am Bug Ausschau nach Untiefen zu halten oder die Segel zu bedienen. In der Regel verfügte jede britische Infanterie Kompanie über 10 Boote. 3 Boote waren mit den Offizieren belegt, die restlichen 7 mit Unteroffizieren und Mannschaften. Nicht jedes der Boote wurde von einem Kanadier begleitet. Normalerweise wurden jeder Kompanie lediglich 2 bis 3 Voyageurs zugeteilt. Während eines Reisetages ruderten jeweils sechs Soldaten mit je einem der Voyageur, welcher dann im Bug oder Heckbereich saß. Kamen starke Strömungen in Sicht, wurden diese entweder durch entschlossenes rudern überwunden oder man zog das Boot mit einem Seil vom Ufer aus durch die Stromschnellen. Bei stärkerer Strömung mussten sogar mehrere Bootsmannschaften zusammen ein einzelnes Boot durch denFluss treideln.

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So kam die Expedition nur quälend langsam voran. Um die Sache zu beschleunigen, wurden die Kanadier in Gruppen an den größten Flusshindernissen postiert. Auf diese Weise lernten sie die Gefahren eines bestimmten Flussabschnittes wesentlich besser kennen und konnten so den nachfolgenden Booten effektivere Hilfe leisten.

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Das voll besetzte und beladene Ruderboot ließ den Männern kaum Bewegungsfreiheit.

Auf Grund der Erfahrungen, die Wolesley während der Red River Expedition und der Ashanti Kampagne gemacht hatte, gedachte er die Bootsführer aus diesen beiden Kampagnen auch für die Nil Expedition einzusetzen. Er ließ in Westafrika Kroomen anheuern und einen telegrafischen Aufruf nach Kanada schicken, um dort sogenannte Voyageur anwerben zu lassen.

Die 266 Kroomen kamen aus Liberia. Sie waren als harte Seeleute bekannt und wurden in ganz Westafrika eingesetzt. Auf britischen Kriegsschiffen, die in tropischen Gewässern stationiert waren, verrichteten diese Männer die schweren Arbeiten an Deck und so schonte man die weißen Seeleute, die die tropische Sonne nicht gewöhnt waren. Die schwarzen Seeleute hatten allerdings einen schlechten Ruf und von den Arabern wurde die Kroomen „Englische Schwarze“ genannt. Kommandiert wurde die angeheuerte Truppe von Major C.C. Smyth, Welsh Regiment. Die Kroomen waren vorwiegend für Transportaufgaben vorgesehen. Da sie als guter Schwimmer bekannt waren, wurden sie auch bei den Arbeiten an den Katarakten eingesetzt. Die Westafrikaner litten allerdings stark unter dem Klima im Sudan und bekamen oft schweres Fieber und Erkältungen.

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Das Eintreffen der Kroomen mit dem Schiff „Michalla“ in Wadi Halfa.

Als Voyageurs wurden ursprünglich die Männer (fast ausschließlich französischer Abstammung oder Métis) bezeichnet, die Transportaufgaben im Pelzhandel in Nordamerika übernahmen. Da sich dieser Transport ausschließlich an lang der dortigen Flüsse bewegte, handelte es sich bei diesen Männer um sehr erfahrende Bootsführer. Nach der telegrafischen Anfrage des British Colonial Office vom 21. August 1884 an Lord Landsdown, dem kanadischen General Gouverneur, startete die Rekrutierung von kanadischen Voyageurs  Der Premierminister Kanadas, Sir John Macdonald hatte keine Einwände, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass Großbritannien alle Kosten für dieses Unternehmen tragen würde.

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Im Jahr 1884 gab es allerdings keine Voyageur der alten Tage mehr. Die fähigen Leute wurden deshalb unter den Flößern gesucht, die auf den Flüssen Ottawa, Gatineau und Saguenay Holz beförderten. Ein Holzhändler aus Ottawa leitete aus diesem Grund auch zum größten Teil die Anwerbung und Verwaltung der Truppe. Aus Ottawa kamen schließlich 171 Männer, 91 aus Winnipeg, 56 vom Stamm der Caughnawaga, 39 aus Trois-Rivieres, 15 aus Peterborough und ganze 6 Mann aus Sherbrooke.  Das Alter der Männer variierte stark. Der Jüngste war 18 und der älteste Mann 64. Die Hälfte der Ausgewählten sprach Englisch, die andere Hälfte Französisch und rund 100 waren indianischer Abstammung. Die Indianer waren überwiegend vom Stamm der Caughnawaga, einen Nebenzweig der Mohawk und Ojibwa. Unter ihnen auch ein Häuptling mit Namen „White Eagle“, der schon an der Red River Expedition teilgenommen hatte. Der einfache Bootsführer wurde mit 40 $, der Vormann mit 75 $ entlohnt. Neben den ausgewählten Bootsführern begleitete eine Anzahl von Militärs das Unternehmen, um als Führungskräfte und für die Verwaltung zu sorgen. Der Kommandierende Offizier war der 37-jährige Red River Veteran, Major Frederick Dension. Er wurde für die Expedition zum Lieutenant-Colonel ernannt. Insgesamt hatte man schließlich eine Truppe von 379 Bootsführern und 7 Offizieren zusammen. Das Kontingent segelte am 14. September 1884 von Montreal nach Alexandria und so verging vom Eingang des Telegramms bis zur Einschiffung nur eine Zeit von 24 Tagen. Am 7. Oktober 1884 erreichten die Männer Ägypten, doch schon vor Ankunft wurde der erste Verlust verzeichnet. Ein gewisser Richard Henderson wurde nach kurzer Krankheit eine Seebestattung zu Teil. Von Alexandria aus ging die Reise weiter nach Wadi Halfa, dass an der Grenze zwischen Ägypten und dem Sudan lag. Am 26. Oktober trafen die Kanadier mit Wolseley zusammen und nun begann die eigentliche Arbeit der Männer.

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Die kanadischen Bootsführer schiffen sich in Port Arthur am Lake Superior in Richtung Quebec ein.

Die Kanadischen Voyageur trugen dunkelgraue Norfolk Jacken und Hosen, sowie runde Filzhüte mit breiter Krempe. Viele hatten natürlich auch private Kleidungsstücke oder erhielten Ausrüstung, wie Tropenhelme, durch das britische Militär. Die Ausstattung der Offiziere hatte einen etwas helleren Grauton und auch hier wurde vielfach eine eigene, individuelle  Ausstattung getragen. Einige der Männer verwendeten auch Jerseys und Mokassins.

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Die Kandier, leicht durch die zivile Kleidung erkennbar, beim Frühstück.

Neben den Kanadiern und Westafrikanern wurden auch eine große Zahl Einheimischer und 800 Soldaten der Ägyptischen Armee eingesetzt. Diese Männer zogen vor allem die Seile, die zum Treideln der großen Flussdampfer und Segelschiffe verwendet wurden. Allein 847 Einheimische wurden eingesetzt, um die Whaler zu ihren Ausgangspunkten zu rudern und durch die ersten Katarakte zu ziehen.

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Soldaten der ägyptischen Armee wurden ebenfalls zum Transport der „Whaler“ abgestellt.

Die Herausforderungen

1. Entfernungen

Von Alexandria bis Karthoum musste eine Strecke von 2.976 Kilometern zurückgelegt werden. Bis zum 1. Katarakt bei Assuan wurde ein großer Teil der Truppen auf Dampfern und mit dem Zug transportiert (Kilometerstand: 1.125). Hinter dem 1. Katarakt bis Wadi Halfa, der Grenzstadt zwischen Ägypten und dem Sudan und dem 2. Katarakt wurden bereits die Whaler, sowie eine kleine Flotte von 7 Flussdampfer des Reiseveranstalters Thomas Cook verwendet (Kilometerstand: 1.481). Ab diesem Punkt wurden nun hauptsächlich die Whaler und einheimische Segler, sogenannte Nuggars, eingesetzt. Die Fahrt ging nach Dal, dann weiter zum 3. Katarakt bei Hannick (Kilometerstand: 1.853). Die nächste Station war Dongola und schließlich Korti (Kilometerstand: 2.097), wo sich der Sammelpunkt aller britischen Truppen befand. Von hier aus brach auch die Desert Column auf, um ihre Reise durch die Bayuba Steppe anzutreten. Die River Column legte noch rund 250 weitere Kilometer zurück. Bei Kilometer 2.348 kehrte die Expedition schließlich um.

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Ein Blick auf den. 2. Katarakt bei Wadi Halfa.

2. Stormschnellen

Neben den 6 großen Katarakten, den Granitbarrieren des Nils, gab es zahllose weitere Stromschnellen die zu überwinden waren. Allein zwischen dem 2. und 3. Katarakt lagen 10 nicht verzeichnete Katarakte: Semneh, Ambako, Tanjur, Akasheh, Dal, Amara, Sai, Kajbar, Simmet und Hannek. Insgesamt mussten die Boote auf einer Strecke von 20 Meilen durch den Nil gezogen werden. Das erste große Hindernis, der zweite Katarakt, konnten durch kombiniertes rudern, segeln und treideln erst nach 10 Tagen überwunden werden. Während dieser Tage, genau am 28. Oktober, ertrank der erste Kanadier…Louis Capitaine, ein 28-jahriger Caughnawaga Mohawk. Die Britischen Soldaten erhielten auf Grund der gefährlichen Stromschnellen zahlreiche Anweisungen zum Verhalten an Bord der Whaler. So war es strikt verboten, Personen an Bord zu lassen, die nicht unmittelbar zur Expedition gehörten. Verboten war ebenfalls, auf dem Dollbord zu sitzen. Während der Fahrt durch Stromschnellen sollten sich alle Insassen möglichst still verhalten und sich so wenig wie möglich bewegen. Bald machte man die Erfahrung, dass vor den Stromschnellen wichtige Ausrüstung ausgeladen und am Ufer getragen werden musste. Vor allem der Verlust von Waffen und Munition konnte nicht ersetzt werden.

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Das größte Hindernis der Nil Expedition, das mühsame Vorwärtskommen am zweiten Katarakt.

3. Geschwindigkeit

Es waren 13 bis 14 Stunden harte Arbeit pro Tag nötig, um die schwer beladenen Boote durch das zunehmend wilder werdende Gewässer zu schieben. Nach der Ankunft der Kanadier konnte die Geschwindigkeit jedoch erheblich gesteigert werden. Hier zahlte sich ihre Erfahrung mit kleinen Booten aus. Louis Duguay aus Trois-Rivières schrieb in die Heimat: “Wenn du uns Kanadiers sehen könntest, wärst du wirklich sehr stolz….Es war außergewöhnlich zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit die Expedition jetzt, nach unsere Ankunft, vorankommt“.

Die beiden Masten der Boote waren nur 12ft hoch, zu niedrig, um den Wind einzufangen, der durch die hohen Uferböschungen des Nils nicht unmittelbar über der Wasseroberfläche wehte. So mussten die Soldaten den größten Teil der Strecke durch rudern zurücklegen und das gegen die Störung des Flusses! Bei nicht allzu starker Strömung, konnten die Boote durch reine Ruderkraft mit einer Geschwindigkeit von 2 Meilen pro Stunde bewegt werden. Stand der Wind doch einmal günstig, konnten die Boote durch Segelkraft eine Geschwindigkeit von rund 6 Knoten erreichen. Im Gegensatz dazu hatten die einheimischen „Nuggars“ eine Segelhöhe von rund 80ft. Sie konnten dadurch selbst die kleinste Brise nutzen. Eine dieser Nuggars schaffte beispielsweise die Strecke von Dal nach Akasha in 3 Tagen, während ein Konvoi von „Whaler“ für die gleiche Distanz 23 Tage benötigte. Es gab jedoch nicht genügend dieser einheimischen Segler und einige Katarakte waren für diese relativ großen Schiffe unüberwindbare Hindernisse. An einigen Tagen zerschellten mehrere der Lastensegler an den Felsen und sanken mit der gesamten Ausrüstung auf den Grund des Nils.

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Eine der wenigen Tage, an denen die Boote tatsächlich gesegelt werden konnten.

Der Einsatz der Ruderboote

Am 1. November 1884 brachen die ersten voll beladenen Whaler mit Britischen Truppen in Gemai auf. Dieses erste Kontingent, die Hälfte der 26th Kompanie der Royal Engineers, erreichte am 10. Dezember 1884 den Ausgangspunkt der River Column, den Ort Korti. Die letzte Einheit, die zweite Hälfte der 26th. Co. Der R.E. erreichten Korti am 11. Januar 1885.

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Der Aufbruch des South Staffordshire Regiments in Korti.

Zunächst gab es eine Testfahrt mit 5 Booten unter der Führung von Major Dorward. Das Ergebnis war jedoch enttäuschend. In 27 Stunden konnten die Boote nur eine Strecke von 31 Meilen zurücklegen und das, obwohl alle Männer ständig an den Riemen und Seilen arbeiteten. 3 der Boote wurde zudem durch Steinen schwer beschädigt und mussten mit Platten aus Eisen und Blei repariert werden.

Die erste Abteilung, die Korti am 28. und 29. Dezember als Vorhut verließ, bestand aus dem Infanterie Bataillon der South Staffords, 545 Mann in 50 Booten, 2 Boote mit der 26. Kompanie der Royal Engineers und ein halber Trupp (26 Mann) der 19. Husaren.

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Das South Staffordshire Regiment bei Sarass.

Ende Dezember waren weitere 7 Kanadier gestorben. 5 Mann ertranken und 2 erlagen Krankheiten. Nun tauchte ein weiteres Problem auf. Der Vertrag mit den Kanadiern endete am 9. März. Um die Männer zu einer Verlängerung zu ermutigen, wurde jedem weitere 20 $ pro Monat angeboten. Trotzdem willigten nur 89 der Voyageur ein. Durch die Dessert Column, die nun ihre Reise durch die Wüste antrat, wurden für die restlichen Truppen nicht mehr so viele der Kanadier benötigt, woraufhin die Männer, die den Vertrag nicht verlängert hatten, schon im Januar zurückkehrten. Auf der Heimreise fielen zwei Männer aus Ottawa aus dem fahrenden Zug und wurden dabei getötet. Im Februar bestiegen die Männer in Alexandria ihr Schiff in Richtung Heimat, wo am 6. März den Heimkehrern in der Hauptstadt Ottawa ein jubelnder Empfang bereitet wurde. Die kanadische Presse schrieb, in typisch viktorianischer Manier: „Hurra tapfere Herzen, gut und mutig hab ihr eure Arbeit verrichtet, obwohl die Zeit hart und gefährlich war. Freudig und furchtlos habt ihr der Gefahr entgegengesehen und sie überwunden! Willkommen zu Hause, eine Ehre für eure geschätzte Heimat, die euch stolz begrüßt und mit großer Freude rühmt.“

Zu dieser Zeit waren jedoch die verbliebenen Kanadier noch lange nicht am Ende ihres Abenteuers angelangt. Schon bald darauf erreicht die River Column die Nachricht vom Scheitern der Expedition. Khartoum war erobert worden und Gordon tot. Nun ging es an die Rückfahrt und die Kanadier waren erneut gefordert. Mit der Strömung ging die Reise nun deutlich schneller von statten. Für eine Passage von 30 Tagen, wurden nun nur 9 Tage benötigt. Am 8. März 1885 erreichte die Truppe Korti. Hier verließen die restlichen Kanadier die River Column und am 13. März auch Ägypten. In der Zwischenzeit starben jedoch weitere 4 Männer an Krankheiten und selbst auf der Heimreise, bei einem Aufenthalt in England, starb noch ein weiterer Kanadier. Insgesamt verloren also 16 Kanadier ihr Leben. Am 15. Mai 1885 erreichten die übrigen Männer Montreal und Kanadas erste Übersee-Mission war beendet.

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Über dieses Abenteuer der Kanadier wurde sogar ein Gedicht verfasst:

Canadian Voyageurs On The Nile

Von James McIntyre

The British soldiers on the Nile
With gratitude did kindly smile,
On the Canadian voyageurs
Who skilfully did ply their oars.

And they invoked their benison
On boatsmen led by Denison,
Neither the rapids nor the falls
Along the Nile these braves appals.

For in such toils they did partake,
On each native stream and lake,
Thoughts of their homes in visions throng,
While singing Canadian boat song.

And they all hoped again to see
The glorious land of maple tree,
From their memories they never
Forgot the land of lake and river.

While up the Nile they do advance
They dream about their own St. Lawrence,
And Manitoba’s streams and lakes,
Pleasant reflections oft awakes.

And thus each day they cheerful toil,
Ascending of old Father Nile,
Whose waters fertilize the soil,
And is the home of crocodile.

Wolseley he had exhibition
In Red River expedition,
How these voyageurs could steer,
Or with the axe a roadway clear.

Those who speak the tongue of France,
From the banks of the St. Lawrence,
At call to arms quick advance,
With rifle, bayonet and lance.

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Diese Silber-Trophäe zeigt eines der Nil-Boote.

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